MS-Novell-Pakt: Reaktionen

MS-Novell-Pakt: Reaktionen

Vor knapp zweieinhalb Wochen platzte die Bombe: Novell und Microsoft kooperieren. Nicht nur hier auf der Linux-Community stieß diese Ankündigung eine heiße Diskussion an. In der ganzen Welt regten sich die Gemüter und orakelten über die Zukunft von Freier Software. Wir haben für euch prominente Vertreter ausgehorcht.

Jon “maddog” Hall, Linux International:: “Das Abkommen von Novell mit Microsoft über Softwarepatente bietet den Kunden meiner Meinung nach keinen Schutz, denn sie können zwar nicht von Microsoft, wohl aber von anderen Patentinhabern verklagt werden.

Das Problem liegt nicht in einem Patentabkommen zwischen zwei Firmen, sondern in Softwarepatenten an sich. Wir sollten uns überlegen, ob wir es uns als Gesellschaft leisten können, jemandem Monopole für so etwas Komplexes wie Software zu erteilen. Möglicherweise beschleunigt dieses Abkommen jedoch die Diskussion über Softwarepatente, führt zu einem besseren Verständnis des Problems — und schließlich zur Abschaffung dieser Patente.

Daneben fällt mir ein, dass die Gottesanbeterin ihren Partner häufig noch während des Liebesspiels auffrisst — nach meiner Beobachtung hat eine Partnerschaft mit Microsoft schon vielen geschadet.”

Florian Effenberger, Öffentlichkeitsarbeit de.openoffice.org: “Das Projekt OpenOffice.org ist dankbar für die Unterstützung, die es seit vielen Jahren von Novell erhält. So beschäftigt Novell zahlreiche Entwickler, die am Programmcode von OpenOffice.org arbeiten und ihre Ergebnisse der Open-Source-Community wieder zur Verfügung stellen.

Auch wir erachten die Zusammenarbeit für ein einheitliches Dokumentenformat als außerordentlich wichtig. Mit OpenDocument — dem Standardformat von OpenOffice.org 2.0 — existiert ein solches international anerkanntes, von der ISO normiertes und mittlerweile auch von zahlreichen Behörden und Regierungen eingesetztes Dokumentenformat, das vollständig offen gelegt ist und von jedermann genutzt werden kann. Wir hoffen, dass beide Parteien ihre Energie in die Weiterentwicklung und Unterstützung von OpenDocument stecken, anstatt mit neuen Formaten die gewonnene Interoperabilität und Einheitlichkeit aufzugeben.

Wir teilen die Sorge um Softwarepatente und sehen sie als Gefahr nicht nur für freie Entwickler. Im Gegensatz zu großen Firmen können Open-Source-Projekte es sich meist nicht leisten, umfangreiche Patentrecherchen durchzuführen. Es bleibt zu hoffen, dass die Vereinbarung zwischen Novell und Microsoft Signalwirkung hat und künftig auch Open-Source-Projekte in den Genuss dieser rechtlichen Sicherheit kommen.

Dr. Johannes Loxen, SerNet GmbH: “Das Samba-Team und SerNet sind durch den Deal zwischen Microsoft und Novell nicht direkt betroffen, sofern sich herausstellt, dass tatsächlich keine Verletzung der GPL stattfindet. Die Schutzerklärungen von Microsoft sind weitestgehend sinnlos, da auch ein Feierabend-Programmierer, dessen Beitrag Eingang in freie Software findet, ein kommerzieller Entwickler sein kann.

Wir werden uns weiterhin gegen Patentierung von Software in Europastark machen, so dass uns die Patent-Freistellungen von Microsoft auchin Zukunft möglichst wenig betreffen.”

Brece Perens, in seinem Blog http://technocrat.net: “Selbst wenn jeder Anwender geschützt wäre, was von Novell vertriebene Software angeht — es gibt eine große Masse freier Software, die dieses Unternehmen nicht anbietet. Es wäre logisch, wenn sich Microsoft im nächsten Schritt auf “unlizenziertes Linux” und “unlizenzierte freie Software” stürzen würde, da der Konzern vor Gericht nun auf einen Microsoft-lizenzierten Zweig hinweisen kann. Oder Microsoft lässt diese Bedrohung einfach im Raum stehen, um alle abzuschrecken, die nicht den von Microsoft und Novell bevorzugten Weg nehmen wollen.

Mit dieser Vereinbarung verschafft sich Microsoft zudem die Unterstützung Novells beim Lobbying für Softwarepatente in Europa. Auf der Konferenz “Always On” war ich diesen Sommer Moderator einer Diskussion, in deren Verlauf Novells President seine Unterstützung für Softwarepatente erklärte. Eine solche Politik wird jedem Open-Source-Entwickler schaden, der ohne den Segen Novells Anwender finden möchte. Mit Sicherheit wird Novell nun an der Seite Microsoft bei Regierungen auftreten, wenn es um umfassenderen Patentschutz geht.”

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GoaSkin
19 Jahre her

John Hall spricht einen wichtigen Punkt an. Patentverletzungen werden in einem gewissen Rahmen von
den Patentinhabern meist toleriert, solange kein nennenswerter Schaden entsteht. Aber es gibt gerissene
Anwälte, sogenannte Abmahn-Geier, die gezielt nach solchen Vorfällen suchen, um dem Patentverletzer
mit einer Klage zu drohen. Es ist wahrscheinlicher, von einem Abmahn-Geier verklagt zu werden, als von
einem wirklichen Patentinhaber. Diese Anwälte, die meistens zu wenig zu tun haben versuchen so, ihr
Geld zu verdienen.

