LaTeX-Editoren im Vergleich

Aus LinuxUser 12/2007

LaTeX-Editoren im Vergleich

Coole TeXnik

Anders, als es ein verbreitetes Vorurteil wissen will, lässt sich LaTeX auch ohne Profiwissen beherrschen: Clevere LaTeX-Editoren machen’s möglich.

Besonders Anfänger haben große Startschwierigkeiten beim Erlernen von LaTeX. Dies liegt nicht etwa daran, dass LaTeX kompliziert wäre, sondern eher an der Vielzahl von Möglichkeiten dieser Sprache: Sie ist ähnlich wie HTML eine so genannte Beschreibungssprache: Statt spitzer Klammern leiten Sie Befehle mit einem Backslash (“\”) ein. Dabei gibt sich LaTeX ausgesprochen vielseitig; Neben Diplomarbeiten erstellen Sie auch professionelle Präsentationen oder Briefe in LaTeX ohne größere Probleme. Es existieren bereits eine Vielzahl von Dokumentenklassen, die individuell auf die Anwendungsfälle zugeschnitten sind.

Doch die Vielseitigkeit hat ihren Preis: Selbst erfahrene Anwender haben im Umgang mit dem Satzsystem gelegentlich Probleme, sich alle in Frage kommenden Befehle zu merken. Sehr gelegen kommen da spezielle Editoren, die die Komplexität auf ein erträgliches Maß reduzieren. In unserem Test stellen wir vier bekannte LaTeX-Editoren vor. Sie unterstützen den Anwender bei der täglichen Arbeit, bieten eine Vielzahl von Optionen und jeweils ganz spezifische Vorzüge.

Die Kandidaten

Winefish [1], ein auf Bluefish basierender Editor. ist das kompakteste Programm der sechs Kandidaten, recht minimalistisch und von den Systemanforderungen daher sehr genügsam. Es eignet sich aber dennoch gut für weniger anspruchsvolle Aufgaben.

Bei Gedit handelt es sich nicht um ein ausgesprochenes LaTeX-Werkzeug, sondern um den bestens bekannten Standard-Texteditor für Gnome. Das Programm bietet eine sehr gute Plugin-Infrastruktur, auf die auch eine passende LaTeX-Erweiterung [2] aufsetzt. Sie steht den anderen hier vorgestellten Editoren in nichts nach. Der Vorteil dieser Lösung: Sie müssen kein zusätzliches Programm installieren, sofern Sie bereits Gnome verwenden.

Texmaker ([3],[4]) ist ein in Qt geschriebener Editor, der mit vielen nützlichen Assistenten aufwartet. Kile [5], ein für KDE optimierter Editor, ähnelt von der Funktionalität her Texmaker. Beide Editoren entwickelte ursprünglich derselbe Autor.

Winefish

Winefish (Abbildung 1) ist der kleinste Editor unter den Testkandidaten. Er benötigt lediglich die Bibliothek Gtk+ in der Version 2.4 oder höher. Optional integriert er sich Gnome, sofern der Desktop mit den dazugehörigen Paketen auf dem System installiert ist und Winefish mit der entsprechenden Option vom Paketbetreuer compiliert wurde. Statt der aktuellsten Winefish-Version 1.4 (Quellen auf Heft-CD) bringen die meisten Distributionen derzeit nur das ältere Release 1.3.3 mit. Ein Blick in die Datei ROADMAP offenbart Interessantes; allerdings arbeiten die Entwickler seit Ende März diesen Jahres nicht mehr aktiv an Winefish. Auf der Projektseite [1] steht noch immer die ältere Version zum Herunterladen bereit.

Abbildung 1: Winefish mit geöffnetem LaTeX-Dokument.

Abbildung 1: Winefish mit geöffnetem LaTeX-Dokument.

Winefish zeigt sich nach dem Start von der spartanischen Seite (Abbildung 2). Beispielsweise fehlt eine deutsche Übersetzung. Es erstrahlt ein weißes Fenster mit einer Menü- und Statusleiste. Unter View finden sich drei Menüpunkte, wovon zwei speziell interessieren: Unter View Custom Menu definieren Sie eigene Befehle, sodass das Menü quasi als Shortcut dient. View Sidebar aktiviert im linken Bereich des Hauptfensters eine Seitenleiste: Deren oberer Teil beinhaltet die Verzeichnisse, der untere die Dateien des aktuellen Pfades.

