Rohdatenbildformate (Raw) unter Linux

Rohdatenbildformate (Raw) unter Linux
15.08.2010 23:52

Ich fotografiere sehr gerne und verwende dafür fast ausschließlich das Raw-Format. Bisher habe ich zum Bearbeiten von Raw-Bildern hauptsächlich Adobe Camera Raw, welches Bestandteil von Photoshop ist, eingesetz. Für den heutigen Beitrag habe ich mir Programme, die auch unter Linux einen komfortablen Umgang mit Rohformaten erlauben, etwas näher angesehen.

Adobe Camera Raw

Getestet wurde mit den Bildern meiner Canon 20D. Da ich aber auch sehen wollte, wie die Programme mit Dateien aktueller High-End-Kameras umgehen, wurden zusätzlich Raws einer Canon 1D Mark IV sowie einer Nikon D3x aus dem Internet verwendet. Bilder aus diesen Kameras belegen zwischen 25 und 35 MB pro Stück auf der Platte. Aus rechtlichen Gründen zeigen die Screenshots nur Bilder, die von mir stammen.

Im Gegensatz zu Photoshop kann GIMP (noch) nicht mit 16- bzw. 12-bit Bildern umgehen. Wenn man aber die wesentlichen Korrekturen vor der Umwandlung in ein GIMP-taugliches Format durchführt, stellt das in der Praxis aber kaum ein Problem dar.

digiKam, Picasa, XnView und Co.

Viele Bildbetrachter beherrschen bereits die Anzeige von Raw-Bildern. Einige bieten auch entsprechende Exportfunktionen, obwohl diese meist sehr einfach gehalten sind und kaum Exportparameter angegeben werden können.

XnView
Picasa
digiKam

UFRaw GIMP-Plugin und UFRaw Standalone

GIMP selbst versteht Raw-Formate nicht von Haus aus, sondern benötigt dafür Zusatzprogramme wie UFRaw [1]. Unter Ubuntu lässt sich dieses über das Paket gimp-ufraw installieren. Sofern das Format der eigenen Kamera unterstützt wird quittiert GIMP das Öffnen von Raw-Files von UFRaw nicht mehr wie unten zu sehen mit Fehlermeldungen sondern reicht das Bild an den Raw-Konverter weiter.

GIMP Fehlermeldung bei Import ohne Raw-Plugin

Abgesehen von Werkzeugen zur lokalen Bildverbesserung steht UFRaw dabei in Funktionsumfang und Bedienung dem proprietären OS X und Windows-Pendant Adobe Camera Raw in nichts nach. Einzig bei der Umwandlung eines der 1D Mark IV Bilder kam es einmal zu einem GIMP-Absturz, der sich aber nicht reproduzieren ließ.

UFRaw lässt sich nicht nur als GIMP-Plugin sondern auch als Standalone-Version installieren.

UFRaw

Ersatz für Adobe Photoshop Lightroom und Co.

Zum Konvertieren, Verwalten und Bearbeiten von Bildern setzen Fotoenthusiasten häufig auf Spezialprogramme wie Adobe Photoshop Lightroom, Apple Aperture, Capture One oder Bibble. Diese Vereinfachen nicht nur das Konvertieren sondern bieten auch Hilfe beim Sortieren, Kategorisieren und Bewerten von Bildern.

Von den vier oben genannten proprietären Programmen bietet nur Bibble eine Linux-Version an. Allerdings gibt es mittlerweile auch einige Open Source Anwendungen, die angetreten sind, den Funktionsumfang der kommerziellen Vorbilder abzubilden.

Rawstudio

Rawstudio [2] konzentriert sich auf das Wesentliche und bietet eine sehr schlichte aber funktionelle Oberfläche. Ausgesprochen gut gelöst wurde hier die qualitative Einteilung der Bilder. Diese erfolgt über die Zuweisung einer von drei Prioritätsstufen. Für Bilder der jeweiligen Prioritätsstuf, sowie für alle noch nicht sortierten Biler und alle Fotos im Verzeichnis steht jeweils ein eigener Reiter zur Verfügung, sodass man auch bei sehr vielen Bildern stets den Überblick behält.

Intersannterweise führte die Version aus dem offiziellem Repostitory unter Ubuntu auf meinem Rechner zu einem sofortigem Programmabsturz, ein rund vier Wochen altes Paket aus einem launchpad-PPA hingegen läuft bisher sehr stabil.

Rawstudio

RawTherapee

RawTherapee [3] nutzt das von Web- und Filebrowsern bekannte Konzept der Tabs. Der erste Reiter bietet einen Dateibrowser zur Durchsicht der Bilder, zur Bearbeitung öffnet man das Bild durch einen Doppelklick in einem eigenen Reiter. Der Batch-Queue-Reiter dient dem Export nach JPEG 8 bit, oder PNG, oder TIFF, beides wahlweise in 8 oder 16 bit.

