Aus LinuxUser 07/2016

Editorial 07/2016

Kleingedrucktes

Nur freie Lizenzen haben wirklich den Sinn, die Verbreitung von Materialen zu unterstützen. Alle anderen Lizenzformen, und seien Sie noch so gut gemeint, unterstützen nur die Abzocke durch böswillige Zeitgenossen, meint Chefredakteur Jörg Luther. Das gilt selbst für Creative Commons, wie die Praxis beweist.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

mit einer Gesetzesänderung versprach die große Koalition den Weg für private WLAN-Hotspot-Betreiber zu ebnen: Auch private Zugangsanbieter sollen künftig so wie gewerbliche die Handlungen ihrer Nutzer nicht mehr verantworten müssen. Da feierte die Süddeutsche Zeitung kürzlich schon mal: „Abmahnanwälte stöhnen – Internetnutzer jubeln.“ [1] Die Neuregelung soll „uneingeschränkt auch die verschuldensunabhängige Haftung im Zivilrecht nach der sog. Störerhaftung“ umfassen und eine „Tragung der Abmahnkosten und der gerichtlichen Kosten im Zusammenhang mit der von einem Dritten durch die Übermittlung von Informationen begangenen Rechtsverletzung“ verhindern.

Na, dann ist doch alles gut? Vorsicht, Falle: Diese klare Regelung steht so lediglich in der Gesetzesbegründung, fehlt aber im Telemediengesetz selbst. Dort findet sich im fraglichen Artikel 8 lediglich ein neuer Passus, der das „Providerprivileg“ auf die Anbieter freier Hotspots erweitert. Das befreit diese wie klassische Internetprovider von der Haftung für Rechtsverstöße Dritter, schützt sie aber keineswegs vor Unterlassungsansprüchen. Genau die aber instrumentalisiert die Abmahnindustrie für ihre Abzocke [2]. Alle mit der Materie Vertrauten warnen denn auch ausdrücklich davor, das in vielen Medien prompt kolportierte „Ende der Störerhaftung“ für bare Münze zu nehmen [3]. Lassen Sie Ihr WLAN lieber geschlossen – sonst jubelt der Abmahner.

Nicht nur hier lohnt es sich, aufs Kleingedruckte zu achten: Gleiches gilt für vermeintlich freie Lizenzen, mit denen man täglich umgeht. Sagen wir mal, Sie binden ein Bild auf Ihrer Website ein, das unter einer Common-Creatives-Lizenz steht. Dann genügt es, den Autor sowie die Lizenz zu nennen sowie einen Link auf das Original einzubinden, oder? Glaubt man der CC-Website, ist selbst das schon Overkill: „Der einfachste CC-Lizenzvertrag verlangt vom Nutzer (Lizenznehmer) lediglich die Namensnennung des Urhebers/Rechteinhabers (Lizenzgeber)“, textet beispielsweise die Organisation selbst vollmundig auf ihrer deutschen Website [4].

Falls Sie das glauben, sollten Sie besser ein Monatsgehalt auf der hohen Kante haben. Mein Kollege Christoph Langner garnierte sein privates Blog Linuxundich.de (das selbst unter CC-BY steht) mit zwei CC-BY-lizenzierten Bildern des Berliner Fotografen Dennis Skley [5]. Dabei gab er den Namen des Autors an, die Quelle sowie die Lizenz. Das Resultat war eine Abmahnung über rund 2300 Euro, inklusive Anwaltskosten. Im Kleingedruckten nämlich schreiben die CC-Bestimmungen vor, dass man eben nicht nur den Autor, die Quelle und die Lizenz nennen muss. Es gilt, zudem den vollen Namen des Werks anzugeben sowie Autor, Lizenztext und Quelle zu verlinken [6]. Hätten Sie’s gewusst? Ich wette: nicht, denn selbst Profis wie die CC-Werke nutzenden Branchendienste Golem.de, Heise.de und t3n.de erfüllen diese Kriterien nicht komplett, wie eine kurze Stichprobe ergibt.

