Aus LinuxUser 09/2015

Das neue Meizu MX4 Ubuntu Edition im Test

© Meizu

Maximiert

Mit dem MX4 Ubuntu Edition bringt Meizu das bislang schnellste Ubuntu-Handy auf den Markt. Mit Octa-Core-CPU und 20,7-Megapixel-Kamera toppt es die Ubuntu-Handys von BQ deutlich, zeigt in der Praxis jedoch Schwächen.

Google und Apple beherrschen mit Android und iOS den Smartphone-Markt. Der Branchendienst IDC ermittelte im Mai 2015 [1], dass weltweit knapp 80 Prozent aller Smartphones mit Android über den Ladentisch gehen. Apple bleibt mit seinen iPhones noch 16 Prozent vom Kuchen, das Unternehmen kassiert allerdings dank gewaltiger Margen über 90 Prozent des Gewinns der gesamten Smartphone-Branche [2]. Microsoft hinkt mit knapp über 3 Prozent Marktanteil als abgeschlagener Dritter durchs Ziel. Die restlichen Hersteller, darunter der einstige Marktführer Blackberry, kommen zusammen gerade mal auf ein mageres Prozent Marktanteil.

Zu den unter „ferner liefen“ gewerteten Smartphone-OS-Herstellern zählen Mozilla mit Firefox OS [3], das von ehemaligen Nokia-Mitarbeitern entwickelte Sailfish OS [4] und das von der Linux Foundation unterstützte Tizen [5]. Mozilla darf dank einer Reihe von Kooperationen und günstiger Geräte bereits eine Reihe von Erfolgen für sich verbuchen: In Schwellenländern wie Brasilien oder Venezuela verzeichnen Firefox-OS-Handys bereits Marktanteile von über 10 Prozent [6]. Als Vierter im Bunde der Open-Source-Alternativen für Smartphones versucht sich Canonical mit Ubuntu Touch, respektive Ubuntu Phone [7].

Ubuntu Touch

Ubuntu Touch kommt im Gegensatz zur Konkurrenz in der Theorie völlig ohne zusätzliche Tasten am Handy aus. Stattdessen müssen Sie sich eine Reihe von Gesten einprägen, die sich ein wenig von denen unterscheiden, die Sie von Android oder iOS kennen. Je nachdem, von welcher Seite des Displays aus Sie den Finger über den Bildschirm ziehen, öffnen Sie das Anwendungsmenü, ziehen die Benachrichtungen und Schnelleinstellungen auf oder wechseln zwischen den gerade aktiven Apps. Bei den Gesten von links oder rechts reagiert das Handy unterschiedlich, wenn Sie nur kurz wischen oder den Finger über die Bildschirmmitte hinausziehen.

Mit der „Konvergenz“ getauften Funktion möchte sich Canonical ganz besonders von der Konkurrenz abheben: An einen großen Monitor angeschlossen, lässt sich das Ubuntu auf dem Mobiltelefon auch mit der gewohnten Desktop-Oberfläche nutzen, auf einem Tablet wechseln Sie nahtlos zwischen der mobilen Oberfläche und dem Ubuntu-Desktop. Damit hätte Canonical das geschaffen, was bisher kein anderer Hersteller umgesetzt hat: die vollständige Portierung eines Betriebssystems mit austauschbaren Bedienoberflächen. Handy oder Tablet avancieren so bei Bedarf zum PC, den man mitsamt aller Daten mitnehmen kann. Für Konvergenz waren die bisherigen Ubuntu-Handys jedoch zu schwach, sodass die Funktion bisher immer nur als Demo zu sehen war [8].