Ein Mausklick auf die Checkbox Show full tree erweitert die Verzeichnisansicht um den ganzen Dateisystembaum. Unter dem Reiter functions in der Seitenleiste stehen mitunter griechische Buchstaben zum Einfügen bereit. Ein Klick darauf bindet das entsprechende Zeichen im Text ein. Besonders nützlich in größeren Dokumenten ist marks, mit dem Sie zuvor gespeicherte Lesezeichen ([Strg]+[D]) anspringen.

Abbildung 2: Recht minimalistisch fällt der Quickstart-Assistent von Winefish aus.

Abbildung 2: Recht minimalistisch fällt der Quickstart-Assistent von Winefish aus.

Ein neues Dokument legen Sie üblicherweise über den Menüpunkt Project | New an. Es öffnet sich ein Dialogfenster, das nach dem Projektnamen, dem Basisverzeichnis, der Basisdatei und nach eventuell bereits vorhandenen Vorlage fragt. Ähnlich wie bei einer integrierten Entwicklungsumgebung speichert Winefish die Projekteigenschaften global ab. Anschließend erstellen Sie unter Insert | Tools | Simple document (code) das eigentliche LaTeX-Dokument. Zur Auswahl stehen drei Dokumentklassen: article für kleine Texte, report und book für größere Projekte.

Es ist allerdings nicht unbedingt notwendig, dass Sie immer erst ein neues Projekt erstellen: Für kleinere Dokumente können Sie den ersten Schritt auch überspringen.

Trotz der Einfachheit stellt Winefish dem Benutzer eine Vielzahl von Assistenten zur Seite, die Sie in den Menüs Insert | Tools beziehungsweise Insert | Table, List finden. Unter Tools stehen die folgenden Helferchen zur Verfügung: * Figure: Der Dialog erwartet den Speicherort des Bildes, das Label, auf das Sie später im Dokument durch den Befehl \ref zurückgreifen, und zu guter Letzt die Bildunterschrift. Den relativen Pfad füllt der Assistent selbstständig aus (Abbildung 3). * Time, Date: Stellt die verschiedensten Datumsformate bereit. * Source Seperator: Fügt einen kommentierte horizontale Linie ein, die im eigentlichen Dokument später nicht erscheint aber bei der Übersichtlichkeit hilfreich ist.

Table, List bietet umfangreiche Assistenten für alle gängigen Listen (itemize, enumerate) und für Tabellen an – darunter auch mathematische, wie Matrizen.

Abbildung 3: Der Bild-Assistent von Winefish ist recht gut gelungen.

Abbildung 3: Der Bild-Assistent von Winefish ist recht gut gelungen.

Unter Headings, Environments, AMS equations und Font style verstecken sich die gängigsten LaTeX-Befehle, die im Alltagsbetrieb vollkommen ausreichen. Winefish springt beim Einfügen der Befehle – wie zum Beispiel bei einer Gleichung zwischen \begin{equation} und \end{equations} – an die richtige Stelle, an der Sie die Eingabe fortsetzen. Alle Menü-Befehle lassen sich auch über Tastenkürzel erreichen. Das erhöht die Arbeitsgeschwindigkeit beim Verfassen von LaTeX-Dokumenten.

Um ein PDF-, PS- oder DVI-Dokument zu erstellen, klicken Sie im External-Menü auf die entsprechenden Menüpunkte. Die Protokoll-Datei erreichen Sie über [F5] – sie erweist sich oft als nützlich, wenn ein Fehler aufgetreten ist. Komfortabel gibt sich Soft clean, das die während des Übersetzens erstellten AUX-, LOG- und TOC-Dateien löscht.

Die Einstellungen des Programms finden sich etwas versteckt im ?-Menü. Dort definieren Sie unter anderem den PDF-, PS- und DVI-Betrachter und setzen Optionen wie Schriftart und -größe.

