Aus LinuxUser 09/2016

Interoperabilität verschiedener Dateiformate

© Thomas Reichhart, 123RF

Formatfrage

Wer von proprietären Plattformen zu Linux wechseln möchte, für den spielt die Interoperabilität der einzelnen Anwendungsprogramme eine große Rolle. Wir prüfen, wie gut Linux und seine Anwendungen mit Fremdformaten zurechtkommen.

Beim Umstieg von Windows zu Linux stellt sich jeder Anwender zwangsläufig die Frage, ob er seine bisherigen Dokumente und Dateien problemlos weiter nutzen kann. Vor allem die diversen Microsoft-Office-Formate erweisen sich wegen der nicht offengelegten Spezifikationen der älteren Versionen oft als ein gravierender Störfaktor: Den Entwicklern freier Software fällt es schwer, die proprietären Formate korrekt umzusetzen.

Bürosuiten gehören in der täglichen Arbeit zu den am häufigsten genutzten Programmen, weswegen fast alle Distributionen sie bereits bei der Installation mit einrichten. Der generelle Funktionsumfang von Textverarbeitung, Präsentationsprogramm und Tabellenkalkulation weist zwischen den verschiedenen Produkten nur noch geringe Unterschiede auf, doch versuchen die integrierten Programme außerhalb der Microsoft-Welt, durch Zusatznutzen und eigene Bedienkonzepte beim Anwender zu punkten. Dazu gehört auch die Kompatibilität zu möglichst vielen Fremdformaten.

Auch bei Video, Audio, CAD und Fotos steht und fällt der Erfolg von Linux mit der Fähigkeit, möglichst viele proprietäre Formate zu unterstützen. Daher kommen Multimedia-Anwendungen bei Linux-Anwendern nur dann an, wenn sie die oft proprietären Formate möglichst fehlerfrei wiedergeben und gegebenenfalls exportieren. Gelingt das nicht, dann stehen unter Linux zumindest Konverter bereit, die nahezu jedes gängige Format kennen.

Formatchaos

Auf Windows und Mac OS hat sich Microsoft Office als Standard-Büroprogramm etabliert. Da der US-Hersteller jedoch im Laufe der Jahre mit neuen Office-Versionen auch die Dateiformate modifizierte, ist Office-Dokument nicht gleich Office-Dokument. Mangels kompletter Abwärtskompatibilität lassen sich neue MS-Office-Dokumente häufig nicht mehr mit älteren MS-Office-Versionen öffnen. Damit sich alternative Büro-Suiten universell nutzen lassen, müssen sie entsprechend eine Vielzahl von Formaten des Herstellers aus Redmond unterstützen.

Das Entwickeln entsprechender Konvertierungsfilter gestaltet sich für Programmierer alles andere als trivial: Von Microsofts aktuellem Office-Open-XML-Format OOXML gibt es drei unterschiedliche, zueinander inkompatible „Standards“, deren Formatspezifikationen mehr als 6000 Seiten umfassen [1].

Ein weiteres Problem ergibt sich aus den verschiedenen Skript- und Makrosprachen, die für Office-Dokumente zum Einsatz kommen: Während Microsoft auf einen VBA-Dialekt setzt („Visual Basic for Applications“), nutzen LibreOffice und dessen Bruder Apache OpenOffice unterschiedliche Basic-Dialekte als Skriptsprache, mit anderer Methodik und abweichenden Objekten. Dasselbe gilt auch für die Linux-Bürosuiten WPS-Office und Softmaker Office.

Die freie Alternative

Das im Jahr 2010 von OpenOffice abgespaltene LibreOffice stellt inzwischen einen festen Bestandteil nahezu aller gängigen Distributionen dar, steht aber auch für andere Betriebssysteme bereit. Obwohl OpenOffice und LibreOffice ursprünglich auf dem weitgehend gleichen Code basieren, entwickelten sie sich aufgrund lizenzrechtlicher Probleme im Laufe der Jahre immer weiter auseinander. Da beide Suiten das Open Document Format ODF als Standard-Dateiformat nutzen, stellt das für den normalen Anwender kein Problem dar. Es gelingt sogar, in heterogenen Umgebungen ohne Abstriche mit beiden Büropaketen simultan zu arbeiten. Allerdings entwickelt sich LibreOffice inzwischen weit agiler als OpenOffice und erfährt durch die Community eine bessere Unterstützung.

Formsache

Im Test mit aufwendig gestalteten Arbeitsblättern im Microsoft-Word-Format überzeugte LibreOffice weder bei der älteren noch der aktuellen Formatvariante komplett: Schriften stellt es teils fehlerhaft dar, Platzhalter in Dokumenten zeigt es versetzt an, und auch Tabellensatz gibt es stellenweise nicht korrekt wieder. Immerhin schafften es die Konvertierungsfilter von LibreOffice, Grafiken im Dokument an nahezu der richtigen Stelle zu platzieren.

Während LibreOffice einfach gestaltete Dokumente noch einwandfrei importiert, erfordern komplex aufgebaute Layouts ein zeitraubendes manuelles Nachbearbeiten. Die Suite punktet allerdings mit einer großen Anzahl von Import- und Exportfiltern: So liest sie problemlos auch einige alte Formate ein. Zusätzlich bringt sie einen ausgereiften Exportfilter für das omnipräsente PDF-Format mit (Abbildung 1).

Abbildung 1: Beim Import von Dokumenten im neuen Microsoft-DOCX-Format weist LibreOffice noch diverse Schwächen auf.
Abbildung 1: Beim Import von Dokumenten im neuen Microsoft-DOCX-Format weist LibreOffice noch diverse Schwächen auf.

WPS-Office

Das in Europa weitgehend unbekannt gebliebene, aus China stammende WPS-Office der Firma Kingsoft steht auch für Linux bereit. Diese Variante des plattformübergreifend entwickelten Office-Pakets befindet sich offiziell seit mehreren Jahren im Alpha-Status, die Entwickler pflegen das Produkt aber permanent weiter.

Das proprietäre Softwarepaket steht für Linux in den gängigen 32- und 64-Bit-Architekturvarianten als DEB und RPM kostenfrei zum Download bereit [2]. Zusätzlich bietet das Projekt eine portable Variante als Tarball an, die auf nahezu jedem Linux-System läuft. WPS-Office umfasst eine Textverarbeitung namens Writer, die Tabellenkalkulation Spreadsheets sowie das Präsentationsprogramm Presentation.

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