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Entwicklungsumgebungen im Vergleich

01.02.2002
Entwicklungsumgebungen haben die Aufgabe, die Programmierung von Software zu vereinfachen. Wir geben einen Überblick über die interessantesten Produkte.

Linux gilt seit jeher als ein Schlaraffenland für Programmierer. Es gibt kaum eine Sprache, die nicht unter dem freien Betriebssystem zur Verfügung steht. Allen Sprachen gemein ist ihr Manko der etwas kryptischen Bedienung. Gerade Umsteigern, die bisher mit VisualBasic eine grafische und bei der Programmierung unterstützende Oberfläche gewohnt sind, bereiten die Kommandozeilen-Compiler Kopfzerbrechen. In der letzten Zeit hat sich die Situation glücklicherweise gebessert. Immer mehr grafische Umgebungen machen die Entwicklung von Software zu einem Kinderspiel. Im Folgenden möchten wir Ihnen eine kleine Auswahl dieser integrierten Entwicklungsumgebungen (Integrated Development Enviroment, kurz IDE) vorstellen.

Einmarsch

Angetreten sind Anjuta in der aktuellen Beta-Version 0.1.8, KDevelop 2.0.2, KDE Studio Gold 3.0, sowie Kylix 2. Im Gegensatz zu Anjuta und KDevelop handelt es sich bei den zwei zuletzt genannten Umgebungen um kommerzielle Software. Das KDE Studio der Firma theKompany ist in einer abgespeckten, freien OpenSource-Version erhältlich, wohingegen Kylix der Firma Borland nur für nicht-kommerzielle Projekte frei genutzt werden darf. Alle im Folgenden vorgestellten Programme lehnen sich in ihrer Bedienung sehr stark an ihre Windows-Vorbilder an. Als Arbeitsgrundlage dient bei allen Kandidaten das Konzept des Projekts. In der Regel ist dies nichts anderes als eine Sammlung aller Dateien, die für das zu erstellende Programm benötigt werden. Hierzu zählen neben dem Quellcode die verwendeten Bibliotheken und die Dokumentation. Einige IDEs lassen es sogar zu, mehrere Programme sowie Bibliotheken innerhalb eines Projektes zu verwalten. Mit Ausnahme von Kylix bringen die Umgebungen keinen eigenen Compiler und die dazugehörigen Hilfsprogramme mit. Stattdessen greifen sie ausnahmslos auf die entsprechenden GNU Kommandozeilen-Werkzeuge zurück. Sie sind daher mehr ein zentraler, grafischer Aufsatz denn ein eigenständiges Produkt. Wer von Windows und den dortigen Entwicklungsumgebungen der Hersteller Microsoft und Borland kommt, wird zudem die eingebauten Dialog-Editoren vermissen. Mit ihrer Hilfe lassen sich Fenster, Dialogboxen und deren Inhalte ähnlich wie in einem Malprogramm erstellen. Wenn überhaupt, greifen die aktuellen IDEs hierfür auf externe Software zurück. Ist diese auf Ihrem Rechner nicht installiert, muss der benötigte Quellcode vom Programmierer selbst zeitraubend per Hand eingegeben werden. Lobenswert ist hingegen, dass alle Entwicklungsumgebungen mit Ausnahme von Kylix die direkte Erstellung von distributionsfähigen Paketen, wie beispielsweise im RPM-Format ermöglichen. Trotz der genannten Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die vier Anwendungen stark von einander. Worin diese Unterschiede im Detail liegen, soll im Folgenden gezeigt werden. Gleichzeitig stellen wir die einzelnen IDEs etwas näher vor.