Winefish gibt sich ebenso komfortabel wie simpel und eignet sichbesonders für kleinere Dokumente recht gut. Auch in Sachen Konfigurierbarkeit bleiben kaum Wünsche unerfüllt. Auf der anderen Seite gibt es noch einige Baustellen: Viele Funktionen sind ziemlich unintuitiv und machen daher für den Anwender auf den ersten Blick keinen Sinn, außer dieser beschäftigt sich eingehend mit der Materie. Ungeklärt bleibt auch, ob Winefish noch weiterentwickelt wird.

Gedit

Bei Gedit handelt es sich nicht im eigentlichen Sinne um einen LaTeX-Editor, jedoch bietet der Standard-Texteditor von Gnome schon in der Standardinstallation ein paar Grundlagen zur LaTeX-Bearbeitung: Die Seitenleiste bringt im Tags-Reiter bereits vordefinierte LaTeX-Befehle mit. Durch das zusätzliche LaTeX-Plugin kommt Gedit richtig in Fahrt und mutiert zu einem waschechten LaTeX-Editor. Im folgenden stellen wir die zu Redaktionsschluss kurz vor der Fertigstellung befindliche neue Version 0.1.2 vor (Abbildung 4).

Abbildung 4: Gedit und das LaTeX-Plugin bieten den Komfort eines reinen LaTeX-Editors.

Abbildung 4: Gedit und das LaTeX-Plugin bieten den Komfort eines reinen LaTeX-Editors.

Die Installation des Plugins fällt denkbar leicht: Von der Homepage [2] laden Sie das neueste Archiv herunter und entpacken es anschließend in ~/.gnome2/gedit/plugins/. Sollte das Verzeichnis noch nicht existieren, erstellen Sie es mit dem Befehl mkdir -p ~/.gnome2/gedit/plugins/. Nach dem Start von Gedit aktivieren Sie unter Bearbeiten | Einstellungen im Reiter Plugins des Dialogs das LaTeX-Plugin. Es fügt eine neue Werkzeugleiste und zwei neue Reiter hinzu, einen für die Dokumentenstruktur und einen zweiten für Symbole. In dem Dialog haben Sie außerdem die Möglichkeit, das Plugin zu konfigurieren (Abbildung 5).

Abbildung 5: Der Konfigurationsdialog der LaTeX-Erweiterung für Gedit.

Abbildung 5: Der Konfigurationsdialog der LaTeX-Erweiterung für Gedit.

Die Build Profiles sollten Sie nicht verändern, außer Sie haben dafür triftige Gründe. Anders beim Reiter Code Completion: Standardmäßig ist die verzögerte Vervollständigung für “\”, “{“, “[” und “(” aktiviert. Wünschen Sie das nicht, schalten Sie es hier ab. Das von IDEs bekannte Aktivieren der Vervollständigung mittels [Strg]+[Leer] können Sie hier ebenfalls an- beziehungsweise abschalten. Damit ist die Installation schon abgeschlossen. Es lohnt sich hin und wieder unter [2] nachzusehen, ob eine aktualisierte Version des Plugin vorliegt.

In der LaTeX-Werkzeugleiste klicken Sie zum Erstellen eines LaTeX-Dokuments auf das erste Symbol (New LaTeX) und geben im darauf erscheinenden Dialog (Abbildung 6) folgende Informationen an:

  • General: Titel des Dokuments, Autor, aktuelles Datum und Schlüsselwörter
  • Style and Layout: Dokumentklasse, Schriftgröße, Papiergröße und Orientierung
  • Language Customization: Zeichenkodierung, Rechtschreibung
  • Margins: Ränder (oben, unten, links, rechts), Einrücktiefe bei Paragraphen

Die Auswahl an Dokumentklassen ist recht groß. Die gängigen Klassenklassen, darunter article, book, letter, report sowie solche des bekannten KOMA-Script führt der Dialog auf.

Abbildung 6: Der reichhaltige und übersichtliche Start-Assistent des Gedit-LaTeX-Plugins.

Abbildung 6: Der reichhaltige und übersichtliche Start-Assistent des Gedit-LaTeX-Plugins.

