Aus LinuxUser 02/2018

Teamviewer 13 vernachlässigt die Linux-Basis

© Yuriy Kirsanov, 123RF

Baustelle

Teamviewer veröffentlicht die Version 13 seiner Fernwartungssoftware – für Linux jedoch nur als fehlerhafte, funktionsreduzierte Preview.

Täglich grüßt das Murmeltier: Wie praktisch jedes Jahr stellt Teamviewer seine Fernwartungssoftware in einer neuen Version vor. Setzte die Software unter Linux bislang auf die Windows-kompatible Laufzeitumgebung Wine auf, gibt es mit Teamviewer 13 nun erstmals einen nativen Linux-Client, endlich auch in einer 64 Bit-Variante [1]. Die aktuell noch in einer Preview-Version vorliegende Software irritiert jedoch die Nutzer: Wichtige Funktionen fehlen, und Lizenzinhaber außerhalb der EU zwingt das Unternehmen in ein Abo-Modell.

Die Installation von Teamviewer 13.0.5693 erfolgt über die Paketverwaltung. Der Hersteller bietet DEB- und RPM-Pakete für 32- und 64-Bit-Systeme unter Debian, Ubuntu, Red Hat, CentOS, Fedora und (Open)Suse an. Für andere Distributionen gibt es einen Tarball, diese Version gilt jedoch als nicht offiziell unterstützt. Bei den 64-Bit-Paketen handelt es sich um native 64-Bit-Programme, der Klimmzug über Multiarch-Pakete entfällt.

Im Test mit Ubuntu 16.04 LTS und 17.04 lief die Installation ohne Komplikationen durch. Die statisch gebaute Version aus dem Tarball jedoch meldete unter Arch Linux fortwährend Keine Netzwerkverbindung. Teamviewer bestätigte das Problem als Bug in der Preview-Version, empfiehlt aber generell, eher eine der unterstützten Linux-Distributionen zu verwenden.

Noch kein Abo

Privatanwender dürfen Teamviewer auch in der Version 13 noch kostenlos verwenden. Die Lizenz für professionelle Anwender kostet (ohne aktuelle Rabatte) zwischen 579 und 2299 Euro. Das Unternehmen stellt sein eigenes Lizenz-Modell allerdings infrage: Außerhalb der EU, etwa in den USA, gibt es die neue Version nur noch im Abonnement für je nach Variante zwischen 49,99 bis 165,90 US-Dollar monatlich (Abbildung 1).

Bestandskunden reagieren auf das neue Abo-Modell teils stark verärgert, da durch die Abrechnung zusätzliche Kosten entstehen. Statt einmal eine Lizenz zu kaufen und diese auch nach Freigabe einer neuen Version nutzen zu können (mit der Einschränkung, dass sich ein aktueller Teamviewer-Client nicht mit einer älteren Teamviewer-Version steuern lässt), muss die Software nun monatlich bezahlt werden.

Abbildung 1: In vielen Ländern außerhalb Europas gibt es die Teamviewer-Lizenz nur noch im Abonnement.
Abbildung 1: In vielen Ländern außerhalb Europas gibt es die Teamviewer-Lizenz nur noch im Abonnement.

Ab jetzt nativ

Die mit Qt gebaute Linux-Version verzichtet nun erstmals auf den Wine-Unterbau. Die Grundsteine für den Wechsel legte Teamviewer bereits in der abgespeckten Host-Version für PC und Raspberry Pi [2]. Allerdings stellt der Umbau des Linux-Desktops hin zu Wayland die Teamviewer-Entwicklung vor Herausforderungen: Der neue Anzeige-Server schirmt Anwendungen voneinander ab, sodass Screenshots, Bildschirmvideos oder Maus- und Tastatureingaben komplett anders zu handhaben sind.

In Version 13 kommt Teamviewer noch nicht mit Wayland zurecht. Startet man die Anwendung unter Wayland, erscheint ein Hinweis, dass eingehende Verbindungen nicht funktionieren (Abbildung 2). Auf dem zu steuernden Rechner muss der Anwender sich daher in einer klassischen X.org-Sitzung anmelden, in Gnome etwa über das Zahnrad-Menü (Abbildung 3).

