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Jagged Alliance 2

Die Linux Games sind da!

01.06.2001
Kämpfen für die Freiheit. Mit diesem Spiel kann man fast schon sagen: "Es kommt ein Klassiker auf den Linux-Rechner!" Sir-tech hat mit JA2 eine bis dato unbekannte, gelungene Mischung aus Action-Spiel und Strategie-Simulation hingelegt, die die Herzen vieler Spieler im Sturm eroberte. Nicht von ungefähr war schon der Vorgänger, Jagged Alliance, bereits 1995 Strategiespiel des Jahres.

Die Kanadische Firma Tribsoft hat sich nun um eine Linux-Umsetzung des Spiels gekümmert, die wiederum unter anderem von der deutschen Firma Titan unter die Leute gebracht wird. Fast noch komplexer als diese Zusammenhänge gestaltet sich das Spiel – aber fangen wir von vorne an.

Wenn im Fernsehen mal wieder über ferne Länder berichtet wird, in denen irgendwelche Diktatoren ihr Unwesen treiben und reihenweise Leute unterdrücken, Kinder misshandeln etc., dann wirkt das irgendwie weit weg, und außerdem kann man ja doch nichts daran ändern.

Oder doch? Jagged Alliance 2 handelt von genau so einem Land. Eine böse, böse Tyrannin namens Deidranna hält das kleine, bettelarme Land Arulco mit größter Härte in Knechtschaft und unter widrigen Bedingungen presst sie auch das Letzte aus ihren gepeinigten Untertanen, um das so gewonnene Geld für Militär und ihren Terrorstaat auszugeben.

Der frühere Herrscher, längst tot geglaubt, versteckt sich im Ausland und beauftragt Sie als erfahrenen Söldner, mit einer angeworbenen Truppe das Land von seiner Herrscherin zu befreien. Dazu bekommt man von ihm gerade mal 40.000 Dollar Startkapital. Dieser ganze Vorgang ist in einen sehr gut gemachten, recht langen Einführungsfilm zu Beginn des Spiels gepackt.

Das Spiel kommt in einer typischen DVD-Kunststoffschachtel daher, deren harte Kunststoffhalterung nicht gerade zimperlich mit der dort bombenfest geklemmten CD umgeht. Erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man die zweite, zur Installation erforderliche CD in einer Papierhülle hinter dem Handbuch versteckt. Nach dem Starten des Installationsprogramms begrüßt einen ein simples Shellskript mit immerhin vier Installationsvarianten, welche zwischen 305 und 850 MB an Platz auf der Festplatte verlangen. Trotzdem: Angesichts kostenlos erhältlicher, komfortabler Installations-Tools hätte eine etwas "klickfreundlichere" Installation nicht geschadet.

Die Anleitung präsentiert sich in Form eines 50-seitigen, bebilderten Heftchens, welches einen ausführlich in alle Belange des Spieles einweist – in der uns vorliegenden Version allerdings in Englisch. Anfangs hilfreich ist vor allem die Kurzreferenz auf den ersten drei Seiten der Anleitung, denn es sind nicht gerade wenige Funktionen und Tasten einzuprägen. Das Spielziel – Befreiung des Landes Stück für Stück, Akquise von neuen Verbündeten, Geld, Rohstoffquellen und Ausrüstung – ist selbst auf der leichtesten Spielstufe nur mit Grips und Einsatz zu erreichen.

Nach der Intro-Sequenz fällt zunächst die arg simpel gestrickte Grafik mit der mageren, nicht änderbaren Auflösung von 640 x 480 eher unangenehm auf. Doch wie wir alle wissen, definieren sich Strategiespiele oft nicht primär über ihre Grafik. Wer sich also davon nicht abschrecken lässt, der wird bald feststellen, dass JA2 ein Spiel ist, dessen Spieltiefe für Linux-Software neue Maßstäbe setzen dürfte.

