Aus LinuxUser 11/2016

DAW Ardour: die fünfte Generation

© Computec Media GmbH

Fünfte Symphonie

Die fünfte Generation der freien Digital Audio Workstation Ardour wartet mit einfacherer Bedienung, mehr Lua-Support sowie einer Vielzahl von Verbesserungen und Erweiterungen auf.

Nur sechs Wochen nach der ersten Ankündigung veröffentlichte das Ardour-Projekt die fünfte Generation seiner freien Digital Audio Workstation (DAW) [1]. Die eindrucksvolle Liste der Neuerungen verspricht keine totale Revolution der bewährten Musikproduktionssuite, wohl aber eine Vielzahl von Verbesserungen und Erweiterungen, von denen einige durchaus revolutionäres Potenzial haben. Wir haben uns angesehen, wie sich das alles in der Praxis bewährt.

Den Riemen auf die Orgel

Die freie Software Ardour 5 erhalten Sie nicht nur auf http://git.ardour.org in Form des aktuellen Quellcodes, das Projekt bietet auch geprüfte Installationspakete an, für deren Download eine einmalige Spende in frei wählbarer Höhe anfällt. Entsprechende Pakete gibt es für Linux, MacOS und – mit Ardour 5 – auch offiziell für Windows.

Möchten Sie den recht komplexen Eigenbau aus den Quellen [2] vermeiden, sollten Sie ein solches Installationspaket erwerben. Zwar lässt sich Ardour bei allen gängigen Distributionen auch aus den Repositories installieren, doch fallen die Pakete des Projekts in aller Regel aktueller aus und laufen oft auch stabiler als die Pakete für Debian oder OpenSuse.

Hinzu kommt, dass die Entwickler im Forum von Ardour.org leicht gereizt reagieren, wenn man Fragen zu Problemen mit Distributionspaketen stellt: In von Distributionsbetreuern gebauten Packages treten stets kleine Abweichungen vom aktuellen Stand der Technik auf, auf die das Ardour-Team keinerlei Einfluss hat.

Davon abgesehen finanziert sich das Ardour-Projekt inzwischen ausschließlich über die Endnutzer. Die früheren Industriesponsoren unterstützen das Projekt heute nur noch logistisch und durch einen sehr lobenswerten Informationsaustausch; ein Gehalt bekommen Ardour-Entwickler von dieser Seite nicht mehr.

Das Installationspaket kopiert die Anwendung selbst sowie diverse mitgelieferte Komponenten wie die neuen Lua-Module nach /opt/Ardour-5x/. Dabei lassen sich verschiedene Ardour-Versionen parallel einrichten, allerdings legt jede Generation eigene Konfigurationsdateien und Backups alter Projekte an. Öffnen Sie ein mit Ardour 3 aufgenommenes Projekt in Ardour 5, kopiert das neue Ardour erst das alte Projekt in ein durchnummeriertes Backup und öffnet dann die alte Originaldatei (Abbildung 1).

Abbildung 1: Ein 2011 mit Ardour 2 aufgenommenes Projekt startet in Ardour 5 ohne Probleme – das Backup für die alte Version stellt lediglich eine reine Vorsichtsmaßnahme dar.
Abbildung 1: Ein 2011 mit Ardour 2 aufgenommenes Projekt startet in Ardour 5 ohne Probleme – das Backup für die alte Version stellt lediglich eine reine Vorsichtsmaßnahme dar.

Beim ersten Start zeigt Ardour ein Konfigurationswerkzeug für die gewünschte Audio-Schnittstelle. Das geschieht auch, wenn der bevorzugte Audio-Server Jack bereits aktiv ist. Sie können Ardour also auch auf einer zweiten Soundkarte mit Alsa laufen lassen, während Jack andere Anwendungen verwaltet. Wählen Sie Jack aus, zeigt ein folgender Dialog an, dass Jack bereits läuft und Ardour sich mit ihm verbindet (Abbildung 2).

Abbildung 2: Lassen Sie sich durch das grelle Rot der Meldung nicht verunsichern: Die Verbindung zu Jack funktioniert nach einem Klick auf <code>OK</code> problemlos.
Abbildung 2: Lassen Sie sich durch das grelle Rot der Meldung nicht verunsichern: Die Verbindung zu Jack funktioniert nach einem Klick auf OK problemlos.

Zu den beim Start angebotenen Werkzeugen gehört außerdem ein neuer Assistent zum Kalibrieren des Audiosystems. Er misst die Verzögerung, die ein Signal zwischen Ein- und Ausgang durch die digitale Verarbeitung erfährt. Ardour stellt sich intern auf diese Verzögerung ein und kann so unerwünschte Verschiebungen von Aufnahmen gegeneinander vermeiden.

Das Werkzeug zeigt noch diverse zusätzliche Informationen über das Signal an, wie etwa Phasenverschiebungen und Verzerrung durch falsch eingestellte Eingänge und mangelhafte Verkabelung. Dabei empfiehlt es sich dringend, ein tatsächliches Messsignal an den Eingang zu schicken, wie etwa einen gleichmäßigen Sinuston. Schwankungen, etwa bei Gitarren absolut üblich, lassen die Meldungen sehr schnell wechseln.

Sichtbar neu

Ardour 5 unterscheidet sich auf den ersten Blick optisch kaum von den Vorgängern. Schon bei einfachen Aktionen zeigen sich jedoch bedeutende Neuerungen.

Rechts oben erlauben neue Schalter einen Wechsel zwischen der Editoransicht, dem Mixer und den Einstellungen. Anders als früher erzeugen diese Schalter aber keine neuen Fenster, sondern zeigen das gewählte Modul als eine Art Reiter im Hauptfenster an. Es bleibt aber auch das altgewohnte Verhalten verfügbar: Ein Rechtsklick auf die neuen Umschalter zeigt ein Menü (Abbildung 3), in dem Sie vorgeben können, dass der Mixer auch weiterhin in einem eigenen Fenster landet – speziell für Nutzer mit mehreren Monitoren sicher die schönere Lösung.

Abbildung 3: Editor, Mixer und Einstellungen lassen sich sowohl in Reitern als auch in eigenen Fenstern anzeigen.
Abbildung 3: Editor, Mixer und Einstellungen lassen sich sowohl in Reitern als auch in eigenen Fenstern anzeigen.

Die Reiteransicht bringt einen ziemlich praktischen Nebeneffekt mit sich: Im Mixer-Tab bleibt oben die Leiste aus der Editoransicht mit der Laufwerkssteuerung und den verschiedenen Zeitanzeigen erhalten. So lässt sich jetzt endlich auch mit nur einem Monitor beim Mixen das Laufwerk steuern, ohne groß Tastaturkürzel lernen zu müssen.

Im Mixer taucht ein völlig neues Element auf, das sich als neue Spur in ein Projekt einfügen lässt: die sogenannten VCA-Tracks. Sie erlauben es, die Signale mehrerer einzelner Spuren vor dem Master-Eingang abzufangen und die gesamte Lautstärke einzustellen. Dabei erzeugt Ardour keinen Submix im eigentlichen Sinn, alle Spuren lassen sich genau wie ohne VCA einzeln einstellen, verkabeln und mit Plugins bearbeiten.

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