Linux stand bei Multimedia-Profis bislang kaum im Fokus. Das aus Kanada stammende AV Linux möchte das ändern.
Linux bewährte sich inzwischen zwar auch als Multimediabetriebssystem, doch die bekanntesten Programme des Genres arbeiten nach wie vor exklusiv unter anderen Betriebssystemen, während native Linux-Applikationen trotz hervorragender Qualität oft ein Schattendasein fristen.
Die Distribution AV Linux [1] legt ihren Fokus auf Multimediaanwendungen und macht damit eine zeitraubende manuelle Auswahl der benötigten Software überflüssig. Dass AV Linux sich zudem nebenbei auch noch als Allrounder für den täglichen Einsatz verwenden lässt, versteht sich angesichts der Vielzahl freier Programme beinahe von selbst.
Das ISO-Image der Distribution finden Sie auf der Projektseite. Da als Basis Debian “Stretch” im Stable-Zweig dient, gibt es derzeit (noch) Varianten für 32- und 64-Bit-Hardware [2]. Das ändert sich aber mit der nächsten Version, die dann auf Debian “Buster” basieren soll und keine 32-Bit-Unterstützung mehr bereitstellt. Der Umfang der beiden ISO-Abbilder beläuft sich auf 3,3 respektive 3,6 GByte, sodass sie entweder auf einer handelsüblichen DVD oder einem USB-Speicherstick mit mindestens 4 GByte Kapazität Platz finden.
Beim ersten Start wählen Sie in einem schlichten Grub-Bootmanager aus, ob Sie eine Installation oder den Live-Betrieb bevorzugen. Bei Letzterem bootet das System zügig in den Anmeldebildschirm, wo Sie den voreingestellten Nutzernamen isotester eingeben. Als Passwort verwenden Sie bei der 32-Bit-Version avl32, bei der 64-Bit-Variante avl64.
Das System startet dann in einen konventionellen XFCE-Desktop. Positiv fällt auf, dass AV Linux – trotz der nicht mehr ganz taufrischen Debian-Basis – dank zusätzlich integrierter Firmware auf Anhieb mit vielen Hardware-Komponenten klarkommt, die Sie beim Debian-Original erst mühselig manuell konfigurieren müssten (Abbildung 1). Zudem unterstützt es auch die neueste Intel-basierte Hardware.
Desktop
Den Desktop gestalten die Entwickler mit frischen Themes deutlich bunter als bei den meisten anderen Distributionen. Die sonst optisch eher etwas angestaubt wirkende XFCE-4.12-Umgebung erscheint dadurch deutlich agiler. Ein Blick in die Menüs zeigt, dass das System eine sorgfältig zusammengestellte Auswahl an Multimediaprogrammen bereithält. Dagegen finden Sie in den für Büroanwendungen und für den täglichen Einsatz vorhandenen Untermenüs weder LibreOffice noch andere gängige Programme, wie beispielsweise Thunderbird.
Das Multimediaspektrum genießt offensichtlich absolute Priorität. Dabei findet sich hier nicht nur einfache Abspielsoftware für verschiedene Video- und Audioformate; der Schwerpunkt liegt vielmehr auf der Produktion audiovisueller Inhalte. Deshalb besitzt das Menü Multimedia auch mehrere Untermenüs, die entsprechende Programme zu bestimmten Anwendungszwecken zusammenfassen. Hier stechen vor allem Audio Production, Disc Production und Video Production ins Auge.
Ebenfalls gut ausgestattet zeigt sich das Menü System, das zahlreiche Applikationen zur Systemkonfiguration enthält. In der unten am Bildschirm horizontal angeordneten Panelleiste findet sich neben einem herkömmlichen System-Tray ein kleiner Bereich mit Startern für häufig genutzte Applikationen. Dazu zählt das distributionsspezifische Werkzeug AV**Linux Assistant, das ein Einstellungsmenü mit zahlreichen Optionen bietet (Abbildung 2).

Abbildung 2: Der AV**Linux Assistant fasst die wichtigsten Konfigurationsdialoge in einem Fenster zusammen.
Hürdenlauf
Da AV Linux aus dem Live-Modus heraus keine Installation vorsieht, müssen Sie zur Installation das System herunterfahren und nach einem Neustart in Grub die Option Boot system installer auswählen. Im daraufhin erscheinenden Login-Bildschirm melden Sie sich mit den voreingestellten Authentifizierungsdaten an und gelangen dann in den grafischen Installer namens Systemback.
Dort legen Sie zunächst einen Nutzer an und vergeben ein Root-Passwort, danach startet das Partitionierungsmodul. Hier patzt AV Linux auf einigen aktuellen Systemen: Die Routine erkennt im Legacy-Modus keinen mit einer GPT-Partitionstabelle versehenen modernen Massenspeicher. Um solche anzusteuern, müssen Sie das System im UEFI-Modus hochfahren, in dem das System allerdings nur die 64-Bit-Variante unterstützt.
Auch im Installationsdialog erwartet Sie ein ungewöhnliches Prozedere: Zunächst müssen Sie die vorhandene Partition löschen und sie dann im selben Dialog unter Angabe des Dateisystems und des Einhängepunkts neu anlegen. Als Dateisysteme unterstützt das System Ext2/3/4. Der Installer fragt bei der Übernahme der geänderten Partition settings ein Root-Passwort ab, das je nach Variante avl32admin oder avl64admin lautet.
Bei den Angaben zum Bootloader genügt es in der Regel, es beim voreingestellten Auto zu belassen. Im nächsten Fenster legen Sie fest, ob das Live-Image als Snapshot-Grundlage dienen soll. Danach beginnt die eigentliche Installation mit einer Fortschrittsanzeige. Nach deren Abschluss startet das System nach 30 Sekunden automatisch neu.
