Aus LinuxUser 02/2016

Open Source in Regierungen und Verwaltungen

© rvlsoft, 123RF

Freie Software in Europa

Seit den Enthüllungen von Edward Snowden entwickelt sich Open-Source-Software in Europas Amtsstuben zum Gebot der Stunde – außer in Deutschland.

Open-Source-Software war in der Gesellschaft, in Unternehmen und Institutionen noch nie so verbreitet wie heute. So setzen inzwischen mehr als drei Viertel aller Unternehmen freie Software in der einen oder anderen Form ein. Die öffentliche Hand zieht mittlerweile europaweit mit, allerdings mit unterschiedlicher Gewichtung zwischen den Staaten.

Als einer der Vorreiter in Deutschland gilt München mit Limux [1], einem Paradebeispiel für die erfolgreiche Migration hin zu Linux und Open-Source-Software in einer Großstadt. Diesen umfassenden Schritt einer Umstellung von insgesamt 13?000 Rechnern über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren wagen nicht viele Kommunen. Doch München liefert bei Weitem nicht die einzige europäische Erfolgsgeschichte in Sachen Open Source.

Pro Open Source

Mehrere Gründe sprechen für die Migration weg von proprietärer hin zu freier Software. Angesichts der chronisch leeren Kassen von Ländern und Kommunen spielen die zu erwartenden Kosteneinsparungen eine wichtige Rolle und erleichtern die von den Kämmerern zu erbringende Pflicht gegenüber dem Steuerzahler.

Wichtiger und langfristig auch finanziell relevanter ist der Aspekt der offenen Formate und die Tatsache, dass proprietäre Software häufig eine Zwangsjacke mit womöglich unangenehmen Folgen darstellt. Geht etwa ein Softwarehersteller in Konkurs, so war der Erwerb von Programmen dieses Unternehmens ein Fehlkauf, weil sich die Software nach einer gewissen Zeit wegen fehlender Updates faktisch nicht mehr einsetzen lässt. Stellen hingegen die Entwickler freier Software die Arbeit an dem Projekt ein, so dürfen dank entsprechender Lizenzierung andere den Code übernehmen und die Arbeit daran fortführen. Die Behörde oder Organisation, die solche Software einsetzt, kann bei größeren Projekten auch selbst Programmierer einstellen, die sich fortan darum kümmern.

Der vorliegende Quellcode gestattet es Firmen darüber hinaus, Schnittstellen und Formate zu ändern, ohne zur Rückwärtskompatibilität gezwungen zu sein. Microsoft nahm in der Vergangenheit bereits mehrmals Änderungen an Formaten seiner Office-Suite vor, die dazu führten, dass spätere Ausgaben der Software Texte der früheren Version nur noch über einen zusätzlichen Konverter öffneten. Derartiges erweist sich besonders für Archive und Bibliotheken als fatal, deren öffentlicher Auftrag darin besteht, Texte, Bilder und weitere Medien ohne Umwege und Abstriche im Zugriff zu halten. Sie sind somit darauf angewiesen, dass Formate über lange Zeit zugänglich bleiben.

Einen weiteren Grund für die Umstellung auf offene Formate stellt die zunehmend digital geführte Kommunikation zwischen Verwaltungen und den Bürgern dar. So gehen Behörden vermehrt dazu über, Online-Dokumente auch als PDFs anzubieten. Dabei handelt es sich zwar um ein geschlossenes Format, das sich aber zumindest unter allen Betriebssystemen und auch auf Mobilgeräten öffnen lässt. Geht es aber um Schriftwechsel zwischen Behörden und dem Bürger, so schließen proprietäre Formate schnell Anwender aus oder erschweren ihnen den Zugang zur Kommunikation. In den letzten Jahren verstärkte sich der Trend, LibreOffice in Europas Amtsstuben sowie in der Verwaltung der Europäischen Union einzuführen und so dem E-Government durch offene Formate wie ODF mehr Gewicht zu verleihen.

Vorreiter Spanien

In Deutschland nimmt Limux zwar eine Vorreiterrolle ein, doch gibt es einige europäische Länder, die Linux und freie Software schon geraume Zeit einsetzen. So hat bereits 2002 die spanische Region Extremadura die auf Debian basierende Distribution LinEx [2] entwickelt (Abbildung 1) und im Laufe der Zeit als Standard-Betriebssystem der Verwaltung, des Bildungs- und Gesundheitssystems etabliert. So stellten die Spanier rund 100?000 Schulrechner und über 40?000 PCs der Regierung und Verwaltung auf Linux um; rund 15?000 Lehrer wurden in der Anwendung von Linux geschult. Zudem fördert die autonome Region an der Grenze zu Portugal – sie zählt zu den ärmsten Europas – mit Technologiezentren die Ausbildung von IT-Fachkräften. Damit weist Extremadura nicht nur eines der ältesten, sondern auch eines der größten Migrationsprojekte zu freier Software in Europa vor.

