Die XP-Distribution im Kurztest

Windows XP im Unix-Test

01.09.2002
Schon länger auf dem Markt ist die OS-Distribution des Herstellers Microsoft, die unter dem Namen "Windows XP Home Edition" vertrieben wird. Wir haben geprüft, ob dieses Produkt mit aktuellen Linux-Systemen mithalten kann.

Nachdem in den letzten Monaten in Linux-Foren häufiger Beiträge über Windows XP auftauchten, haben wir uns entschieden, einen Blick auf das uns unbekannte System zu werfen. Der Hersteller bewirbt sein Produkt als modernes PC-Betriebssystem, das robust und für alle Aufgaben gewappnet ist. Bietet der Markt also eine ernsthafte Alternative zum Standardsystem Linux?

Zum Praxistest gehört eine Untersuchung der üblichen Vorgänge: Installation des Betriebssystems auf einem Rechner mit bereits installiertem Betriebssystem, Konfigurationsmöglichkeiten, Ausstattung und die Einbindung in ein lokales Netzwerk.

Wer Windows testen möchte und auf der Web-Seite des Herstellers nach einem ISO-Image zum Download sucht, wird enttäuscht: Zwar finden sich einzelne Update-Pakete im exe-Format, doch ein Download des gesamten Produktes wird nicht angeboten. Soll Windows auf die Platte, ist also der Kauf einer Windows-Distribution notwendig. XP kann nur über den Fachhandel bezogen werden und schlägt mit stolzen 229,- Euro zu Buche. Aus einem laufenden Linux-System heraus lässt sich XP nicht installieren, auch ein Cross-Update ist nicht möglich; lediglich ältere Versionen von Windows können aktualisiert werden.

Abbildung 1: Der XP-Desktop im fvwm95-Look - mit installierten GNU-Tools lässt sich damit einigermaßen arbeiten

Bootet man von der CD, kommt es zu einer unerwarteten Überraschung: XP erkennt die Linux-Partitionen nicht und schlägt das Löschen des Systems vor. Für die erfolgreiche Installation ist also eine vorherige Repartitionierung mit anderer Software notwendig - hier hätten wir uns einen Linux-Partitions-Resizer gewünscht: So viel Service darf man für über 200 Euro schon verlangen.

Ist ausreichend Plattenplatz frei, läuft die XP-Installation schmerzlos ab. Leider überschreibt XP dabei ohne Vorwarnung den installierten Boot-Manager, so dass nach dem Neustart von Diskette gebootet werden muss, um LILO neu zu installieren und damit eine Betriebssystemauswahl zu ermöglichen. Zwar verwendet XP einen eigenen Boot-Manager, der prinzipiell auch Linux-Systeme starten kann, doch wird von dieser Möglichkeit bei der XP-Installation kein Gebrauch gemacht.

Alles so bunt hier

Beim ersten XP-Start verschreckt das System mit einer allzu bunten Oberfläche, die offensichtlich dem XP-Theme von KDE nachempfunden wurde. Glücklicherweise lässt sich die Darstellung so anpassen, dass XP das gleiche Look & Feel wie ein älteres Linux-System mit dem Window Manager fvwm95 bietet.

Die XP-Distribution wird ohne GNU-Tools ausgeliefert - diese müssen erst umständlich von der Web-Seite eines Drittanbieters (http://sources.redhat.com/cygwin/) nachinstalliert werden. Will man mit Bordmitteln arbeiten, steht nur die sehr rudimentäre cmd-Shell zur Verfügung, die zudem noch unglücklich im Startmenü versteckt ist.

XP weicht vom Standard ab und bindet Datenträger nicht über Mount-Points, sondern über die Zuordnung so genannter "Laufwerksbuchstaben" ein; außerdem wird als Pfadtrennzeichen der Backslash statt des einfachen Slashs verwendet. Hat man sich an diese Konvention gewöhnt, kann man zumindest durch die Verzeichnisse navigieren. Wer es lieber grafisch hat, darf hierfür auch den gelungenen Datei-Manager explorer verwenden, der sich aus der Shell heraus oder über ein Icon aufrufen lässt.

Netzwerk? Nur bedingt

Die Anmeldung an einem lokalen DHCP-Server bereitete keine Probleme, so dass der XP-Rechner schnell im lokalen Netz eingebunden war und auch auf das Internet zugreifen konnte - die vom NFS-Server bereitgestellten Home-Verzeichnisse konnten allerdings nicht gemountet werden. Eine Recherche im Internet bestätigte den Verdacht, dass XP das NFS-Protokoll nicht beherrscht. Um File-Sharing-Dienste zu nutzen, muss auf dem Server also ein zusätzlicher Daemon-Prozess (Samba) gestartet werden.

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