Auf der anderen Seite tut man Jagged Alliance unrecht, wenn man es in die Schublade "Strategiespiel" zwingt: Auch wenn man meinen möchte, dass letztlich alle Computerspiele entweder darauf hinauslaufen, dass man entweder irgendwo herumrennt und etwas jagt oder irgendwo weit oben irgenwelche Ressourcen managed – Jagged Alliance bietet beides und noch mehr, allerdings mit Schwerpunkt auf Strategie. Im Grunde definiert die gelungene Mischung von übergreifender Strategie und direktem Kontakt zur Detailhandlung mit Rollenspielelementen ihr eigenes, neues Genre.

Das Spiel läuft primär in vier Ebenen:

  • Da wäre erstens der Laptop. Er verbindet den Spieler mit einem virtuellen Internet, in dem sich unter anderem Informationen beschaffen, Waffen kaufen, Söldner anheuern und E-Mails verschicken lassen. Mittelfristig ein unverzichtbares Hilfsmittel.
  • Des weiteren eine Art Gesamtübersicht, in der man die Zusammensetzung seiner Söldnergruppen bestimmen, Reiserouten festlegen und in alle anderen Übersichten schalten kann. Allein die Landkarte in dieser Übersicht kennt ein überirdisches und dazu noch drei unterirdische Levels, die man alle im Auge behalten muss.
  • Drittens eine Art "Action"-Modus, in dem man bei Feindberührung in bester Rollenspiel-Manier seine Kämpfer einen nach dem anderen Zug um Zug gegen die Gegner antreten lassen muss. Jeder Söldner hat auch wie in einem Rollenspiel ganz bestimmte Eigenschaften und Stärken, deren Art und Qualität den Ausgang jeder Kampfrunde mitbestimmen. Gerade in diesem Modus ist gutes Taktieren gefragt, sonst ist man schnell ein paar teure und wertvolle Kampfgefährten los.
  • Als vierte Ebene kommen die ständig eingestreuten Zwischensequenzen hinzu, die beim Erreichen kleinerer Etappen und Spielziele jeweils die Handlung fortführen und so den Spieler in seiner Aufgabe unterstützen und lenken.

Viele Zusatzelemente vergrößern die Variationsmöglichkeiten bis gegen Unendlich – so kann man sich etwa selbst Gerätschaften aus Einzelteilen zusammenbauen und diese wiederum mit bis zu vier anderen kombinieren. Dabei kommen Zutaten wie Kaugummi, Stahlrohre, Superkleber und derlei zum Einsatz. Kein Problem also, die eigene Lieblingskanone in Heimarbeit mit Laserpointer, Stativ, Zielfernrohr und Laufverlängerung zu verzieren – McGyver lässt grüßen.

Natürlich hat man anfangs aufgrund des geringen Startkapitals nicht die Möglichkeit, sich eine Armee von Spitzenkämpfern zu mieten. Mit den gegebenen Ressourcen gilt es, vorsichtig und umsichtig einzukaufen und zu taktieren. Schon nach kurzer Zeit ergeben sich erste Kontakte zu versprengten Rebellen, die einen mit Rat und Tat, bisweilen auch mit Leuten unterstützen. Später gesellen sich auch die Bürger von Arulco dazu, die sich zu Milizen ausbilden lassen und für die gute Sache ihre Minen fördern lassen, so dass dann endlich das dringend benötigte Geld in die Kassen kommt.

Jeder einzelne Söldner und Milizionär hat wiederum wie in einem Rollenspiel eine individuelle Ausrüstung, mit der er je nach seinen besonderen Fähigkeiten zum Beispiel die Ausrüstung anderer reparieren, Schlösser öffnen, Verletzte heilen oder Dinge bauen kann – und vieles mehr. Hier eröffnen sich dem geduldigen Spieler mit viel Zeit endlose Möglichkeiten zur Optimierung. Selbst die gute Organisation einer simplen Feindberührung mit durchdachten Zugfolgen und gut verteilten Leuten kann locker mal ein halbes Stündchen andauern – Gott sei Dank hat das Spiel für ungeduldige Zeitgenossen, die sich lieber auf das "globale" Geschehen konzentrieren, eine Funktion zum automatischen Auswürfeln ganzer Feindbegegnungen in Petto.