Das Öffnen von Bildern im Bearbeitungsfenster dauert bei RawTherapee am längsten. Für das Warten wird man aber mit einer aufgeräumten und funktionsreichen Bearbeitungsmodus belohnt. Getestet wurde aber eine Entwicklungsversion von Version 3, vielleicht steigert sich bis zur Veröffentlichung die Performance noch.

RawTherapee

Darktable

Am der sehr ähnlich augebauten Bedienoberfläche ist zu erkennen, dass sich die Entwickler von Darktable [4] eindeutig an Adobe Photoshop Lightroom orientieren.

Praktisch ist bei Darktable die Trennung zwischen Bildbetrachtungs- (Lighttable-Modus) und Einzelbild-Editierungsmodus (Darkroom-Modus). Um ein Bild als als 8- oder 16-Bit Version zu exportieren, wechselt man vom Darkroom in den Lighttble-Modus, das letzte Modul rechts unten regelt den Export. Diese Funktion könnte durchaus prominenter platziert sein. Metainformationen speichert Darktable in zusätzlichen, menschenlesbaren Dateien im Bildordner mit der Endung .dttags.

Bis bei den Funktionen Parität mit Photoshop Lightroom herrscht, dauert es bestimmt noch etwas, der erste Eindruck ist aber durchaus positiv.

Darkroom

Bibble 5 Pro

Die Gestaltung der Bedienoberfläche von Bibble [5] kann mit anderen kommerziellen Raw-Konvertern nicht mithalten, da sind die Open Source Vertreter zum Teil deutlich weiter. Am Funktionsumfang gibt es allerdings nichts auszusetzen, auch in Sachen Schnelligkeit war Bibble im Test Spitzenreiter. Für professionelle Fotografen könnte sich die Investition der 200 USD für Bibble Pro rechnen. Auf die Verwendung des DNG-Formates muss dann allerdings verzichtet werden, dieses wird von Bibble nicht unterstützt.

Windows- und Macumsteiger könnten an Bibble Pro interessiert sein, weil man mit einer Bibble Pro Lizenz berechtigt ist sowohl die Linux als auch die Windows und Mac OS X Versionen zu nutzen, das erleichtert bestimmt die Zeit in welcher man zwei Betriebssysteme parallel nutzt.

Bibble 5 Pro

dcraw

Für die Puristen soll auch das Kommandozeilenprogramm dcraw [6] nicht unerwähnt bleiben. Wenn man ohnedies schon weiß, welche Parameter auf eine Reihe von Bildern anzuwenden sind kann man auf eine grafische Darstellung verzichten und so gerade auf älteren Rechnern ressourcensparend Raw-Bilder konvertieren.

Fazit

Wer nur selten mit Bildern im Raw-Format zu tun hat wird auch mit gängigen Bildbetrachtern- und -verwaltern wie digiKam, Picasa oder XnView glücklich, da auch diese das Betrachten und einfaches Exportieren von Raw-Bildern erlauben. Besonders gut gefallen hat in diesem Zusammenhang digiKam. Auch wenn diese Bildbetrachter rudimentäre Raw-Exportfunktionen besitzen würde ich zur Weiterbearbeitung zur Verwendung des GIMP-UFRaw-Plugins raten.

Wenn man den größeren Funktionsumfang und die ansprechendere Darstellung benötigt, sind Spezialisten wie Bibble, RawTherapee, Rawstudio und Darktable gefragt. Eine klare Empfehlung kann ich bei diesen aber nach den ersten Tests nicht abgeben. Ich habe vor, jedes der Tools im Alltagsgebrauch einzusetzen und gegen Ende des Sommer-Spezials 2010 in ausführlicher Form auf das Thema zurückzukommen. Interessierte Anwender installieren am besten mehrere der Programme parallel und richten die Entscheidung für eines der Programme danach, wie gut es mit dem eigenen Arbeitsablauf zusammenpasst. Professionelle Fotografen sollten einen Blick auf Bibble 5 Pro werfen, das in Hinblick auf Stabilität und Funktionsvielfalt den ausgereiftesten Eindruck macht.

Positiv aufgefallen ist, dass die Bilder aus aktuellen Profikameras für keines der getesten Programme eine Hürde darstellten. Weder wurde ein Bildformat nicht erkannt noch brach die Bearbeitungsgeschwindigkeit deutlich ein. Bei allen vier Spezialisten fühlte sich die Bedienung auf meinem in die Jahre gekommenen Rechner allerdings generell etwas zäher an als beispielsweise bei der Verwendung von digiKam. Arbeiten ließ es sich aber dennoch mit jedem der getesten Programme halbwegs flüssig.

In Jürgen Wolfs GIMP 2.6 Handbuch wurde dem Thema Raw-Format übrigens ein eigener Abschnitt mit über 20 Seiten gewidmet, in dem vor allem das UFRaw-Plugin in aller Ausführlichkeit behandelt wird.


