KDE 2.0 ist nicht nur eine Desktop-Umgebung, sondern bringt zusätzlich eine ganze Anzahl qualitativ hochwertiger Anwendungen mit. KOffice, das in einer Beta-Version bereits in KDE 2.0 enthalten ist, zählt derzeit sicherlich zu den vielversprechendsten KDE-Projekten. In diesem Artikel gibt Ihnen LinuxUser einen Überblick über den derzeitigen Stand dieses neuen Office-Pakets für Linux.
Als die Entwicklung von KOffice begann, besaß jede andere auf dem Markt erhältliche Anwendung ihr eigenes “Look & Feel”. Große Software-Pakete, wie Applixware oder StarOffice, waren noch nicht kostenlos und schon schon gar nicht als Open-Source- Software erhältlich.Die Grundidee war damals also, ein Office-Paket zu entwickeln, das sich nahtlos in die KDE-Umgebung einpasst und den Mammutpaketen auch hinsichtlich Performance überlegen ist.
Derzeit umfasst KOffice folgende Komponenten: KWord (Textverarbeitung), KSpread (Tabellenkalkulation), KIllustrator (Vektormalprogramm), KChart (Diagramme, Visualisierung von Tabellen) und KPresenter (Präsentationsprogramm). Diese Programme sollen nach den Vorstellungen der Entwicklergemeinde aber nur den Anfang bilden. Weitere Komponenten, wie z. B. KImageShop (Bildbearbeitung, die vermutlich bald offiziell in Krayon umbenannt wird), Kivio (Geschäftsgrafiken und Organigramme) oder Katabase (Datenbank), sind bereits in Arbeit und sollen z. T. den Weg in eine der späteren Versionen des Office-Paketes finden.
Unsere ersten Gehversuche vollziehen wir in diesem Artikel anhand der “pre-BETA1”, die übrigens auch SuSE-Linux 7 beiliegt. Dass es sich hierbei um eine BETA-Version handelt, spürt man noch deutlich: die einzelnen Programme verhalten sich instabil und stürzen häufig ab. Sichere Daten sollte man den Applikationen zum momentanen Zeitpunkt besser noch nicht anvertrauen. Unter http://www.koffice.org finden Sie die jeweils aktuellste Version des Programmpakets. Es ist recht wahrscheinlich, dass in absehbarer Zeit eine erste stabile Final-Version vorliegen wird.
Wunderwaffe KParts
Die Integrationsfähigkeit der einzelnen Office-Komponenten ist das herausragendste Merkmal von KOffice. Dazu nutzen alle Bestandteile des Pakets das unter KDE 2 zum Einsatz kommende Komponentenmodell “KParts”. Mit ihm wird es möglich, Teile einer Anwendung in anderen Programmen wiederzuverwenden. So können z. B. alle Teile der Tabellenkalkulation KSpread auch in KWord verwendet werden und umgekehrt.
KPart wurde extra für KDE 2 geschrieben. Obwohl die Anwendungen prinzipiell auch unter früheren KDE-Versionen oder unter GNOME laufen, kann man dort die besonderen KDE-Dienstleistungen, die KPart mit sich bringt, nicht nutzen. Zu diesen Besonderheiten zählen z. B. die automatische Übernahme des aktuell verwendeten Desktop-Themas oder Drag-and-Drop.
Flotter Start
Um ein Programm aus KOffice zu starten, haben Sie zwei verschiedene Möglichkeiten: Sie können die benötigte Anwendung wie gewohnt direkt über das Startmenü aufrufen oder aber den KOffice Workspace verwenden. Bei Letzterem handelt es sich um eine Art Kommandozentrale, die in etwa dem Desktop aus neueren StarOffice-Versionen entspricht. Hier werden alle Hauptapplikationen unter einem Dach zusammengefasst und somit wird ein komfortabler Zugriff auf alle Anwendungen des Paketes geboten.
Der Start einer KOffice-Komponente erfolgt im Vergleich zu den bereits etablierten Office-Paketen erstaunlich schnell und auch die Lade- und Rechenzeiten während der Arbeit halten sich erfreulicherweise in Grenzen. Für jedes Dokument öffnet sich, wie bei Unix-Programmen allgemein üblich, ein eigenes Fenster. Der Aufbau der Menüs und Symbolleisten erinnert dabei etwas an Applixware Office.
Eine interessante Möglichkeit, gerade für große Dokumente, stellen die sogenannten “Views” dar. Dabei wird das aktuelle Dokument gleichzeitig in mehreren Fenstern geöffnet, so dass es auf verschiedene Arten und an verschiedenen Stellen gleichzeitig betrachtet und bearbeitet werden kann.