Abbildung 2: Teamviewer 13 für Linux braucht als native Linux-Anwendung endlich den Wine-Unterbau nicht mehr.
Abbildung 2: Teamviewer 13 für Linux braucht als native Linux-Anwendung endlich den Wine-Unterbau nicht mehr.
Abbildung 3: Mit Wayland kommt Teamviewer noch nicht zurecht: Auf dem gesteuerten Rechner muss der klassische X-Server laufen.
Abbildung 3: Mit Wayland kommt Teamviewer noch nicht zurecht: Auf dem gesteuerten Rechner muss der klassische X-Server laufen.

Laut eigenen Aussagen möchte das Entwickler-Team in Zukunft an einer Wayland-Unterstützung arbeiten. Allerdings bietet Wayland selbst keine Schnittstelle für Remote-Desktop-Verbindungen: Diese Aufgabe lagert der Fenstermanager an den Compositor der Desktop-Umgebung aus. Somit muss jedes Desktop-Environment selbst eine entsprechende Lösung implementieren. Bei Gnome sind die Arbeiten dafür bereits am weitesten fortgeschritten – von daher dürfte Teamviewer zuerst Wayland unter Gnome unterstützen.

Nicht nachgedacht

Das größte Problem der Preview-Version zeigt sich, sobald eine Verbindung steht: Im Kopfbereich des Teamviewer-Fensters fehlt die Werkzeugleiste, über die sich Dateien verschicken, Chats führen oder Tastenkombinationen an den entfernten Rechner senden lassen (Abbildung 4). Das fällt besonders bei Windows-Servern auf, bei denen man mit [Strg]+[Alt]+[Entf] die Anmeldemaske aufrufen muss. Es gibt aktuell keinen Weg, sich per Teamviewer 13 auf solch einem System von einem Linux-Rechner aus anzumelden.

Abbildung 4: Die aktuelle Preview-Version von Teamviewer 13 verzichtet auf die Werkzeugleiste. Viele Funktionen lassen sich daher von einem Linux-Host aus nicht nutzen.
Abbildung 4: Die aktuelle Preview-Version von Teamviewer 13 verzichtet auf die Werkzeugleiste. Viele Funktionen lassen sich daher von einem Linux-Host aus nicht nutzen.

Besonders zahlende Teamviewer-Nutzer, die auf Linux setzen, äußern im Forum ihren Unmut. Bei Kunden erfolgt die Installation der Version 13 teils automatisch über die interne Update-Funktion. Von daher müssen Support-Mitarbeiter ebenso die neue Version einspielen, da Verbindungen von einer älteren Teamviewer-Ausgabe auf eine aktuelle Installation nicht klappen. Dadurch entstehen bei größeren Paketen Kosten von mehreren Tausend Euro.

Die Teamviewer-Entwickler versprachen im Community-Forum, noch vor Weihnachten 2017 ein Update bereitzustellen, das diese Funktion wieder ermöglicht – man habe die Notwendigkeit der Funktion unterschätzt. Bis Mitte Dezember 2017 lag die überarbeitete Linux-Version allerdings noch nicht vor [3].

Fazit

Teamviewer tut sich mit dem aktuellen Vorgehen keinen Gefallen. Eine Software nach und nach für unterschiedliche Betriebssysteme zu veröffentlichen, ist zwar gängige Praxis; doch bei einem plattformübergreifend, kommerziell genutzten Werkzeug, das nur innerhalb einer Version reibungslos funktioniert, müssen alle Systeme zeitgleich ein vom Umfang her identisches Update erfahren.

Am Ende bleibt den Nutzern derzeit nichts anderes übrig, als auf die finale Version zu warten und derweil entweder auf ein anderes Betriebssystem (etwa in einer virtuellen Maschine) umzuschwenken oder ihre Kunden zu bitten, ein Downgrade auf Teamviewer 12 vorzunehmen. Auch die Zukunft stellt die Teamviewer-Entwickler vor Herausforderungen: Der Unterstützung für Wayland steht das Unternehmen zwar offen gegenüber, doch ist hier noch ein weiter Weg zu gehen. 

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