Kommentare
Schneller Betracher um zuerst den "Müll" einfach zu auszusortieren: Geeqie
Renfield (unangemeldet), Sonntag, 10. März 2013 15:22:47
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Ich habe gerade einen schön schnellen Betrachter entdeckt, der sich hervorragend eignet, um sich einen ersten Eindruck über die Ausbeute der letzten "Fotosafari" zu verschaffen und unkompliziert gleich den offensichtlichen "Müll" per Tastendruck zu entfernen. Ausserdem scheint diese Betrachtungs- und Verwaltungsprogramm reichlich Potenzial für mehr zu beinhalten.
Auf meinem Windows-System hab ich dafür immer IrfanView benutzt.
Mit Geequi kann man schnell durch Verzeichnisse mit DNG-Dateien zappen. Klingt vielleicht komisch, aber was mich bei diesem Betrachter gleich beim allerersten Eindruck begeistert ist:
Man braucht nur eine Taste um ein Bild zu löschen. (Eine Sicherheitsabfrage gibt es, die ist aber wie viele Funktionen anpass-/abschaltbar.)
Ausserdem:
Wenn man einen Ausschnitt heranzoomt und zurchtschiebt, zeigt Geequi auch beim nächsten Bild den entsprechenden Ausschnitt!
Unglaublich hilfreich beim schnellen Durchforsten von Serien! Z.B. bei Portraitserien: an die Augen ranzoomen und, zack, zack, alles gelöscht was nicht hinreichend scharf oder was geblinzelt ist.
Und das eben überraschend schnell auch auf einem älteren Stromspar-Mini-Notebook direkt auf der Speicherkarte und mit 16-Megapixel-DNG-Dateien!
Danach kann man immer noch mächtigere aber meist langsamere RAW-Konverter nutzen, die sich dann immerhin mit weniger Ballast in den Verzeichnissen abgeben müssen.
Allein die gennanten Funktionen und die Tatsache, dass man viele Funktionen über (individuell belegbare) Tasten steuern kann, begeistern mich schon für Geeqie - ich bin jetzt mächtig gespannt zu entdecken was noch alles drinsteckt.


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Zum Thema Geschwindigkeit
Andreas (unangemeldet), Sonntag, 06. Februar 2011 16:58:10
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Ich habe bisher einige Erfahrungen mit Rawtherapee und Digikam bei der Verarbeitung von Pentax-Raw-Bildern (.PEF) unter Linux gesammelt.

Mir ist der Geschwindigkeitsunterschied ebenfalls aufgefallen. Der Grund liegt aber meines Wissens darin, dass Digikam in dem Modus der Bildorganisation ("Lighttable") lediglich die in der RAW-Datei eingebettete JPG-Vorschau zeigt -- die meisten Kamera-Hersteller binden eine solche Vorschau ein, um eine schnelle Bildkontrolle zu bieten -- und deshalb recht flott zu Werke geht (s. http://www.digikam.org/drupal/node/273).

Rawtherapee hingegen greift auf die eigentlichen RAW-Daten zu, weswegen es das sog. Demosaicing durchführt. Man kann bei Rawtherapee verschieden Demosaicing-Algorithmen auswählen, die sich gegensinnig auf Qualität und Geschwindigkeit auswirken.

Möchte man die RAW-Daten in Digikam editieren ("Darkroom-Modus"), so werden dann ebenfalls die RAW-Daten mittels "dcraw" ausgelesen, was entsprechend länger dauert (Demosaicing).

Der Vorteil bei Rawtherapee ist, dass die Vorschau-Thumbnails nach jedem Bearbeitungsschritt aktualisiert werden -- wobei die RAW-Datei unverändert bleibt --; Bei Digikam sieht man immer nur die ursprüngliche JPG-Vorschau, die von der Kamera erstellt wurde, es sei denn man speichert die RAW-Entwicklung in einer eigenständigen Nicht-RAW-Datei ab.


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Interessantes Thema RAW formate
Ulf B., Mittwoch, 18. August 2010 00:31:05
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Sehr interessantes Thema welches mich bisher nicht betroffen hat. Aber auf der Seite von UFRaw fiel mir auf, dass dort auch meine "Canon PowerShot G7 (CHDK hack)" vermerkt war. Habe mir mal das mit dem Hack mal genauer angesehen, werde Ihn wohl demnächst mal testen :-)

Ciao
Ulf


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Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung ...
F. M. (unangemeldet), Mittwoch, 18. August 2010 00:04:13
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sofort gebunkert, um von der Beschreibung ausgehend selber mich mal halbwegs kundig zu machen ...


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Infos zum Autor

Wolfgang Kerschbaumer

Wolfgang Kerschbaumer

Sommer-Spezial 2010-Teilnehmer.
Student (Interactive Media) und Einzelunternehmer im Bereich Print/Web.

Noch hauptsächlich OS X in Verwendung, Umstieg auf Linux aber im Gange.

GIMP-Profi in spe ;)

Externes privates Weblog: http://wolke23.at

Zum Blog von Wolfgang Kerschbaumer →