Die einzelnen Anwendungen kennen zur Zeit nur ihr eigenes Dateiformat (für alle interessierten Leser: es handelt sich dabei um ein “normales” tgz-Archiv, das XML-Dateien beinhaltet). Importfilter für die gängigen Microsoft-Formate, wie Word oder Excel sind zwar angekündigt, realisiert wurden sie bislang aber noch nicht.
KWord
Die Textverarbeitung KWord wurde sehr stark als Desktop-Publishing-Programm ausgerichtet und wartet daher auch mit einigen für Textverarbeitungen normalerweise eher unüblichen und zunächst etwas verwirrenden Konzepten auf:
Im Gegensatz zu WordPerfect oder StarOffice, die seitenorientiert arbeiten, ist KWord eine rahmenorientierte Textverarbeitung. Rahmenorientiert bedeutet, dass sich unter KWord alle Elemente in einem Rahmen (engl. “Frame”) befinden. Ein Rahmen kann z. B. eine Grafik oder eine Tabelle, aber auch normalen Fließtext beinhalten. Mit diesem System können, wie im DTP-Bereich üblich, verschiedene Texte in verschiedenen Rahmen untergebracht werden.
Darüber hinaus lassen sich die einzelnen Rahmen miteinander verknüpfen. Passt z. B. ein Text nicht vollständig in einen Textrahmen hinein, etwa weil er zu lang geraten bzw. der Rahmen einfach zu klein ist, so kann dieser Rahmen mit einem zweiten, leeren Textrahmen verbunden werden. Der Text, der im ersten Rahmen nicht mehr sichtbar war, wird dann automatisch im zweiten fortgesetzt. Damit die Verwirrung für den Einsteiger komplett ist, lassen sich die einzelnen Rahmen auch noch ineinander verschachteln. KWord stellt zur Verwaltung dieser Rahmen verschiedene Werkzeuge zur Verfügung.
Wenn Sie KWord mit einer entsprechenden “normalen” Dokumenten-Vorlage öffnen, existiert bereits ein Textrahmen, der genau so groß ist wie die entsprechende Seite. Darüber hinaus ist dieser Rahmen fest an die jeweilige Seite gebunden, d. h. er kann nicht entfernt werden. Dies soll insbesondere für den Erst-Benutzer den Eindruck erwecken, als würde er in einer seitenorientierten Textverarbeitung arbeiten.
Die Arbeitsweise mittels Rahmen ermöglicht die gleichzeitige Verwendung von KWord sowohl als herkömmliche Textverarbeitung, als auch als Desktop-Publishing-Programm. Die Autoren haben sich dabei am großen kommerziellen Vorbild “Framemaker” orientiert. Aus diesem Grund macht KWord auch eine Unterscheidung zwischen “normalen” und “Publishing”-Dokumentenvorlagen.
Ungewöhnlich ist auch, dass KWord zwei verschiedenartige Arbeitsmodi verwendet: einen Text- und einen sog. Frame-Modus. Im Text Modus kann der Inhalt und im Frame-Modus das Layout der in einem Dokument enthaltenen Rahmen verändert werden. Diese Unterteilung ist sehr gewöhnungsbedürftig und dürfte den Einsteiger mehr verwirren als ihm nützen – zumal eine Umschaltung zwischen den beiden Modi stets manuell über das Menü (die ersten beiden Punkte im Menü Tools) oder einen Tastendruck erfolgen muss. Wie man schnell bei den ersten eigenen Schreibversuchen in KWord sieht, erweist sich diese Vorgehenweise als ziemlich lästig und bremst den Arbeitsfluss massiv ab.
Wie in fast allen KOffice-Anwendungen existieren auch in KWord die bereits erwähnten Dokumentenvorlagen (engl. “Templates”), die nach dem Start der entsprechenden Anwendung dem Benutzer zur Auswahl gestellt werden. Leider beschränkt sich deren Anzahl zur Zeit noch auf ein absolutes Minimum.
Schön ist, dass die Entwickler darauf geachtet haben, einige Funktionen einzubauen, die auch in anderen Office-Paketen heute zum Standard gehören. Leider wurden dadurch ein paar grundlegende Funktionen vernachlässigt. So existiert zwar ein Stylist, wie man ihn z. B. aus StarOffice kennt, das Erstellen einer Gliederung ist allerdings nur umständlich über die Absatzfunktionen zu erreichen.
KSpread
Die Tablellenkalkulation KSpread macht von allen Programmen den ausgereiftesten Eindruck und scheint in der Entwicklung am weitesten fortgeschritten zu sein. Für den Heimbedarf sind alle wichtigen Funktionen vorhanden, für anspruchsvolle Aufgaben fehlen aber noch die entsprechenden komplexeren mathematischen Funktionen.