Gedit erstellt alle notwendigen Befehle aus den Informationen und setzt den Cursor an die Stelle, an der Sie den eigentlichen Text fortsetzen. Im Menü LaTeX | Build LaTeX Document (Abbildung 7) oder in der Werkzeugleiste übersetzen Sie das Dokument in eines der drei Ausgabeformate PDF, Postscript oder DVI. Daneben haben Sie die Möglichkeit, das Dokument auf Syntaxfehler zu überprüfen. Voraussetzung dafür ist ein installiertes Chktex-Paket.

Abbildung 7: Das LaTeX-Plugin erweitert Gedit um ein zusätzliches LaTeX-Menü.

Abbildung 7: Das LaTeX-Plugin erweitert Gedit um ein zusätzliches LaTeX-Menü.

In der Werkzeugleiste finden Sie die wichtigsten LaTeX-Befehle, die beim Schreiben eine Dokuments immer wieder auftauchen. Die Befehle sind in Gruppen eingeteilt und durch Separatoren voneinander getrennt. Die erste Gruppe beherbergt Formatierungen, Ausrichtungsbefehle, Strukturkommandos wie \section{} sowie Aufzählungen ( \begin{itemize}...\end{itemize}). Es folgt ein weiteres Symbol, das bei der Eingabe von mathematischen Bereichen hilft.

Für Tabellen und Bilder bietet das Editor-Plugin-Gespann ebenfalls zwei Assistenten, die eine ähnliche Funktionalität wie bei Winefish bieten. Die zwei am weitesten rechts stehenden Symbole in der Leiste übersetzen das Dokument bequem per Knopfdruck in das ausgewählte Zielformat. Auch die Ausgabe als PNG, JPEG und GIF-Bild ist möglich. Im linken Teil des Hauptfensters stehen in der Seitenleiste im Reiter Symbols allerhand mathematischen Symbole bereit.

Das Gedit-Plugin bringt alles mit, was man braucht, um ein LaTeX-Dokument zu schreiben. Dazu muss man als Gnome-Nutzer nicht einmal ein zusätzliches Programm installieren. Momentan arbeitet der Autor des Plugins an Anpassungen, die durch die Umstellung einer für Gedit neuen Bibliothek erforderlich wurden. Auf der Homepage der Erweiterung [2] sammelt er weitere Verbesserungsvorschläge. Zu den bereits eingeplanten Features zählen eine Strukturansicht und die bessere Integration von BibTeX. Möchten Sie am Plugin mitarbeiten und beherrschen Python, dann ist die Seite im Gnome-Wiki genau die richtige Anlaufstelle dafür.

Texmaker

Texmaker ist einer der ausgereiftesten LaTeX-Editoren. Laut Homepage [3] gibt es den Editor seit 2003, aktuell ist die Version 1.6 von Mitte Juni (auf der Heft-CD). Auf den Internetseiten des Projekts finden Sie nebst Dokumentation auch die obligatorischen FAQs. Das Programm funktioniert nicht nur unter Linux, sondern auch unter Windows und Mac OS X. Zur Installation benötigen Sie die Toolkit-Bibliothek Qt in der Version 4.x.

Texmaker ist ein sehr übersichtlicher Editor (Abbildung 8). Die Aufteilung der Arbeitsfläche ähnelt jener von Gedit. Die Werkzeugleiste beinhaltet die wichtigsten Formatierungs- und mathematischen Befehle. Die Seitenleiste umfasst die Reiter:

  • Struktur des LaTeX-Dokuments,
  • Mathematische Symbole und Operatoren,
  • verschiedene Pfeile, darunter auch mathematische,
  • Klammern und
  • Griechische Buchstaben.

Im Reiter Häufige Symbole führt Texmaker die Symbole auf, die Sie am häufigsten verwendet haben, unter Pstricks Kommandos und Metapost Kommandos finden sich vordefinierte Befehle, die sich auch erweitern lassen. Unter Verschiedenes fasst das Programm alles zusammen, was nicht in die anderen Kategorien passt.

