Aus LinuxUser 04/2017

Editorial 04/2017

Münchner Geschichten

Die Stadt München will bis 2021 Linux und freie Software durch Windows und „marktübliche Lösungen“ ersetzen. Und das ist gut so, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

gut ein Jahrzehnt lang galt die IT-Migration der Stadt München auf Linux und freie Software als beispielhaftes, weltweit führendes Konzept für die Umstellung öffentlicher Verwaltungen auf eine herstellerunabhängige, sprich: vom Monopolisten Microsoft gelöste Basis. Für entsprechendes Erstaunen sorgte am 15. Februar national wie international ein Beschluss des Münchener Stadtrats [1], der vielerorts als „Aus für LiMux“ kolportiert wurde.

Tatsächlich sieht die Entscheidung lediglich vor, als Alternative zum Linux-Standardclient LiMux einen Windows-10-Client zu entwickeln und einzuführen. Anschließend soll geprüft werden, ob die Stadt bis zum 31. Dezember 2020 komplett auf Windows umsteigt. Erst nach Vorlage eines Kostenvoranschlags will der Stadtrat endgültig über eine LiMux-Ablösung durch Windows entscheiden.

Im Gegensatz zu vielen anderen Kommentatoren des Geschehens hoffe ich inständig, dass die Stadt München so bald wie möglich ihren Linux-Client durch Windows ablöst, und am besten auch gleich noch alle andere eingesetzte freie Software durch Microsoft-Produkte ersetzt. Warum? Damit eine inkompetente, ignorante und beratungsresistente Stadtverwaltung nicht länger ihre Unfähigkeit bemänteln kann, indem sie Linux und freie Software ständig als Sündenbock vorschiebt.

Anstoß zu der Beschlussfassung Mitte Februar war ein Gutachten [2] des Beratungsunternehmens Accenture über den Zustand der städtischen IT und Möglichkeiten zu deren Verbesserung. Das äußerst lesenswerte Dokument identifiziert als Ursache der – völlig unbestrittenen – Münchner IT-Misere hauptsächlich ein komplettes Versagen des Managements.

Als Versäumnisse der Verantwortlichen nennt die Studie insbesondere das Fehlen einer transparenten und effizienten Steuerung der IT, ineffiziente Vorhabensplanung, unzureichende Aufwandsschätzung, undurchsichtige Kostenzuordnung, mangelndes Bewusstsein für IT-Sicherheit, das Fehlen ordnungsgemäßer Arbeitsabläufe sowie gravierende Personalengpässe aufgrund mangelnder konkreter Planung.

Erschwerend hinzu kommt der parallele, weitgehend unkoordinierte Einsatz von nicht weniger als 15 Client-Betriebssystemversionen, 18 Server-Betriebssystemen auf 10 Plattformen, 8 Datenbanken, 3 Webserver-Varianten und 5 Identy-Management-Systemen [3] – ein Albtraum für Planung, Koordination und Support.

Die Stadträte der in München regierenden CSU/SPD-Koalition („GroKo“) haben in der Sitzung vom 15. Februar allerdings fröhlich fast alle Empfehlungen aus der Studie ignoriert. Windows soll Linux ablösen, statt es da zu ergänzen, wo er gar nicht anders geht; LibreOffice und freie Software sollen „marktüblichen Lösungen“ weichen. Zwar gibt man der Stadt durch Einführen eines IT-Referats endlich das Pendant eines CIOs, doch die Opposition hat diesen Posten in der Sitzung völlig korrekt als „Sündenbock“ identifiziert, den man nur braucht, „weil die Bürgermeister zu feige sind, die Verantwortung für die IT-Strategie zu übernehmen.“

Weil der politische Wille fehlt, den gravierendsten der identifizierten Schwachpunkte abzuhelfen – dazu müsste man sämtlichen Referaten, zahlreichen Amtsinhabern und vielen bequem endgebetteten städtischen Beamten auf die Füße steigen – wird München auch mit seiner „neuen“ IT-Strategie vorhersehbar an die Wand fahren. In der nächsten Iteration aber bitte ohne Linux – freie Software ist zu schade als Feigenblatt für ignorante Politiker und unfähige Bürokraten. 

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