Editorial 02/2018

Mir stinkt's

Das Internet ist zwar nicht tot, riecht aber mittlerweile etwas streng. Schuld daran sind weniger die laufenden Attacken auf die Netzneutralität als vielmehr eine verlogenen, gierige Werbe-Lobby, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

ist das Internet tot? Trotz des Tiefschlags der Trump-Administration gegen die Netzneutralität [1] in den USA wohl vorläufig nicht komplett. Zumindest hierzulande steht die Bundesnetzagentur noch zwischen uns und dem Abgrund – Stichwort: Telekom StreamOn [2]. Das WWW lebt also noch, aber es riecht schon ein bisschen. Was sich da olfaktorisch so unschön bemerkbar macht, verschleiert der technische Begriff Web-Tracking mehr, als er es erklärt.

Beim Web-Tracking geht es um das Sammeln und Auswerten von Daten über das Verhalten von Website-Besuchern. Macht ein Seitenbetreiber das für seine Netzpräsenz, ist das erst einmal ein legitimes Ansinnen, hilft es doch idealerweise, die Seite zu verbessern. Doch längst hat sich die Werbeindustrie des Verfahrens bemächtigt, um Surfer seitenübergreifend quer durchs Internet zu verfolgen und quasi digitale Bewegungsprofile zu erstellen. Zweck der Übung: Targeting, also zielgenaue Ansprache zu Werbe- und anderen [3] Zwecken. Auf manchen Websites agieren Dutzende von Trackern; wohin sie die Daten senden und was dann damit geschieht, weiß außer den Betreibern niemand.

Das Problem ist seit Jahren bekannt; der wohl lächerlichste Ansatz zu seiner Behebung findet sich bis heute in vielen Webbrowsern: Dort kann man in den Einstellungen ein Do-not-track-Flag ankreuzen, das der Browser dann übermittelt. Dieses Placebo hat sich die Werbeindustrie als "freiwillige Selbstverpflichtung" ausgedacht, um gesetzliche Regelungen gegen diese Art der Datenspionage zu verhindern. Um das Flag kümmert sich freilich seitens der Adressaten, auf gut Deutsch gesagt, keine alte Sau – genauso gut könnte man in den Browser-Settings ein Ankreuzfeld Schenk mir eine Million unterbringen.

Schon lokal begrenzte Untersuchungen zum Web-Tracking, wie eine Studie des Fraunhofer SIT von 2014 [4], erbrachten haarsträubende Ergebnisse. Jetzt hat sich Ghostery, der Hersteller des gleichnamigen Browser-Addons zum Blocken von Trackern, die Sache einmal global und im großen Maßstab angesehen [5]. Das Resultat der aktuellen Studie [6] überrascht nicht wirklich, macht aber die ungeheuerlichen Ausmaße der Schnüffelei zum ersten Mal schwarz auf weiß greifbar: Egal, welche Seite im WWW man ansteuert, man landet praktisch immer in den Fängen von Facebook (auf 27 Prozent aller Seiten), Google (60 Prozent) oder von beiden. Hinzu kommen Dutzende weitere globale Daten-Gierschlünde.

Dass da möglicherweise etwas im Argen liegen könnte, hat mittlerweile selbst das eher behäbige Bundeskartellamt bemerkt, beschränkt seine Anstrengungen aber bislang auf Facebook, also das kleinere der beiden Haupt-Übel [7]. Wesentlich vielversprechender wäre da die angepeilte E-Privacy-Verordnung der EU, die dem Tracking insgesamt einen wirksamen Riegel vorschieben würde. Gegen die hat die Werbemafia allerdings eine ebenso beispiellose wie verlogene Lobby-Kampagne losgetreten [8]. Das lässt nichts Gutes vermuten. Fürs Erste – und vermutlich auch bis auf Weiteres – bleibt auf jeden Fall nur Selbsthilfe über Browser-Addons wie Ghostery [9]. Diese Möglichkeit sollten Sie nutzen und auch anderen nahelegen.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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