Lokalisierung
Mangels Einstellmöglichkeiten im Systemback-Assistenten erscheint AV Linux nach dem Neustart mit einer englisch lokalisierten Oberfläche und Tastaturbelegung. Sie stellen das System in zwei Schritten um.
Für ein deutsches Tastaturlayout rufen Sie im Menü Applications | Settings zunächst den Settings Manager auf und wählen darin Keyboard. Anschließend fügen Sie die deutsche Belegung hinzu, wobei auch Varianten für Österreich und die Schweiz zur Auswahl stehen.
Zum Ändern der Lokalisierung der Arbeitsoberfläche öffnen Sie im Menü Applications | System den AV**Linux Assistant oder klicken auf das Icon mit dem grün-roten Schiebereglersymbol in der Taskleiste. Im Assistenten wählen Sie Add New System Locales, woraufhin ein einfacher Dialog das Hinzufügen der entsprechenden Einstellung erlaubt.
In diesem Dialog wählen Sie anschließend, welche Sprache Sie nutzen möchten – auch hier gibt es wieder Varianten für Österreich und die Schweiz. Nach einem Logout und dem erneutem Anmelden in der Arbeitsoberfläche stehen alle Menüs mit deutschen Bezeichnungen zur Verfügung – bis auf den in der Panelleiste angesiedelten Schalter Applications. Der lässt sich aber über die Eigenschaften, die Sie nach einem Rechtsklick darauf im Kontextmenü finden, entsprechend ändern.
Multimedia
AV Linux bringt zahlreiche, professionelle Anwendungen für die audiovisuelle Arbeit mit. So finden audiophile Anwender im Menü Multimedia die beiden digitalen Audio-Workstations Ardour und Mixbus. Während es sich bei Ardour um freie Software handelt, startet Mixbus nur als Demo-Version, deren voller Funktionsumfang sich erst nach Erwerb einer Lizenz freischalten lässt.
Eine Besonderheit stellt das Untermenü Hardware Configuration im Ordner Multimedia dar: Hier finden Sie zahlreiche Werkzeuge zur Konfiguration der Hardware. AV Linux kommt zwar bereits mit einem für Echtzeitanwendungen optimierten Kernel, gestattet jedoch in diesem Untermenü zusätzlich die Konfiguration zahlreicher Soundkarten. Daneben finden sich auch Einstelldialoge für Pulseaudio und das Jack-Audio-System.
Im Untermenü Audio Tools finden Sie Audiotreiber für Wine, sodass sich auch Windows-Anwendungen mit den passenden Treibern unter AV Linux nutzen lassen. An derselben Stelle gibt es auch Programme zum Editieren von Metadaten. In der Kategorie Audio Plugins stehen unterschiedliche Synthesizer bereit. Eher auf Konsum eingestellte Nutzer finden in der Gruppe Media Players mit Clementine und Mpv zwei Abspielprogramme für Audio- und Videodateien. Ein Spotify-Client ermöglicht darüber hinaus auch das Nutzen des Streaming-Diensts.
Die drei Kategorien Audio Production, Disc Production und Video Production fassen Applikationen zur Video- und Audioproduktion sowie zum Erstellen optischer Datenträger zusammen. Dabei finden sich neben Standardprogrammen wie Audacity, Handbrake oder K3b auch spezielle Applikationen, wie der Simple Screen Recorder zum Erstellen von Screencasts oder die Video-Editoren Kdenlive, Cinelerra und Avidemux (Abbildung 3).

Abbildung 3: Für nahezu jeden Einsatzzweck hält AV Linux das richtige Multimediaprogramm in seinem Fundus vor.
Unter der Haube
AV Linux basiert auf einem speziell angepassten Kernel der 4.16er-Reihe, der sich als Realtime-Variante besser für audiovisuelle Produktionen eignet als der herkömmliche Kernel. Zusätzlich bringt die Distribution den mit WineASIO erweiterten Windows-Emulator Wine mit. Den ASIO-Treiber nutzen unter Windows Applikationen, die besonders niedrige Latenzzeiten des Systems benötigen. Daher ist er für gängige professionelle Programme zur Audioproduktion unerlässlich. Das Wine-Pendant starten Sie über Multimedia | Audio Tools | WineASIOamd64.
Zu den weiteren Werkzeugen, mit denen Sie das System besser für die Anforderungen von Multimediaanwendungen vorbereiten, zählen das Tool RTCQS für Realtime-Scans sowie der CPU-Governor, mit dessen Hilfe Sie die CPU-Laufzeiteinstellungen modifizieren. Diese Werkzeuge finden Sie in den Menüs System und Einstellungen.
Für Anwendungsentwickler gibt es unter System Terminals für GCC 5 und 6. Im selben Menü finden Sie außerdem eine grafische Anwendung zum Erstellen von DEB-Paketen. Zum Entrümpeln der Festplatte integrierten die Entwickler unter System das Programm Bleachbit in Varianten für normale Benutzer sowie den Plattenputz mit administrativen Rechten.
Fazit
Mit der neuen Version von AV Linux liefern die Entwickler wieder ein sorgfältig aktualisiertes Release für Produzenten von Multimediainhalten ab. Der Debian-Abkömmling glänzt dabei durch zahlreiche kleine Werkzeuge und integriert alle größeren freien Anwendungen zur Produktion audiovisueller Inhalte. Für Nutzer, die ein speziell für diesen Zweck angepasstes Linux-Derivat suchen, ist AV Linux trotz kleinerer Schwächen in der deutschen Lokalisierung daher erste Wahl.
Infos
- AV Linux: http://www.bandshed.net/avlinux/
- AV Linux herunterladen: http://download.linuxaudio.org/avlinux/