Abbildung 8: Texmaker präsentiert sich recht übersichtlich.

Abbildung 8: Texmaker präsentiert sich recht übersichtlich.

Ein neues Dokument erstellen Sie ähnlich wie mit den zuvor genannten Editoren. Es stehen Ihnen auch wieder hilfreiche Assistenten zur Seite, wovon wir einen gleich näher betrachten: Der Assistent für neue Dokumente im Menü Assistenten bietet in etwa die gleichen Funktionen wie Gedits LaTeX-Plugin (Abbildung ). In diesem Dialog legen Sie Dokumentenklasse, Schriftgröße, Papierformat und Zeichenkodierung fest, um nur einige zu nennen. Unter Andere Optionen definieren Sie weitere Merkmale des Dokuments. Mehrere Optionen wählen Sie durch Halten von [Strg] aus.

Abbildung 9: Der Start-Assistent von Texmaker bietet alle wichtigen LaTeX-Optionen.

Abbildung 9: Der Start-Assistent von Texmaker bietet alle wichtigen LaTeX-Optionen.

Neben dem zur Standardausstattung eines jeden LaTeX-Editor gehörenden Dokument-Assistenten gehören noch vier weitere zu Texmakers Repertoire: Im Tabellen-Assistenten legen Sie Spalten- und Zeilenanzahl, Ausrichtung der Spalte und die vertikalen Trenner fest (Abbildung 10). Ganz ähnlich funktioniert der Matrix-Assistent, in dem Sie zusätzlich noch die Umgebung (array, matrix) festlegen. Der Tabulator-Assistent hilft beim Einrücken von Texten. Schließlich gibt es noch einen Brief-Assistenten, dessen Sinn allerdings im Dunklen bleibt: letter können Sie auch im Dokument-Assistenten unter Dokumentenklasse auswählen.

Abbildung 10: Der Texmaker-Assistent für Tabellen ist recht intuitiv bedienbar.

Abbildung 10: Der Texmaker-Assistent für Tabellen ist recht intuitiv bedienbar.

Es erstaunt, dass ein Assistent zum Einfügen von Bildern fehlt. Eine eher rudimentäre Alternative bietet das Menü LaTeX | \includegraphics{file}. Auf der Habenseite hingegen stehen BibTeX-Integration und Rechtschreibprüfung.

Unter Werkzeuge wandeln Sie das Dokument in die üblichen Formate, aber auch nach HTML um. Texmaker löscht temporäre Dateien, die während des Übersetzens angefallen sind, durch einen Klick auf Werkzeuge | Aufräumen.

Bei Texmaker handelt es sich um einen ausgereiften Helfer, der vor allem durch seine einfache Bedienung besticht. In manchen Bereichen gibt es jedoch noch Verbesserungsmöglichkeiten. Insgesamt lohnt sich eine Installation allemal.

Kile

Kile (Abbildung 11), das sich in den Repositories aller gängigen Distributionen findet, ähnelt in zahlreichen Aspekten Texmaker. Die Ähnlichkeiten sind nicht zufällig: Bei beiden Editoren war der selbe Entwickler am Werk, bei Kile allerdings nur zu Anfang der Entwicklung. Auf den Projektseiten [5] findet sich eine sehr ausführliche Dokumentation, die selbst Einsteigern den Schritt in die LaTeX-Welt erleichtert.

Abbildung 11: Die Benutzerschnittstelle von Kile ähnelt im Aufbau jener von Texmaker.

Abbildung 11: Die Benutzerschnittstelle von Kile ähnelt im Aufbau jener von Texmaker.

Kile integriert sich besser als die anderen hier vorgestellten Editoren in KDE. Schon bei der Installation fordert das Programm Sie gegebenenfalls auf, die KDE-Bibliotheken mit einzurichten. Beim ersten Start sollten Sie zuerst den Konfigurationsdialog über Settings | Configure Kile… aufrufen und dort unter Template Variables Ihren Namen und die Zeichenkodierung (UTF8 oder ISO 8859-1) eintragen. Außerdem treffen Sie hier eine Vielzahl weiterer Einstellungen, unter anderem bietet Kile auch das automatische Löschen temporärer Dateien an.

