Nicht genügend Nachwuchs

Wie so viele Projekte in der Open-Source-Szene hat auch der Kernel ständig Probleme mit dem Mangel an qualifizierten Mitstreitern. Pro Release tragen zwar jeweils rund 250 Entwickler erstmals bei, oft bleibt es aber bei einem oder einigen wenigen Patches, wodurch diese Zahl täuscht. Tatsächlich arbeiten laut Sang viele Kernel-Maintainer an der Grenze ihrer Belastbarkeit, eine zunehmende Zahl von Commits bleibt unbearbeitet.

Wie Sang in einem Interview mit dem Online-Portal Opensource.com [5] sagte, steigt zwar die Zahl der Beitragenden in den letzten Jahren (Abbildung 6), hält jedoch mit dem Kernel-Wachstum keineswegs Schritt. Neben nicht aufgenommenen Patches sei die fehlende Zeit zur Durchsicht des Codes kritisch für die Sicherheit des Kernels (Abbildung 7), meint er. Der Kernel Summit Anfang November hat sich ebenfalls dieses Problems angenommen.

Abbildung 6: Die Zahl der Kernel-Entwickler stieg zwar in den letzten zehn Jahren an, aber die anfallenden Aufgaben wachsen im Vergleich schneller.
Abbildung 7: Die steigende Zahl an Patches macht es für die nicht im selben Maß wachsende Zahl an Entwicklern schwer, alle Patches gründlich zu kontrollieren (Bild: Wolfram Sang).

Obwohl der Kernel wegen der wachsenden Anzahl der Patches zu wenig Entwickler hat, stellt Kernel-Entwicklung ein attraktives Ziel für Newcomer dar. Jeder neue Kernel verzeichnet im Schnitt weit über 200 Entwickler, die zum ersten Mal beitragen; in den letzten 15 Monaten waren es 2355.

Etwas mehr als die Hälfte tut das bereits aus einer Position in einem Unternehmen heraus. Hier hat Intel mit 205 Ersteinreichern eine starke Position, gefolgt von Google mit 54 neuen Entwicklern. Auch das Outreachy-Programm [6] – es versucht, unterrepräsentierten Gruppen Praktika in Open-Source-Umgebungen zu verschaffen – verbucht aus seinen Reihen 17 neue Entwickler für den Kernel.

Geben und nehmen

Das Prinzip von Open-Source-Software hat es in die Unternehmen geschafft. Die wiederum unterstützen heute Linux, indem sie Kernel-Entwickler beschäftigen (Abbildung 8). Die Gründe dafür sind keineswegs altruistischer Natur und brauchen es auch nicht zu sein: Wenn beide Seiten profitieren, steht einer langfristigen Symbiose nichts im Weg.

Abbildung 8: Die Entwicklung der Unternehmensbeteiligung am Kernel in den letzten zehn Jahren.

Allein Intel führt über 200 Angestellte mit entsprechendem Profil auf der Gehaltsliste, hat in den letzten beiden Jahren über 14 300 Patches abgeliefert und verbucht damit rund 13 Prozent der Arbeit am Kernel für sich. Auf dem zweiten Platz der aktivsten Unternehmen liegt Red Hat mit fast 9000 Commits, was 8 Prozent der gesamten Entwicklung ausmacht. Immerhin auf dem dritten Platz halten sich die Hobby-Programmierer, die gemeinsam mit über 8500 Einreichungen für 7,7 Prozent der Entwicklung stehen. Die weiteren Spitzenplätze belegen unter anderem Linaro, Samsung, Suse, IBM, Reneas, Google und AMD (Abbildung 9).

Abbildung 9: Viele Unternehmen beteiligen sich an der Arbeit am Kernel, darunter der Chip-Hersteller Intel, aber auch typische Linux-Unternehmen wie Red Hat oder Suse.

Insgesamt trugen die Unternehmen oder Personen auf den ersten zehn Plätzen in den letzten beiden Jahren 54 Prozent zum Kernel bei; dabei entfallen mindestens 80 Prozent auf festangestellte Entwickler aus Unternehmen.

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