Der Sound ist gut gemacht und stellt sich fein auf das Geschehen ein – Geräusche kommen stets von dort, wo sie auch entstehen, die Hintergrundmusik ist unaufdringlich aber nicht langweilig. Allerdings gerät sie ab und zu etwas ins Stocken. Dafür kommt mit JA2 endlich wieder mal ein Spiel, das von sich aus auch ESD unterstützt – das heißt: Eventuelle System-Sounds oder die eigene Lieblingsmusik können auf jeder noch so alten Sound-Karte parallel zum Spiel gehört werden.

Schmerzlich vermisst haben wir in diesem Spiel die Möglichkeit für Multiplayer-Szenarien. Gerade im Bereich der Strategiespiele mit nichtlinearen Zeitabläufen haben andere schon gezeigt, dass so etwas problemlos möglich und auch sehr unterhaltsam sein kann. Dass diese Möglichkeit fehlt, muss man leider als großen Minuspunkt werten.

Ein derartig komplexes Spiel erfordert natürlich auch ein aufwendiges Interface zur Bedienung. Hier hat SirTech bei gelungener Aufteilung des mageren Platzes Großartiges geleistet. Details wie ein Verzeichnis von Inventar nach Landkartensektoren, durch das man immer gleich sieht, in welchem Bereich welche Ressourcen zur Verfügung stehen, und sinnvoll geordnete Tabellendarstellungen mit farblicher Hervorhebung strategisch wichtiger oder entscheidungsrelevanter Einträge machen das Spiel zum Genuss. Dringend notwendig wäre allerdings eigentlich eine Tastaturschablone, denn zum flüssigen Spielen muss man sich bald mehr Tasten merken als bei einem Flugsimulator.

Letztendlich gibt aber die gelungene Integration der verschiedenen Spielebenen Jagged Alliance 2 das gewisse Etwas: Man wechselt ganz natürlich von der taktischen Übersicht in den Aktionsmodus, hat nie das Gefühl, etwas zu verpassen oder die Übersicht zu verlieren, denn wann immer es eng wird, kann man die Spielzeit anhalten und in Ruhe entscheiden, was zu entscheiden ist. Durch die rundenbasierte Abwicklung von Kampfhandlungen hat man auch dabei nicht die Sorge, dass der Gegner einem ein neues Loch in den Hut fabriziert, während man gerade den nächsten Schritt erwägt.

Fazit

Dieses Spiel kann einen monatelang beschäftigen. Obschon das Spiel in technischer Hinsicht teilweise als veraltet und die magere Auflösung als geradezu anachronistisch bezeichnet werden muss (was auch die Gesamtbewertung negativ beeinflusste), hat Tribsoft mit der Umsetzung auf Linux – wenn man von der spartanischen Installation und einigen Speicherlecks, deren Behebung schon in Arbeit ist, absieht – eine solide und saubere Leistung hingelegt. Auffällige Fehler oder Abstürze traten während unseres Tests nicht auf.

Vom Gameplay her ist diese schon vielfach und weltweit prämierte Söldner-Simulation der Extraklasse ein echter Knaller, der seinen eigenen Stil definiert – für Strategiefans ganz klar ein Kauf.

Bewertung:Ja2

Langzeitspielspaß: 90%
Grafik: 35%
Sound: 80%
Steuerung: 85%
Multiplayer:  0%
Originalität:  90%
Komplexität:  95%
Gesamtwertung: 80%

Auf der Tribsoft-Web-Seite finden sich unter anderem eine Liste von Bezugsquellen für dieses Spiel und Linux-spezifische Diskussionsforen dazu. Übrigens - für die nahe Zukunft ist schon die Portierung der Spielerweiterung "Unfinished Business" auf Linux angekündigt – man darf gespannt sein.

Der Autor

Fionn Behrens ist Student der technischen Informatik. Aber man kann ja nicht immer nur studieren… Im Netz erreichbar ist er als Fionn im IRCnet

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