Die 2300 Euro erhält nicht etwa der Autor des Werks: Herr Skley hat – übrigens ohne jeden Versuch einer Kommunikation mit dem „Lizenzbrecher“ – seine Rechte an einen Abmahnanbieter namens „Verband zum Schutz geistigen Eigentums im Internet“ (VGSE) abgetreten, der unter der markigen URL Bilderdiebstahl.de firmiert [7]. Dafür hat Herr Skley nicht etwa die von der VGSE eingeforderten 1658,50 Euro „Schadensersatz“ bekommen, sondern 50 Silberlinge: 40 Euro zahlt der VGSE dem Rechteinhaber für ein Bild, 10 Euro für jedes weitere, wie sich auf der Homepage des Verbands nachlesen lässt.

Fälle wie dieser beweisen einmal mehr, wie recht die Free Software Foundation und das GNU-Projekt haben, wenn sie auf freie Lizenzen pochen und alle eingeschränkten Varianten ablehnen [8]. Nur freie Lizenzen haben den Sinn, Rechte sicherzustellen, vor allem das der Verbreitung. Alle anderen Lizenzen schränken Rechte ein, insbesondere das der freien Verbreitung. Dies wiederum nutzen rücksichtslose Zeitgenossen wie Dennis Skley und die VGSE aus, um gutgläubigen Anwendern ohne Vorwarnung das Fell über die Ohren zu ziehen. Insofern sollten Sie von solchen minderwertigen Lizenzen wie CC tunlichst Abstand nehmen – oder das Kleingedruckte genau lesen und Ihr Bankkonto gut gefüllt halten.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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3 Kommentare auf "Editorial 07/2016"

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Benachrichtige mich zu:
Dann lesen wir jetzt alle mal kurz das Kleingedruckte der GPL (https://www.gnu.org/licenses/gpl-3.0.en.html ). Wer nicht gut genug Englisch spricht, kann die deutsche Übersetzung heranziehen (https://www.gnu.org/licenses/gpl-3.0.de.html ), die allerdings im Gegensatz zur offiziellen Übersetzung der CC-BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/legalcode.de ) juristisch bedeutungslos ist (https://www.gnu.org/licenses/translations.de.html ). Aber wird schon gut gehen, denn es kommt ja allein darauf an, keine „minderwertige“ Lizenz zu verwenden. Im Ernst, wenn hier etwas das Prädikat „minderwertig“ verdient, dann ist es das Fazit des Autors. Wenn man einen Lizenzvertrag verletzt, dann ist es reichlich nebensächlich, ob Richard Stallman dem Vertragsverhältnis zuvor seine Segnung erteilt hat. Das ist an sich… Mehr »
Hallo m.eik, ich bin der betroffene Blogger. Von daher gehe ich mal auf den CC-Part ein. Hintergründe kannst du unter https://linuxundich.de/politik/zeitbombe-abmahnung-bei-der-verwendung-von-creative-commons-skley-schroeder-vsge/ einsehen. Die von dir verlinkten „Best practices for attribution“ sind problematisch. Die Wiki-Seite empfiehlt eine „ideal attribution“, die durchaus gut ist. Werk, Urheber, Lizenz und Titel sind genannt und auch verlinkt. Der Link zum Werk geht sogar über die Anforderungen der CC hinaus — wenn auch manche Urheber (siehe Flickr-Profil Skley) diesen einfordern. Danach geht es aber mit einer „pretty good attribution“ weiter. Diese enthält weder den Titel des Werks, noch verlinkt Sie auf das Profil — Ganz egal… Mehr »

Wer möchte, kann jetzt mehr zu diesen Abmahnungen lesen. Zusammen mit Markus Reuter und Ben Siegler von Netzpolitik.org haben wir das Netzwerk der Abmahner recherchiert:

„Seit Dezember 2015 verschickt eine Cider Connection zahlreiche Abmahnungen wegen fehlerhafter Creative-Commons-Referenzierungen. Wir haben recherchiert und legen jetzt das Netzwerk der Abmahner offen.“

https://netzpolitik.org/2016/die-cider-connection-abmahnungen-gegen-nutzer-von-creative-commons-bildern/