Abbildung 1: Die spanische Distribution LinEx wurde speziell für den Einsatz in den Verwaltungen sowie im Bildungs- und Gesundheitssystems konzipiert.
Abbildung 1: Die spanische Distribution LinEx wurde speziell für den Einsatz in den Verwaltungen sowie im Bildungs- und Gesundheitssystems konzipiert.

Die ebenfalls autonome spanische Region Galicien arbeitet seit 2004 an einer Umstellung auf Open Source. 2010 bündelte man die entsprechenden Projekte und richtete sie neu aus. Auch Andalusien treibt seit Jahren die Verwendung freier Software voran: Im Jahr 2010 verteilte man dort fast 200?000 Notebooks mit der Distribution Guadalinex an Schüler. Alle drei Regionen geben an, mit freier Software jährlich Millionen Euro einzusparen – in der Extremadura sollen es 8 Millionen sein [3]. Somit zählt Spanien und besonders die genannten autonomen Regionen zu den Vorreitern in Sachen freier Software in Europa.

Frankreich und Großbritannien

Derzeit kommen aber auch vermehrt Nachrichten über Migrationen zu LibreOffice und offenen Formaten aus Frankreich und Großbritannien. Gerade die Briten machen in dieser Hinsicht keine halben Sachen und legten im Sommer 2014 ODF, HTML und PDF/A als offene Standardformate fest, die künftig für alle Behörden verbindlich gelten [4]. Vor wenigen Wochen schloss Großbritanniens Regierung einen Vertrag mit dem britischen Unternehmen Collabora über die Einführung von LibreOffice auf den Rechnern der britischen Verwaltung [5]. Collabora bietet eine auf Unternehmen, Organisationen und Verwaltungen ausgerichtete Version von LibreOffice an, die sich auch in der Cloud nutzen lässt, und beschäftigt einen Stamm von anerkannten LibreOffice-Experten, die bei der Umstellung helfen.

Frankreich lässt es dagegen auf hohem Niveau etwas ruhiger angehen und spricht lediglich Empfehlungen aus [6]. Die Erfahrung andernorts zeigt aber, dass diese Vorgehensweise wenig bewirkt. Sie widerspricht der wohlbekannten Tendenz, Vertrautes beibehalten zu wollen. Das empfanden auch Frankreichs Bürger so und machten Druck: Im Rahmen des Projekts „La République numérique“, vergleichbar mit der europaweiten digitalen Agenda, wählten sie im Rahmen einer Umfrage das Thema Open-Source-Software in der Verwaltung und im Bildungsbereich auf den dritten von zehn Plätzen – nun muss das Parlament darüber debattieren.

Dabei haben sich Teilbereiche der öffentlichen Hand in Frankreich schon lange auf Open Source ausgerichtet: Bereits 2002 beschloss die französische Gendarmerie eine strikte Open-Standards-IT-Richtlinie. Ab 2004 installierte sie zunächst nach und nach OpenOffice auf den 90?000 Rechnern der Behörde. 2007 folgte dann der Beschluss, von Windows XP nicht auf Windows Vista zu wechseln, sondern stattdessen Ubuntu den Vorzug zu geben. Vor zwei Jahren gab ein Major der Gendarmerie auf einer Konferenz bekannt, die Polizeibehörde hätte ihre IT-Kosten (TCO) durch die Migration auf Linux und eine freie Bürosuite um 40 Prozent gesenkt [7]. Dabei steht die Polizei Frankreichs mit dem Einsatz von Open Source nicht alleine da: Bereits 2006 kündigten das französische Finanzministerium, das Innenministerium mit 240?000 Rechnern [8] und eine Reihe weiterer untergeordneter Behörden mit schätzungsweise 80?000 weiteren Desktops den Umstieg auf freie Software an.

Italien

Italien ging ab 2012 europaweit wohl den radikalsten Weg und schrieb Open-Source-Software in Behörden per Gesetz vor. Nur in begründeten Ausnahmefällen, wenn Open Source keine Option bietet, dürfen die Beschaffungsbehörden proprietäre Software kaufen. Als Konsequenz aus diesem Gesetz kündigte das italienische Militär an, seine 150?000 Rechner bis Ende 2016 auf LibreOffice umzustellen [9]. Viele Städte und Gemeinden in Italien haben diesen Schritt bereits hinter sich gebracht, um ihre ständig leeren Kassen zu schonen.

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