Meizu MX4 Ubuntu Edition

Mit Meizu nimmt nun nach dem spanischen Handy-Hersteller BQ ein zweiter Smartphone-Produzent Ubuntu als Betriebssystem ins Programm. Das MX4 Ubuntu Edition [9] ist im Vergleich zu den bisherigen zwei Ubuntu-Smartphones (siehe Tabelle „Ubuntu-Handys im Vergleich“) mit acht Kernen, 2 GByte Arbeitsspeicher, einem hochauflösenden Display und leistungsfähigen Kameras auf der Höhe der Zeit. Um eines der begehrten Geräte zu ergattern, mussten potenzielle Käufer anfangs ein kleines Onlinespiel auf der Webseite des Herstellers absolvieren. Mit der Maus galt es, auf die sogenannte „Origami-Wand“ zu klicken und kleine Hotspots zu treffen. Nach einem Zufallsalgorithmus bekam der Interessent dann entweder detaillierte Informationen zum Smartphone angezeigt oder mit viel Glück sogar eine Aufforderung, seine E-Mail-Adresse einzutragen. Diese wurde dann für den herstellereigenen Online-Shop freigeschaltet.

Ubuntu-Handys im Vergleich

  Meizu MX4 BQ Aquaris E4.5 BQ Aquaris E5 HD
 
Technische Daten
CPU-Typ MediaTek Cortex A7 und A17, Octa-Core MediaTek Cortex A7, Quad-Core MediaTek Cortex A7, Quad-Core
CPU-Takt (max.) 4 x 2,2 GHz, 4 x 1,7 GHz 1,3 GHz 1,3 GHz
GPU PowerVR G6200, Quad-Core, 600 MHz Mali 400, 500 MHz Mali 400, 500 MHz
Speicher 16 GByte intern, 2 GByte RAM 8 GByte intern, 1 GByte RAM 16 GByte intern, 1 GByte RAM
Display 5,36 Zoll, IPS, Gorilla Glass 3 4,5 Zoll, IPS, Dragontail-Glas 5,0 Zoll, Dragontail-Glas
Auflösung 1920 x 1152, 417 ppi 960 x 540, qHD, 240 ppi 1280 x 720, HD720, 294 ppi
Akku 3100 mAh, fest verbaut 2150 mAh, fest verbaut 2500 mAh, fest verbaut
Konnektivität
Daten (max.) 4G LTE 3G HSPA+ 3G HSPA+
Wi-Fi 802.11 a/b/g/n/ac 802.11 b/g/n 802.11 b/g/n
Bluetooth 4.0 (BLE unterstützt) 4.0 4.0
Kameras
Rückseite 20,7 Mpx, f/2.2, Sony IMX220 Exmor 5 Mpx, f/2.4 13 Mpx, f/2.2
Front 2 Mpx, f/2.2, Sony IMX208 5 Mpx 8 Mpx, f/2.4
Größe und Gewicht
Dimensionen 144 x 75,2 x 8,9 mm 137 x 67 x 9 mm 142 x 71 x 8,65 mm
Gewicht 147 g 123 g 134 g
Besonderheiten
SIM-Slot Micro-SIM Dual-Micro-SIM Dual-Micro-SIM
SD-Slot nicht vorhanden SDHC, Micro-SD SDHC, Micro-SD
Sonstiges Micro-USB-OTG Micro-USB-OTG Micro-USB-OTG
Preis
Preis 299 Euro 169,90 Euro 199,90 Euro

Die Reaktion der Kunden auf die umständliche Bestellprozedur war schon bei den Flash-Sales des Aquaris E4.5, bei denen es immer nur für eine kurze Zeit eine begrenzte Stückzahl des Geräts zu kaufen gab, eher verhalten. Während die einen das Treiben als sinnvolle Möglichkeit verstanden, den initialen Ansturm auf das Gerät zu dämpfen, hätte anderen eine simple Warteliste genügt. Die Zwangsbeschäftigung mit dem Onlinespiel schien einige Käufer deutlich zu verärgern – darauf lassen zumindest die Kommentare auf der Facebook-Seite des Unternehmens schließen. Mit einer Einladung durfte man das Gerät dann innerhalb einer Frist von 72 Stunden kaufen – falls es zwischenzeitlich nicht völlig ausverkauft war.