Genau wie Winefish bietet Ihnen Kile die Möglichkeit, neue Projekte zu erstellen (Abbildung 12). Den Dialog dazu rufen Sie über Projects | New Project… auf und geben die nötigen Parameter, wie Projektname, Verzeichnis, Dateiname und Art des Dokuments an. Bereits vorhandene Dateien fügen Sie über das selbe Menü durch Add Files to Project… hinzu. Gleiches gilt für das Entfernen von Projektdateien über Remove Files from Project…. Weiterhin haben Sie die Möglichkeit, die Projektoptionen zu ändern und das Projekt im TAR.GZ-Format zu archivieren.

Abbildung 12: Kiles Quickstart-Assistent bietet mehr Features als das Texmaker-Pendant.

Abbildung 12: Kiles Quickstart-Assistent bietet mehr Features als das Texmaker-Pendant.

Kile bietet wie Texmaker eine ganze Reihe von Assistenten an. Dazu zählen unter anderem Floats zum Einfügen von Grafikelementen oder Tabellen (Abbildung 13) und Math Environments für sehr genau definierbare mathematische Umgebungen. Auch für das Einfügen von Bildern gibt es unter LaTeX | Image Insertion einen Helfer, der jenem von Texmaker ähnelt. Hier geben Sie etwa Breite, Höhe und Bildunterschrift an.

Abbildung 13: Der Tabellen-Assistent von Kile ist dem von Texmaker sehr ähnlich.

Abbildung 13: Der Tabellen-Assistent von Kile ist dem von Texmaker sehr ähnlich.

Trotz aller Verwandtschaft mit Texmaker hält Kile ein paar zusätzliche Schmankerl parat. Das LaTeX-Menü fällt etwas umfangreicher aus, zudem können Sie wie bei Winefish Lesezeichen setzen und wieder löschen. Bei besonders größeren Dokumenten sorgt das so genannte Code folding für zusätzlichen Überblick. Befehle vervollständigen Sie wie bei Gedit mit der Tastenkombination [Strg]+[Leer]. Falls ein Fehler in Ihrem LaTeX-Dokument auftritt, bietet der untere Teil des Hauptfensters die Möglichkeit, dessen Quelle genauer zu inspizieren. Auch Hinweise zu Befehlen stellt Kile dort übersichtlich dar.

Kile übertrifft die Funktionalität von Texmaker in einigen Bereichen deutlich und eignet sich sehr gut als alltäglicher Wegbegleiter beim Schreiben von LaTeX-Dokumenten. Mit dem Erscheinen dieses Artikels steht eventuell schon die Version 2.0 in den Startlöchern, die noch mehr Features bereithält. Die Projekt-Homepage [5] bietet weitere Informationen zur neuen Version, die allerdings immer noch auf Qt3/KDE3 basiert: Den zeit- und arbeitsintensiven Sprung zu Qt4/KDE4 wagen die Autoren zurzeit offenbar noch nicht.

Zusammenfassung

Alle genannten Programmen erfüllen die Grundvoraussetzungen, um komfortabel und ohne tiefschürfende Vorkenntnisse LaTeX-Dokumente zu erstellen.

Bereits Winefish bietet quasi “auf kleinstem Raum” viel Komfort an. Allerdings ist die Frage der Weiterentwicklung bis dato noch nicht geklärt. Auf der anderen Seite mausert sich das Gespann aus Gedit plus LaTeX-Plugin immer mehr zum vollwertigen LaTeX-Editor. Texmaker und Kile zählen zu den Senioren der LaTeX-Editoren und geben sich entsprechend ausgereift. Die Funktionalität fällt bei beiden in etwa gleich aus, haben sie doch gemeinsame Wurzeln in der Vergangenheit. Wer kein KDE nutzt, de, bietet Texmaker den Vorteil, keine umfangreichen KDE-Abhängigkeiten auf das System zu schaufeln.

