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© Andrewatla, sxc.hu

Kleine Macken

Die Bürosuite des Gnome-Projekts

23.09.2013
Gnome setzt in vielen Punkten auf eigene Tools. In Sachen Office erweist sich diese Strategie als problematisch.

Das standardisierte Open-Document-Format ODF ermöglicht es heute relativ sorgenfrei, eine fast beliebige Office-Software zu nutzen und gegebenenfalls schnell auf eine andere Bürosuite umzusteigen. Es stellt sich im Einzelfall allerdings die Frage, ob sich ein Wechsel auch lohnt. Wir versuchen die Frage für die Gnome-Alternative zum Standard Open/LibreOffice zu klären: das Dreigestirn Abiword, Gnumeric und Inkscape.

Abiword

Als Textverarbeitung bildet Abiword den zentralen Baustein der Gnome-Bürosuite. Die Installation gestaltet sich einfach, in den meisten Linux-Distributionen genügt dazu ein Knopfdruck. Interessant ist ein Blick auf die Versionsnummer der Software, die der Paketmanager auf die Festplatte bringt. Auf unserem Testsystem Ubuntu 12.04 LTS ist es Abiword 2.9.2.

Das Projekt hinter Gnome-Office führt auf seiner Homepage [1] einen Link auf Abiword, der jedoch ins Leere führt: Die Seite datiert auf das Jahr 2010. Die Homepage von Abiword [2] nennt Version 2.9.4 als aktuelle experimentelle Version (Datum: 25.11.2012), als letzte stabile Version weist sie 2.8.6 aus. Aus dieser Perspektive erscheint die Version 2.9.2 trotz ihres für freie Software geradezu biblischen Alters als akzeptabel.

Nach dem Start von Abiword gestaltet sich die Ansicht übersichtlich (Abbildung 1). Die Funktion der Bedienelemente erschließt sich in der Regel auf den ersten Blick, sodass man direkt anfangen kann, Text einzugeben. Im Menü fallen die Einträge Extras, RDF und Collaborate ins Auge, die man so aus anderen Textverarbeitungen eher nicht kennt oder die Ungewöhnliches enthalten.

Abbildung 1: Abiword öffnet beim Start ein übersichtliches Fenster.

Das Menü Extras hält beispielsweise einen Plugin-Manager bereit (Abbildung 2), der es unter anderem erlaubt, Texte im E-Book-Format EPUB zu exportieren oder Texte zu importieren. Eine Übersicht aller angebotenen Funktionen – dazu zählen neben Import/Export-Filtern für mehr oder weniger exotische Formate auch Werkzeuge wie ein Kommandozeileninterpreter – findet sich auf der Abiword-Homepage [3]. Die Plugins flanschen sich in den Menüs von Abiword an verschiedensten Stellen an, großenteils jedoch im Abschnitt Extras.

Abbildung 2: Die Plugins erweitern den Einsatzbereich von Abiword erheblich.

Von besonderem Vorteil für Autoren sind dabei sicher der Thesaurus, die Möglichkeit zum Übersetzen von Texten mittels Free Translator und Babelfish sowie die Suche bei Google und Wikipedia. Die Menüeinträge erscheinen manchmal in Deutsch, manchmal jedoch auch in Englisch.

Der Menüpunkt RDF (Resource Description Framework) ist das Angebot eines theoretisch mächtigen, praktisch aber recht komplex einzusetzenden Tripels aus Subjekt, Prädikat und Objekt. In der Abiword-Hilfe suchen Sie vergeblich nach Anleitungen, wie sich das Konzept nutzen lässt. Eine Erläuterung der Theorie hinter dem Kürzel findet sich bei Wikipedia [4].

Das Menü Collaborate versammelt Einträge, die es erlauben, Dokumente mit anderen Benutzern zu teilen. Allerdings finden Sie dort nur Vorgaben für den Dienst Telepathy. Andere Services müssen Sie bei Bedarf manuell eintragen. Es wäre wünschenswert, wenn wenigstens Ubuntu One oder ähnliche moderne Cloud-Dienste ihren Eingang ins Menü fänden.

Brot und Butter

Zum Alltag jeder Textverarbeitung gehören aber in der Regel nicht komplexe Kollaborationsprojekte, sondern das Schreiben von Dokumenten, oft in Verbindung mit dem Einfügen von Bildern. Letztere erlauben die Integration selbst recht komplexer Elemente wie mathematischer oder chemischer Formeln sowie Diagrammen.

Im Fall von Abiword sollten die eingefügten Bilder jedoch nicht zu groß ausfallen, denn sonst erschweren häufige Abstürze die praktisches Arbeit. Generell verankert das Programm die Bilder als Zeichen und ohne Umfließen. Nach dem Einfügen eines Bildes haben Sie die Möglichkeit, die Größe des Rahmens zu verändern.

Das Strukturieren des Textes mittels Überschriften verschiedener Hierarchien klappt tadellos. Dabei nimmt die Software neu eingefügte Überschriften automatisch ins Inhaltsverzeichnis auf, sofern Sie diese aus dem Menü Einfügen erstellen. Dieses automatische Aktualisieren des Inhaltsverzeichnisses erweist sich als angenehme Eigenschaft, weil diese Aufgabe von Hand allzu oft im Eifer des Gefechts in Vergessenheit gerät.

Auffällig ist das Fehlen der Stilvorlagen Titel und Untertitel, welche in jedem besseren Textdokument zum Einsatz kommen. Sie haben theoretisch zwar die Möglichkeit, Stilelemente neu zu definieren, praktisch blieb die Software im Test dabei aber stets hängen. Das verhinderte es, systemweite Stilelemente zu erzeugen und zu speichern.

Das Einfügen von Tabellen erledigen Sie mithilfe der Menüs Einfügen und Tabelle. Anschließend besteht die Möglichkeit, die Tabelle mit den üblichen Mitteln zu bearbeiten – etwa, Zellen miteinander zu verbinden, um komplexe Strukturen zu erstellen. Die Logik dahinter ist einfacher als in anderen Programmen: Sie klicken einfach in die Zelle, rufen den Menüpunkt Tabelle | Zellen verbinden auf und wählen die Schaltfläche an, welche die gewünschte Verbindung ermöglicht.

Eine Automatik beim Nummerieren der Bilder fehlt ebenso wie ein automatischer Index für Tabellen. Folglich ist es nicht möglich, Querverweise darauf zu automatisieren: Die gilt es von Hand in den Text einzufügen.

Das Speichern des Dokuments erfolgt normalerweise im eigenen gepackten Format mit dem Suffix .abw. Die vielen Filter für den Import und Export erlauben darüber hinaus das Abspeichern in anderen Formaten, wie etwa ODT. Das klappt mit einfachen Dokumenten, wie Abiword sie normalerweise erzeugt, recht gut.

Umgekehrt impliziert bereits das Fehlen automatischer Referenzen zu Bildern und Tabellen nur dann einen erfolgreichen Import von anderen Texten aus anderen Programmen, wenn diese eine ähnlich simple Struktur besitzen wie Abiword-Dokumente.

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