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"Unsere oberste Priorität"

Interview mit Julien Lavergne

26.10.2011
Lubuntu ist ab Version 11.10 erstmals ein offizielles Ubuntu-Derivat. Wir waren dabei, als Mark Shuttleworth das auf dem UDS-O in Budapest bestätigte und haben uns anschließend mit Lubuntus Julien Lavergne unterhalten.

Ubuntu User: Herzlichen Glückwunsch! Was passiert nun mit Lubuntu?

Julien Lavergne: Es wird offiziell, aber wir haben noch eine Woche vor uns. Ich werde eine Mail an das Technical Board schicken, um den Status zu verifizieren. Mark hat geantwortet, dass es prinzipiell "ok" ist, aber es gibt technische Fragen, die wir auf dem UDS-O diskutieren müssen. In der Sitzung eben ging es um diese technischen Fragen. Sind sie geklärt, muss ich nur eine Ankündigung auf der Entwickler-Mailingliste schreiben, um zu sagen, dass Lubuntu hier ist und wir existieren. Es ist dann praktisch offiziell.

UU: Wie viele Leute arbeiten im Lubuntu-Projekt?

JL: Das ist schwierig zu sagen. Für das reine Paketieren sind zwei Leute zuständig – Ich und Jonathan Marsden. Auch die Leute, die in der Sitzung gesprochen haben, nehmen an der Entwicklung teil. Mehrere Personen arbeiten an der Dokumentation, aber nicht Vollzeit. Sie betreuen auch andere Ubuntu-Projekte und Teams.

Wir haben einige Leute, die das ISO testen und auf der Mailingliste posten. Wir haben eine Mailingliste, auf der alle Entwicklerdiskussionen stattfinden, da bei uns Leute aus verschiedenen Zeitzonen arbeiten. IRC ist dazu ziemlich ungeeignet, wir erledigen das lieber über die Mailingliste.

Wir haben noch eine Person, die am Artwork arbeitet. Das gesamte Artwork stammt von Rafael Laguna. Wir haben ein sehr gutes und originelles Artwork, daher sind wir sehr glücklich, dass er uns unterstützt. Und wir haben Mario Behling, der an der Webseite http://lubuntu.net arbeitet und sich um Kommunikation, Werbung und Marketing kümmert. Er hat das Projekt gestartet, und ging vor zwei Jahren mit der Idee zu Mark Shuttleworth [1]. Er ist immer da, wenn wir Hilfe auf diesen Gebieten benötigen.

UU: Habt Ihr eine Art Teamleader? Gibt es jemanden der sagt, wir treffen eine Entscheidung in diese Richtung oder in jene? Bist Du das?

JL: Ja, aber wir sagen "by default". Als ich mit der Arbeit an Lubuntus LXDE-Paket begonnen habe – das war mein erster Job – gab es quasi nichts dergleichen. Es gab einige Ideen und Upstream-Leute (vom LXDE-Projekt, d. Red.), die daran gearbeitet haben. Aber niemand versuchte, die Teile zu koordinieren. Also fing ich mit der Arbeit an, war der Hauptlieferant und wurde zum selbsternannten Projektleiter.

Aktuell haben wir nicht so viele Entwickler und Zulieferer und insofern auch kein Problem mit der Verwaltung. Vielleicht ändert sich das in Zukunft. Aber aktuell funktioniert es ganz gut. Wir reden mit den Anwendern, auch wenn es mitunter hitzige Diskussionen gibt, zum Beispiel darüber, welchen Browser wir für Lubuntu benutzen, Firefox oder Chrome. Am Ende war das eine schwierige Entscheidung, aber es gab nur wenige Beschwerden und keine wirklichen Probleme. Wir treffen eine Wahl und erklären, warum wir diese Wahl getroffen haben. Wir haben einige Zielrechner (wir wollen nicht auf alle Rechner), meist kleine Geräte mit eingeschränkter und schwacher Hardware. Wir müssen Programme für diese Art von Hardware aussuchen, das ist unser Hauptanliegen: Wir wollen nicht so sehr Features, sondern hauptsächlich Performance.

UU: Lubuntu hat nur einen kleinen Fußabdruck, den kleinsten unter den offiziellen Ubuntu-Derivaten (abgesehen von Headless). Mit Xubuntu habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sich im Laufe der Zeit aufblähte. Wie wollt Ihr das vermeiden?

JL: Wir überwachen den Arbeitsspeicher. Das behalte ich persönlich im Auge, wenn auch nicht permanent. Die erste Version 10.04 brauchte etwa 60 MByte RAM, nun benötigen wir 70 bis 80 MByte auf einigen Systemen.