Anjuta 0.1.8

Die unter der GPL stehende Entwicklungsumgebung Anjuta ist in der aktuellen Version der Beta-Phase noch nicht ganz entwachsen und somit das jüngste der hier vorgestellten Projekte. Trotzdem macht es bereits einen vielversprechenden Eindruck. Anjuta zielt in seiner jetzigen Version auf die Entwicklung von Gtk, beziehungsweise GNOME-basierten Anwendungen. Daher verwundert es nicht, dass es selbst auf dieser Basis erstellt wurde. Anwendungen, die Qt oder KDE verwenden, unterstützt Anjuta nicht direkt. Zwar sind alle Assistenten und Hilfeeinträge vollständig auf Gtk und GNOME ausgerichtet, wer diese jedoch gewissenhaft ignoriert, kann problemlos Qt basierende Programme erstellen. Da dies ein ziemlich steiniger Weg ist, sollten Qt-, beziehungsweise KDE-Entwickler lieber zu KDevelop oder KDE Studio greifen.

An Programmiersprachen versteht Anjuta C und C++. Die Anbindung an weitere Sprachen, wie zum Beispiel Java, sind in Planung oder werden bereits teilweise unterstützt. Bei der Erstellung eines neuen Projekts geleitet ein Assistent den Benutzer in wenigen Schritten zum gewünschten Ziel.

Sechs Mausklicks später steht in unserem Test bereits ein Skelett der zu erstellenden Anwendung. Alle Projekte legt Anjuta automatisch im Verzeichnis Projects ab. Diese Pfadangabe lässt sich zwar in den Einstellungen ändern, eine Nachfrage, ob und wo Verzeichnisse erstellt werden sollen, wäre nicht nur an dieser Stelle wünschenswert. Bei der Anzahl der erzeugten Dateien wird nicht gekleckert: Ohne die sonst übliche Dokumentation in Form der obligatorischen README und INSTALL Dateien werden für ein simples Hello-World-Programm in C minimal eine, in der Regel aber zwei Dateien benötigt (ein Makefile für den Kompilierungsvorgang und eine zweite Datei mit dem eigentlichen Quellcode).

Anjuta legt in den Standardeinstellungen drei Verzeichnisse mit insgesamt 64 Dateien an. Darüber hinaus empfehlen wir, das Hauptfenster von Anjuta nicht auf den gesamten Bildschirm zu vergrößern, da die Software Meldungs- und weitere wichtige Dialogfenster gerne im Hintergrund versteckt.

Sehr komfortabel ist der Editor zum Bearbeiten des Quellcodes. Per [Strg+Eingabe] lässt sich sogar eine Autovervollständigung einschalten. Sie blendet an der aktuellen Cursor-Position eine Liste aller, an dieser Stelle zur Verfügung stehenden Funktionen ein (vgl. Abbildung 3).

Des weiteren lassen sich mit Anjuta fremde Textdateien der verschiedensten Formate, wie Java-Quellcode oder LaTeX-Dateien, laden und bearbeiten. Für eine Vielzahl von Textformaten bringt die Entwicklungsumgebung entsprechende Vorlagen für farbliche Hervorhebungen mit.

Sehr gut gefiel uns auch die Möglichkeit, Funktionen und Klassen über ein Plus- und Minussymbol links neben dem eingegebenen Code schnell ein- und ausblenden zu können. Dies fördert die Übersichtlichkeit nicht nur bei großen Projekten. Bei den angebotenen Funktionen ist an dieser Stelle leider schon Schluss <\#208> Gruppenarbeit und Datenaustausch unterstützt Anjuta nicht. Es existiert lediglich ein komfortabler Zugriff auf den Debugger Gdb, ein Standardprogramm zur Fehlersuche. Die grafische Erstellung einer auf Gtk basierenden Anwendungsoberfläche erfolgt über das externe Programm Glade (vgl. Seite 26). Die angebotene Hilfe ist gerade ausreichend und beschränkt sich im wesentlichen auf eine knappe Beschreibung der wichtigsten Menüpunkte. Für eine Dokumentation der Bibliotheksfunktionen greift Anjuta auf externe Quellen zurück.

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