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© Raoul Fesquet, Fotolia.de

Editorial

Pyramide vs. Evolution

Befragte man Linux-Experten vor ein paar Jahren, warum es noch immer kein anständiges freies Programm zum Schneiden von Filmen gibt, wurde auf die Entwickler-Pyramide verwiesen. Die was?

Ein Beispiel: Viele Anwender benutzen regelmäßig einen Bildbetrachter. Im täglichen Umgang fallen einigen Benutzern sicherlich Dinge ein, die man verbessern könnte. Da Bildbetrachter nicht zu komplex sind, versammelt sich recht schnell eine Gruppe interessierter Entwickler und Tester, sobald jemand mit der Arbeit an einem solchen Programm beginnt. Stellt man sich das Interesse als klassische Gizeh-Pyramide vor, wäre das Projekt recht weit unten angesiedelt.

Ein anderes Projekt entwickelt hingegen eine Software, um Filme zu schneiden. Hier hängen die Früchte höher, ist das Projekt komplexer. Zudem gibt es deutlich weniger Menschen, die mit freier Software professionellen Filmschnitt betreiben wollen. Es wäre also weiter oben in der Pyramide angesiedelt. Die Theorie sagt nun also: Je komplexer und exotischer ein Projekt wird, desto weniger Leute finden sich, um es zu entwickeln.

Zweifel an der Theorie beschlichen mich, als ich mir einige der Projekte ansah, die das Heft vorstellt. Sie liefern in meinen Augen Beispiele für Software, die gemäß der Pyramiden-Theorie nicht existieren oder funktionieren dürfte. XBMC und Tvheadend bilden etwa zusammen einen vollwertigen Videorekorder; auf Ähnliches zielen die Kombinationen XBMC/VDR und XBMC/MythTV ab. Mixxx 1.9 hält nach Aussage des Autors auch mit kommerzieller DJ-Software mit. Nicht zuletzt finden Sie mit Blender ein Projekt auf der Heft-DVD, mit dem kreative Leute heute professionelle Animationsfilme erzeugen ("Sintel", "Big Buck Bunny"). Mit "Projekt London" [1] soll sogar ein abendfüllender Low-Budget-Spielfilm entstehen.

Woran liegt das? Die Theorie berücksichtigt einige Faktoren nicht. Gelangen einfache Programme in ein recht ausgereiftes Stadium, wenden sich die Entwickler oft neuen, komplexeren Projekten zu, die Pionierarbeit erfordern. Gibt es eine Software auch für Windows, zieht das Projekt mehr Nutzer und damit mehr Entwickler an. Nicht zuletzt beleben Konkurrenz und der Austausch von Quellcode das Geschäft. Ein Paradebeispiel dafür ist das VLC-Projekt: Nachdem der Videoplayer schon seit geraumer Zeit tadellos funktioniert, arbeiten die Entwickler nun an einem Videoeditor [2]. Aber sie sind nicht allein: Mit OpenShot, Pitivi, Kdenlive und Lives stehen gleich mehrere andere Editoren in den Startlöchern. Offenbar unterliegen auch Pyramiden einer Evolution.

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