In den letzten beiden Release-Zyklen haben wir Funktionen ergänzt. Einige waren unbedingt notwendig. Die erste Version schaute zum Beispiel nicht nach Updates, was etwas problematisch war. Also haben wir das Programm übernommen, das auch unter Ubuntu nach Updates schaut. Aber es benutzt mehr als 10 MByte RAM. Für Ubuntu ist das nichts, aber für uns ziemlich viel. Wir versuchen solche Sachen zu vermeiden. Und jedes Mal wenn wir ein Feature oder Programm ergänzen, gehört die Frage nach den verwendeten MBytes zu den ersten.

UU: Könnt Ihr Lubuntu weiter verschlanken?

JL: Am Anfang ist das Reduzieren einfach, da kann man viele Programme entfernen. Aber sobald wir anfangen, Kernprogramme zu entfernen oder deren Einsatz zu reduzieren, ist jedes MByte hart erkämpft. Wir versuchen Ersatz für Anwendungen zu finden, etwa für den Update Checker. Ich würde dafür gern eine Art Skript verwenden, das wir aufrufen, wenn wir es brauchen anstelle eines großen Programms, das jedes Mal startet.

Das Problem ist: Es schaut nicht nur nach Updates, sondern auch nach Abstürzen und bringt andere kleine Werkzeuge mit. Wir müssen also prüfen: Was brauchen wir, Was nicht. Wir müssen eine Balance zwischen dem Einsatzzweck, dem Speicherverbrauch und der CPU-Auslastung finden. Manchmal ist es nicht einfach, aber es macht Spaß (lacht).

UU: Was verändert es für Euch, dass Ihr nun ein offizielles Ubuntu-Derivat seid?

JL: Ja, zum Beispiel die Werbung. Wir hatten immer einen inoffiziellen Status. Wenn wir also mit anderen Entwicklern sprachen, mussten wir bisher sagen: "Hallo, wir sind Lubuntu, wir sind nicht offiziell, aber nehmt bitte unseren Patch, unseren Bug etc." Der neue Status erleichtert die Kommunikation, wir sind sichtbarer. Das ist eine Verbesserung. Wir können das ISO-Build-System und den ISO-Tracker verwenden. Es gibt also zwei wesentliche Verbesserung: Das ISO-System und die Werbung.

UU: Plant Ihr eine LTS-Variante?

JL: Nein.

UU: Weil es nicht möglich ist?

JL: Unsere Pakete sind hauptsächlich in Universe. Security-Support gibt es nur für Main-Pakete. Also können wir technisch keine LTS anbieten. Praktisch können wir eine Art von LTS anbieten, wenn wir an unseren Security-Paketen arbeiten und Community-Support leisten. Da wir aber nicht genügend Entwickler zählen, glaube ich nicht, dass es nötig ist, an diesem Punkt der Entwicklung eine LTS zu haben.

UU: Was werden die neuen Features für Euer erstes offizielles Release sein?

JL: Unglücklicherweise wird das wohl das langweiligste Release (lacht). Ich erkläre warum. Wir hatten einige Features in den letzten beiden Zyklen. Also wollen wir etwas Zeit aufwenden, um aufzuräumen, zu optimieren, zudem werden wir wohl aufgrund der Migration anderer Pakete beschäftigt sein. GTK 3 wird einen großen Teil der Entwicklung für Ubuntu absorbieren, aber wahrscheinlich auch für uns, weil wir auf GTK basieren. Und wir haben Upstream nicht viele Entwickler, also müssen wir die meiste Arbeit selbst erledigen.

Ein Feature wird darin bestehen, Autostarts von Programmen zu verhindern. Dann kann man den Gnome-Power-Manager deaktivieren, wenn man einen Plug-Computer verwendet und gewinnt einige MByte. Die Anwender bekommen eine grafische Oberfläche, um das zu ändern. Das ist aber sicher nicht besonders aufregend. Unser Ziel sind schlanke und bescheidene Rechner. Lubuntu existiert, weil diese Hardware existiert – meiner Meinung nach ist das unsere oberste Priorität.

Glossar

Plug-Computer

Kleine Rechner, die direkt in einer Steckdose stecken.

Infos

[1] Start von Lubuntu: http://blog.lxde.org/?p=208

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Ubuntu User ist bis Ausgabe 02/2013 vierteljährlich erschienen, aktuelle Artikel zu Ubuntu finden sich ab Ausgabe 04/2013 im LinuxUser.

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