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© Mspurity, sxc.hu

Daten verwalten in einer medizinischen Praxis mit Gecamed

Neues Rezept

Wegen seiner freien Bestandteile eignet sich das Programm Gecamed ideal zum Einsatz in einer Privatpraxis. Damit stößt es in einen hart umkämpften Bereich der Branchensoftware vor.

Sein Entstehen verdankt das Programm Gecamed einem tragischen Ereignis: der Insolvenz eines großen Softwarehauses in Luxemburg. Im Anschluss saßen viele niedergelassene Ärzte hilflos vor ihrem Programm zum Verwalten der Praxis. Ein Teil der Nutzer wandte sich in seiner Not an das Centre de Recherche Henri Tudor, um gemeinsam mit diesem ein modernes, zukunftsorientiertes Programm zu entwickeln.

Insbesondere wollten die Beteiligten die Probleme, die beim Wegfallen des Supports durch die insolvente Firma entstehen, mit einem neuen Ansatz vermeiden. So entschieden sie sich, ein Programm unter einer freien Lizenz zu entwickeln, dessen Support und Weiterentwicklung nicht mehr von einer einzigen Firma abhängt (siehe Kasten "Hintergrund"). Das resultierende Programm Gecamed [1] steht unter der GPL v3.

Hintergrund

Etwa 80 Prozent aller Menschen in Deutschland sind Mitglied in der gesetzlichen Krankenversicherung. In diesem Fall greifen beim Abrechnen von Leistungen die Regelwerke der jeweiligen lokalen Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Zugrunde liegt der einheitlicher Bewertungsmaßstab (EBM). Teilweise existieren aber bereits innerhalb eines Bundeslands unterschiedliche Vorgaben, welche sich in einigen Fällen schon bis zu viermal im Jahr geändert haben. Vor etwa einem Jahr berichtete LinuxUser schon im Rahmen des Reports "Doktor Tux" über dieses Chaos [4].

Die entsprechende Pflege einer Patientensoftware erweist sich daher als aufwendig und teuer. Das Abrechnen von Hand ist nicht mehr erlaubt, die Zulassung eines Programms durch die KV auf Bundesebene zwingend erforderlich. Es gibt zwar einige kommerzielle Praxisverwaltungen unter Linux, jedoch nur wenige freie Programme. Zu diesen Programmen gehört neben Gecamed die Software GNUmed [5]. Rund 60 Prozent der kommerziellen Anwendungen stammen von einem einzelnen Anbieter, der CompuGroup [6]. Die Lösungen unterscheiden sich zum Teil sehr stark in Bezug auf die zugrunde liegende Datenbank sowie die Programmiersprache. Anwendungen auf SQL-Basis sind eher rar.

Der Mehrheit der gesetzlich Versicherten stehen in Deutschland 20 Prozent der Beamte und privat Versicherte gegenüber. Für diese greift die Gebührenordnung Ärzte (GOÄ), die seit 1988 ein einheitliches Regelwerk hat und für ganz Deutschland identische Beträge vorsieht. Ein spezielle Zulassung der Software für diesen Zweck ist nicht erforderlich. In diesem Umfeld lässt sich Gecamed ideal einsetzen.

Die Entwickler setzten also auf eine freie Lizenz, um die Nachhaltigkeit des Projektes zu garantieren. Das Akronym Gecamed leitet sich von "Gestion de Cabinets médicaux" ab, was übersetzt "Verwaltung von Arztpraxen" bedeutet.

beim Centre de Recherche Henri Tudor handelt es sich um ein öffentlich-rechtliches Forschungsinstitut. Der Luxemburger Forscher und Industrielle Henri Owen Tudor baute unter anderem die erste nutzbare Batterie auf Blei-Säure-Basis nach dem von Gaston Planté entwickelten Prinzip. Das Institut vereint mehrere themenorientierte Abteilungen in sich, unter anderem eine mit dem Schwerpunkt Gesundheitspolitik ("Santec"-Team).

Das Programm selbst liegt in den Luxemburger Amtssprachen Französisch und Deutsch sowie in Englisch vor. Der Nutzer darf die Sprache individuell wählen. Abrechnungstechnisch liegt das Luxemburger Regelwerk zugrunde, eine Zulassung für das elektronische Abrechnen mit gesetzlichen Kassen in Deutschland fehlt daher. Trotz dieser Hindernisse besteht die Möglichkeit, die Software hierzulande einzusetzen. Ein erfolgreicher Fall zeigt dies.

2008 unternahm der Autor einen entscheidenden Schritt und gab seine Zulassung zum Abrechnen mit den gesetzlichen Kassen ab. Damit entfiel die Notwendigkeit, eine offiziell zugelassene Software zum Dokumentieren der Fälle und Abrechnen der Leistungen einzusetzen. Freie Programme mit integrierter Bildverwaltung waren allerdings für die Bedürfnisse der Chirurgie nur schwer zu finden. Software aus dem Bereich CRM wies, was die Medizin betrifft, deutliche Mängel auf.