Inzwischen gibt es das MX4 im Shop des Herstellers ganz regulär und ohne große Umstände für 299 Euro zu kaufen [10], Versandkosten fallen keine an. Während es die Android-Version des Meizu MX4 in Schwarz, Weiß/Silber und Weiß/Gold gibt, steht die Ubuntu-Version nur mit weißer Front und silbernem Deckel (Abbildung 1) sowie einer goldenen Rückseite im Shop. Auch beim Speicher fehlt eine Wahlmöglichkeit, Sie müssen sich mit 16 GByte zufrieden geben. Einen SD-Kartenslot zum Aufrüsten des Speichers bietet das MX4 im Gegensatz zu den Ubuntu-Handys von BQ nicht.

Abbildung 1: Das Meizu MX4 Ubuntu Edition gibt es ausschließlich in Weiß mit silberner oder goldfarbener Rückseite.
Abbildung 1: Das Meizu MX4 Ubuntu Edition gibt es ausschließlich in Weiß mit silberner oder goldfarbener Rückseite.

Die Technik

Im Innern des Meizu MX4 verrichtet ein Achtkernprozessor von MediaTek sein Werk: Jeweils vier Kerne arbeiten mit bis zu 2,2 GHz (Cortex A17), die anderen vier takten nur auf bis zu 1,7 GHz hoch (Cortex A7). Mit dieser „big.LITTLE“ getauften Technologie versucht ARM, rechenintensive Aufgaben auf die leistungsstärkeren Kerne zu verteilen und bei Hintergrundaktivitäten auf die schwächere und damit stromsparende CPU zurückzufallen. Die Grafikeinheit vom Typ PowerVR G6200 des Herstellers Imagination Technologies (früher: VideoLogic) arbeitet ebenfalls mit vier Kernen und sorgt damit für reichlich Rechenkraft.

Von der technischen Seite bietet das MX4 daher deutlich mehr Leistung als die beiden Aquaris-Geschwister von BQ. Wer nun allerdings glaubt, dass Ubuntu auf dem Meizu-Handy deutlich flüssiger läuft, der irrt: Die Animationen geraten trotz der leistungsfähigen Prozessoren ins Stocken. Schuld daran sollen Probleme mit dem Grafikkartentreiber sein. Bleibt nur zu hoffen, dass Canonical und Meizu diese in Zukunft in den Griff bekommen – eine Garantie dafür gibt es freilich nicht. So kommt man trotz der eigentlich hervorragenden technischen Daten nicht so wirklich in den Genuss eines geschmeidig laufenden Ubuntu-Phones.

Update auf OTA-5

Der vorliegende Bericht entstand auf Basis eines mit dem letzten Developer Preview auf das OTA-5-Update ausgestatteten Meizu MX4, das seit Mitte Juni 2015 auch für Endanwender vorliegt. Das Update bringt neue Icons und eine überarbeitete Funktion zum Drehen in das Querformat. Auf dem Meizu MX4 sorgt die Aktualisierung im Vergleich zur ursprünglichen Firmware für bessere Akkulaufzeiten und niedrigere Betriebstemperaturen; die Benachrichtigungs-LED signalisiert nun neue Mails. Der Grafikchip harmoniert jetzt deutlich besser mit dem System, liefert allerdings bei Weitem noch nicht die Leistung, die die Papierdaten erwarten lassen.

An Bord des MX4 befinden sich 2 GByte Arbeitsspeicher und ein Akku mit einer Kapazität von 3100 mAh. Er liegt deutlich sichtbar unter dem abnehmbaren Deckel, lässt sich jedoch – wohl zur Verwunderung der meisten Käufer – nicht entnehmen und austauschen (Abbildung 2). Die hohe Kapazität des Akkus macht sich im Alltag mit dem Handy bemerkbar: Trotz des hochauflösenden und hellen 5-Zoll-Displays mit 1920 x 1152 Bildpunkten hält das Meizu MX4 eine ganze Weile länger durch als ein Aquaris E4.5. Bei normaler Nutzung musste das Gerät im Test etwa jede zweite Nacht an die Steckdose, während das Aquaris bereits nach einem Tag schlappmacht.

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