Rico Rommel
19 Jahre her
Reply to  GoaSkin

Hallo, Häufig werden (angebliche) Patentverletzungen auch toleriert, um später richtig abkassieren zu können. Bestes Beispiel ist hier wohl das gif-Patent. Der Patentinhaber wartete 10 Jahre, bis sich das Format durchgesetzt hatte und schlug dann zu. Hätte er seine Rechte gleich geltend gemacht, wäre das gif-Format schnell im Technologiemülleimer der Geschichte verschwunden gewesen und er wäre leer ausgegangen. Inzwischen habe ich aus dem M$-Novell-Pakt und vor allem Ballmers Äußerungen die Konsequenzen gezogen und bin von Opensuse nach Debian gewechselt. Ich habe keine Lust, in 2-3 Jahren als Suse-Nutzer von M$ gegängelt und abkassiert zu werden, worauf der Handel im Endeffekt mit… Mehr »

GoaSkin
19 Jahre her
Reply to  Rico Rommel

Auch wenn Compuserve als Besitzer des GIF-Patents erst nach zehn Jahren zuschlug, gibt es heute doch noch massig Freeware und Opensource, die das GIF-Format immernoch unterstützt und dafür nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Das Prinzip des (freien) PNG-Formates ist auch nicht viel unterschiedlich als bei GIF, sodaß man eigentlich darüber streiten könnte, ob das vielleicht auch unter dieses Patent fällt. Allerdings denke ich auch, daß es viele Patente gibt, die sich als Luftnummer erweisen würden, wenn es erst einmal vor Gericht geht. z.B. glaube ich kaum, daß Microsoft an Adobe für Dialogboxen mit Reitern und Sun Microsystems für die Konvertierung… Mehr »

arebenti
19 Jahre her
Reply to  GoaSkin

Goaskin, nicht schlecht. Das entspricht tatsächlich der Realität, aber diese Realität kann durch den Gesetzgeber geändert werden, und dann sieht es sehr gefährlich aus.

Konkret wird diese beschriebene Praxis durch ein EU-Richtlinienprojekt herausgefordert, gedacht gegen Produktpiraten.

[1] http://www.digitalmajority.org/forum/t-1697/novell-ms-patent-deal-is-no-defense-against-bad-laws

Stephan Böni
19 Jahre her

Der zentrale Punkt dieses Deals liegt darin, dass Novell seine Marktmacht im Linux-Bereich weiter ausbauen möchte. Novell verwendet hierfür seit Jahren die gleiche Strategie, nämlich möglichst viele finanzstarke Partner mit ins Boot zu holen. Schon bevor Suse zum Portfolio von Novell zählte, beruhte Novells Stärke darin, erstklassige Verbindungen in der IT-Branche zu pflegen. Novells Strategie, sich mit Linux in der Businesswelt und insbesondere in den grossen Unternehmen einzunisten, erfordert eine grosse Marktmacht und wohlgesinnte Verbündete. Wer mit Linux viel Geld verdienen will, muss aus der Universitäts-, Home- und Hinterhof-Welt heraustreten und sich in der professionellen Welt der finanzstarken Konzerne einnisten.… Mehr »

GoaSkin
19 Jahre her
Reply to  Stephan Böni

Ob Novell das gelingt mag ich bezweifeln. Novell war in der Vergangenheit dafür bekannt, sein Portfolio ausbauen zu wollen, in dem der Konzern gezielt Firmen mit gut laufenden Produkten übernahm – beispielsweise WordPerfect und Digital Research. Novell hat jedes mal in der Strategie seiner neuen Töchter Änderungen vorgenommen, die diese etablierten Produkte dann in einen Zustand versetzt haben, in dem sie keiner mehr wollte – und was SuSE betrifft habe ich das gleiche Gefühl. Zunächst fällt auf, daß die SuSE-Homepage mittlerweile sehr chaotisch geworden ist und es schwer ist, überhaupt herauszufinden, was überhaupt für SuSE Linux-Produkte angeboten werden. Wenn man… Mehr »

tuxy driver
19 Jahre her

Brece Perens hat die Gefahr, die für Linux durch den MS-Novell-Pakt entstanden ist deutlich heraus gestellt. Microsoft wird auf dreifache Weise versuchen, Einfluss auf Linux zu nehmen, nämlich i) Alle nicht genehmen Linux-Entwicklungen, die nicht von Novell stammen mit Patentklagen torpedieren, ii) Unter Androhung der Aufkündigung des Pakts Novell unter Druck setzen, ihre Suse Linux Distribution so zu gestalten wie es Microsoft passt und iii) damit argumentieren, das Vorgehen richte sich nicht gegen Linux an sich sondern gegen Patentverletzungen. Sollte Microsoft damit Erfolg haben, wird das Ergebnis ein patentrechtlich unbedenkliches, nach Microsoft-Vorstellungen gestutztes Linux von Novell sein sowie eine Reihe… Mehr »

Dieter Drewanz
19 Jahre her

Miitlerweile scheint es auch Reaktionen beim Kunden zu geben. Nach dem Wirtschaftsteil der Süddeutschen hatte Novell einen Rückgang von 5% auf $230Mio. Letztes Quartalsergebnis war plus $1,8Mio, dieses war minus $19,9Mio. (Anmerkung: 5% sind übrigens $12Mio, d.h. da ist noch anderer Mist gemacht worden, zB. die Leitung hat sich vermutlich auch gehaltsmäßig bedient) Begründet wird dies mit der Umstellung im Vertrieb. Ich würde umgekehrt dies etwas anders interpretieren und mich als Führung fragen, wer im Kundenkreis abwirbt (wenn Kundendaten an MS gegeben wurden…). Zum anderen haben vermutlich viele Kunden Novell gewählt, um die IT-Nachfrage zu verteilen aus marketingstrategischen Gründen. Die… Mehr »

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