Erst 2010 kam es auf der Fachmesse Medica in Düsseldorf durch ein persönliches Gespräch zur Initialzündung für den Einsatz von Gecamed, das seit diesem Zeitpunkt zum Einsatz kommt. Als Frontend arbeitet ein Java-Programm, die Datenbank PostgreSQL bildet das Rückgrat.

Aufbau

Gecamed weist einen modularen Aufbau auf (Abbildung 1). Die Modulleiste (1) enthält Schaltflächen, mit denen Sie zwischen den aktivierten Modulen hin und her schalten. Das Programm zeigt diese Leiste permanent an, sodass Sie von jeder Stelle des Programms aus direkt ins gewünschte Modul wechseln können.

Abbildung 1: Das dreigeteilte Hauptfenster ermöglicht einen schnellen Zugriff auf alle Module der Software sowie deren jeweilige Funktion.

Die Größe und Anordnung der Schaltflächen sowie deren Verfügbarkeit legen Sie in den Einstellungen fest. Die Menüleiste (2) enthält wichtige Aktionen des jeweiligen Moduls sowie weitere Funktionen. Der Hauptbereich (3) ändert sich in Abhängigkeit vom gerade gewählten Modul. Diesem Konzept folgt die Software in allen Bereichen.

Das Modul Patienten erlaubt es, die Daten zur Person zu erfassen (Abbildung 2). Ganz ähnlich wie eine Krankenakte aus Papier umfasst auch die elektronische Dokumentation heute zusätzliche Dokumente. Daher zeigt die Software in diesem Bereich auch eingescannte Fremdbefunde, Briefe oder Röntgenbilder an (Abbildung 3).

Abbildung 2: Der Bereich Patient mit allen relevanten Daten. Über die Leiste rechts fügen Sie Fremdbefunde hinzu.
Abbildung 3: Röntgenbilder im DICOM-Format speichern Sie, wie bei einer herkömmlichen Krankenakte, direkt bei den Patientendaten.

Installation

Gecamed ist in Java geschrieben und läuft auf den Plattformen Linux, Mac OS X, Microsoft Windows, aber auch auf anderen Betriebssystemen, sofern diese Java ab Version 1.5 mitbringen. Die Software steht auf der Projekt-Homepage als Debian-Paket und Tarball sowie Windows-Executable und Mac-Archiv in der neuesten Version bereit.

Unter Ubuntu gelingt die Installation ohne Schwierigkeiten, die abhängigen Pakete zieht das System automatisch nach. Weitere Tests mit Rechnern unter Linux Mint und Windows verliefen ebenfalls problemlos.

Nach einem Neustart geben Sie im Browser die URL http://localhost:8080/gecamed ein. Greifen Sie nicht vom gleichen Computer auf die Software zu, auf dem diese installiert ist, ersetzen Sie localhost durch die IP-Adresse des entsprechenden Rechners. Beim Klick auf Start GECAMed versucht der Browser den Client auf den Rechner herunterzuladen und fragt dazu in der Regel, was Sie mit der Datei tun möchten (Abbildung 4). Die heruntergeladene Datei Gecamed.jnlp legen Sie bei Bedarf als Starter an beliebiger Stelle ab.

Abbildung 4: Über den Browser laden Sie den Client herunter und öffnen die Datei mittels Java Web Start. Allerdings hakt es manchmal mit der OpenJDK-Variante Iced Tea.

Beim Öffnen mit Java startet das Programm. Mit der OpenJDK-Variante IcedTea gibt es dabei Probleme. Die Java-Version von Oracle dagegen bereitet dagegen keine Schwierigkeiten, ist aber nicht mehr Bestandteil der Paketquellen von Ubuntu und Mint. Im Netz finden sich jedoch zahlreiche Anleitungen zum Ersatz [2].

Besonderes Augenmerk haben die Entwickler der Software auf die sehr detaillierte Rechteverwaltung gelegt (Abbildung 5). Gecamed unterscheidet zwischen Benutzern und Ärzten. Der Grund liegt in der Tatsache, dass verschiedene Benutzer Informationen über einen Patienten abrufen und verwenden müssen.

Abbildung 5: Als Administrator haben Sie die Möglichkeit, für jeden Nutzer detailliert die Rechte festzulegen.

Die vom Administrator angelegten Benutzer haben demzufolge unterschiedliche Rechte. Aus Sicht der Software handelt es sich bei "Ärzten" lediglich eine im System hinterlegte Information über die behandelnden Mediziner in der Praxis. Einzelne Benutzer haben dann nur noch Zugriff auf die Abrechnung, jedoch nicht auf die medizinischen Daten.

Für den Administrator besteht parallel dazu die Möglichkeit, das Panel anzupassen, indem er nicht benötigte Module ausblendet. Der Autor als Chirurg hat beispielsweise das Modul Labor ausgeblendet.

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