Sagt Ihnen keines der vorgestellten Programme so recht zu, dann werden Sie doch einmal einen Blick auf LyX oder TeXmacs (Kasten “Nebenbei bemerkt”). Beide spielen in einer ganz anderen Liga: LyX gibt es mittlerweile seit elf Jahren, entsprechend ausgereift gibt es sich. TeXmacs Wurzeln stecken in Emacs – er ist der einzige reine WYSIWYM-LaTeX-Editor der hier vorgestellten Programme.

Nebenbei bemerkt

Zwei weitere bekannte LaTeX-Editoren, die allerdings etwas aus dem Rahmen fallen, sind LyX und TeXmacs.

Der wohl bekannteste und älteste LaTeX-Editor, LyX ([6], Abbildung 14), speichert Dokumente im eigenen LYX-Format, das Sie aber unter anderem ins LaTeX-Format exportieren können. LyX funktioniert in etwa so wie ein normales Textverarbeitungsprogramm, Sie brauchen sich also keine Gedanken um Befehle oder Seitenumbrüche zu machen: All das erledigt das Programm selbst. Als Besonderheiten stechen die eingebaute Thesaurus-Unterstützung und die umfangreiche integrierte Dokumentation heraus.

Abbildung 14: LyX ist ein mächtiger Editor, der Dokumente auch nach LaTeX konvertieren kann.

Abbildung 14: LyX ist ein mächtiger Editor, der Dokumente auch nach LaTeX konvertieren kann.

Der von Emacs abgeleiteter Editor TeXmacs ([7], Abbildung 15) speichert Texte im LaTeX-, HTML-, PDF- und PS-Format. Er arbeitet nach dem WYSIWYM-Prinzip und spricht vor allem die Zielgruppe an, die bereits Emacs einsetzt: Naturgemäß tun sich dessen Benutzer mit TeXmacs leichter. Dennoch empfiehlt es sich, TeXmacs zumindest einmal anzusehen. Durch WYSIWYM fallen die Assistenten, mit denen die anderen vier Testkandidaten aufwarten, weg. Der Benutzer bekommt sofort das zu Gesicht, was er haben möchte. Insbesondere der große Funktionsumfang und die zusätzlichen Ausgabeformate machen TeXmacs zu einer lohnenden Alternative.

Abbildung 15: TeXmacs ist der einzige hier vorgestellte WYSIWYM-LaTeX-Editor.

Abbildung 15: TeXmacs ist der einzige hier vorgestellte WYSIWYM-LaTeX-Editor.

Wer mag, kann LaTeX natürlich auch mit einem eher frugalen Editor wie Vi(m) schreiben – eine entsprechende LaTeX-Erweiterung [8] gibt es durchaus. Die Bedienbarkeit fällt für den geübten TeXer gleichermaßen intuitiv aus.

Glossar

Qt

Eine Klassenbibliothek für die plattformübergreifende Programmierung grafischer Benutzeroberflächen. Qt wird besonders in den Bibliotheken des K Desktop Environments verwendet. Die Bibliothek bietet neben Funktionen zur Entwicklung von grafischen Oberflächen auch umfangreichen Support für Internationalisierung sowie Datenbankfunktionen und XML-Unterstützung.

KOMA-Script

Ein Bündel von Klassen und Paketen für LaTeX, deren Fähigkeiten teilweise ganz erheblich über jene der Standardklassen hinausgehen [9].

Thesaurus

Synonym-Wörterbuch, meist in Textverarbeitungen.

WYSIWYM

“What You See Is What You Mean”, zu deutsch etwa: “Was Sie sehen ist auch wirklich das, was Sie meinen”.

Infos

[1] Winefish: http://winefish.berlios.de

[2] LaTeX-Plugin für Gedit: http://live.gnome.org/Gedit/LaTeXPlugin/

[3] Texmaker: http://www.xm1math.net/texmaker/

[4] Artikel zu Texmaker: Hagen Höpfner, “Anschubhilfe”, LinuxUser 11/2007, S. 58

[5] Kile: http://kile.sourceforge.net

[6] LyX: http://www.lyx.org

[7] TeXmacs: http://www.texmacs.org

[8] LaTeX-Erweiterung für Vi(m): http://vim-latex.sourceforge.net

[9] KOMA-Script: http://www.komascript.de

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