KSpread besitzt, analog zu Microsofts VisualBasic, als bisher einzige Applikation aus KOffice die Möglichkeit, eigene Erweiterungen in Form von selbstgeschriebenen Skripten einzubinden. Für spätere Versionen ist aber geplant, alle Programme des Office-Paketes mit dieser Funktionalität auszurüsten. Die aktuell verwendete Skriptsprache Python soll dabei nur als eine Übergangslösung dienen und später gegen die Eigenentwicklung “KScript” ausgetauscht werden.
Die beiden oben vorgestellten Programme (KWord und KSpread) sind die zu diesem Zeitpunkt einigermaßen praxistauglichen Anwendungen. Alle anderen Programme befinden sind noch in einem sehr frühen Stadium, insbesondere was deren Funktionsumfang betrifft:
KPresenter
KPresenter ist ein rudimentäres Präsentationsprogramm und nur für einfache Präsentationen geeignet, die z. B. schnell zwischendurch erstellt werden müssen.
Die einzelnen Dias werden einfach wie simple Zeichenflächen behandelt und im Hauptfenster untereinander aufgelistet. Andere Darstellungsformen, wie eine automatische Gliederung, und die dazugehörige automatische Umsetzung in das Folienlayout, die ein Präsentationsprogramm von einem normalen Zeichenprogramm unterscheiden, fehlen bislang völlig.
Als kleinen Ausgleich öffnet KPresenter auf verlangen ein Fenster, indem der Aufbau der einzelnen Dias in einer hierarchischen Liste angezeigt wird. Änderungen kann man hier allerdings nicht vornehmen.
Effektanimationen stehen zwar ebenfalls zur Verfügung, leider aber wieder in einer etwas mangelhaften Anzahl. Zudem artet deren Konfiguration, gerade weil eine Vorschau komplett fehlt, mehr oder weniger zu einem Glücksspiel aus.
KIllustrator
Das Vektormalprogramm KIllustrator dient zum Erstellen von Vektorgrafiken. Es bietet solide Grundfunktionen, bei umfangreichen Projekten oder Zeichnungen muss KIllustrator aber passen. Aus diesem Grund dient es in erster Linie zum Erstellen von kleineren Visualisierungen oder Illustrationen in KWord bzw. KSpread.
KChart
In die gleiche Kategorie fällt das kleine Hilfsprogramm KChart, das die Visualisierung von Tabellendaten in Form von Diagrammen übernimmt. Das Modul selbst ist nur für die Darstellung von bereits vorliegenden Tabellen gedacht und dürfte im täglichen Gebrauch deshalb wohl vorwiegend aus der Textverarbeitung oder der Tabellenkalkulation aufgerufen werden.
Gelungenes Debut
KOffice hält sein Versprechen und integriert sich perfekt in den KDE-2-Desktop. Die im Vergleich zur (kommerziellen) Konkurrenz sehr hohe Ausführungsgeschwindigkeit macht KOffice zu einer kostenlosen Alternative zu “Applixware Office”.
Der große Haken ist der noch magere Leistungsumfang, der leider am unteren Ende aller Office-Pakete anzusiedeln ist. In dieser Hinsicht lässt sich KOffice am ehesten mit “Applixware Office” vergleichen, gegen das mittlerweile als Open-Source veröffentlichte StarOffice kommt das Paket aber bei weitem noch nicht an. Gerade die noch fehlenden Dateifilter und das neue, eigene Speicherformat erschweren einen Austausch von bereits vorliegenden Dokumenten. Die Filter-Eigenschaften gehören aber zu den zentralen Kriterien für die breite Akzeptanz eines Office-Paketes. Da auf der Homepage bereits angekündigt wurde, dass sich der Funktionsumfang bis zur finalen Version nicht mehr ändern wird, bleibt für die nächsten Versionen gerade in dieser Hinsicht noch einiges zu tun.
Trotzdem ist es erstaunlich, was nicht-kommerzielle Programmierteams auf die Beine stellen können, denn um im Heimbereich mal eben einen Brief zu schreiben oder kleine Dinge berechnen zu lassen, eignet sich KOffice allemal. Wir sind jedenfalls gespannt, wie sich KOffice in der kommenden Zeit weiterentwickeln wird.
Wir halten Sie selbstverständlich über die weiteren Entwicklungen rund um dieses vielversprechende Office-Paket auf dem Laufenden.
Glossar
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Drag-and-Drop
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“Aufnehmen und Fallenlassen” – beschreibt eine Arbeitstechnik von grafischen Benutzeroberflächen, die den Umgang mit dessen Elementen erleichtern soll. Dabei können die einzelnen Elemente, wie z. B. Textdateien, mit der Maus aufgenommen und über einem Ziel, z. B. der Textverarbeitung “fallengelassen” werden, die ihrerseits dann das Dokument automatisch zur Bearbeitung öffnen würde.
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DTP
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Abkürzung für “Desktop-Publishing” – Setzen des Seitenlayouts (von z. B. Zeitungs- oder Zeitschriftenseiten) mit Hilfe des Computers.








