Aus LinuxUser 08/2015

Betriebssystemfamilie aus Russland: ALT Linux

© annete, 123RF

Mauerblümchen

Freie Software russischen Ursprungs gilt in westlichen Ländern als nahezu unbekannt. Dabei wird mit ALT Linux eine der weltweit erfolgreichsten Linux-Distributionen in Moskau entwickelt.

Russland gehört bereits seit Jahren zu den Schrittmachern beim Einsatz freier und quelloffener Software. Nachdem der Staat schon seit 2009 die öffentlichen Schulen sukzessive auf das Betriebssystem Linux und freie Anwendungen migrierte, unterzeichnete der damalige russische Premierminister und jetzige Präsident Wladimir Putin im November 2010 eine Verordnung, die den Umstieg auf Linux und freie Software in allen russischen Behörden bis zum Jahr 2015 verbindlich festschreibt. Putin hatte sich bereits im Frühjahr 2008 als Verfechter quelltextoffener Lösungen zu erkennen gegeben, als er den Einsatz von FOSS-Programmen und Linux in den russischen Bildungseinrichtungen per Dekret anordnete.

Die bis 2010 entworfene und der Verordnung Putins zugrundeliegende ganzheitliche Strategie sieht neben der Entwicklung eines „nationalen Betriebssystems“ auch ein dazugehöriges Software-Repository und detaillierte Umstiegspläne vor [1]. Als OS erkoren die Russen dabei das bereits seit 2001 im eigenen Land entwickelte ALT Linux aus. Die Distribution entstand ursprünglich als Derivat von Mandrake Linux, beschreitet jedoch bereits seit etlichen Jahren eigene Wege.

Im Sommer 2010 wurde das für die Entwicklung und Pflege von ALT Linux verantwortliche Unternehmen vom staatlichen russischen Technologiekonzern POCTEX („Rostec“) aufgekauft, der verschiedenste nationale Aktivitäten im Hochtechnologie-Sektor bündelt [2]. Mit einem Budget von 490 Millionen Rubel (umgerechnet etwa 8,5 Millionen Euro) ausgestattet, konnte die Arbeit an ALT Linux massiv forciert werden: So entwickelten rund 150 hauptberuflich tätige Programmierer mehrere, für unterschiedlichste Einsatzzwecke optimierte Varianten des Betriebssystems.

Systematisches

Ähnlich wie der US-amerikanische Mandrake-Abkömmling PCLinuxOS integriert ALT Linux APT-RPM, das das RPM-Paketsystem mit APT-Verwaltungssoftware verbindet und als grafische Oberfläche Synaptic nutzt. Äußerlich weist das russische System keinerlei Ähnlichkeit mehr mit Mandriva, Mageia oder deren Derivaten auf.

Dafür trumpft ALT Linux bereits sehr nachhaltig bei der Verfügbarkeit verschiedener Distributionszweige auf: Das derzeitige Hauptsystem mit dem Codenamen „Centaurus“ steht in einer Live-Variante für 32-Bit-Architekturen auf CD bereit und wird zusätzlich für 32- und 64-Bit-Systeme zur stationären Installation auf DVD angeboten. Außerdem gibt es Varianten auf DVD zur stationären Installation ausschließlich mit dem Standard-Desktop KDE, ebenfalls für 32- und 64-Bit-Rechner.

Für Anwender, die nur eine einfache Umgebung für die Büroarbeit benötigen, liefern die Entwickler eine „Simply“-Variante auf Live- und Installations-DVDs. Den Besonderheiten des schulischen Alltags trägt das Entwicklerteam von ALT Linux in besonderem Maße Rechnung: Hierzu stehen die Varianten „Junior“, „Master“, „Server“ und „Teacher“ bereit, die jeweils wiederum beide gängigen Systemarchitekturen berücksichtigen. Mit der „Rescue“-CD, die ebenfalls für beide Systemarchitekturen vorliegt, findet sich zudem ein Live-System für die Problemlösung und Datenrettung im Angebot.

Zu guter Letzt liefern die Entwickler auch noch „Starterkits“, die sie Desktop-spezifisch zusammenstellen. Als Arbeitsumgebungen stehen dabei Cinnamon, Enlightenment E17, Gnome 3, IceWM, KDE SC 4, LXDE, LXQt, Mate, TDE, Window Maker und XFCE zur Wahl. Zusätzlich gibt es abgespeckte JeOS- und Gnustep-Varianten sowie solche für den Einsatz in virtuellen Maschinen [3].

Mit dieser Vielfalt an zielgruppenspezifischen Derivaten, die sich durchgängig auf einem aktuellen Stand befinden, hebt sich ALT Linux bereits quantitativ markant von der Masse und auch von den Platzhirschen im Linux-Universum ab.

Erster Kontakt

Für unsere Tests wählten wir zunächst das 64-Bit-„Starterkit“ mit dem KDE4-Desktop aus. Das rund 1,3 GByte große ISO-Image startet nach dem Booten von DVD in einen optisch unscheinbaren Grub-Desktop, der den Live-Betrieb ermöglicht. Eine Festplatteninstallation lässt sich hier noch nicht anwählen. Im Grub-Startbildschirm können Sie zwischen mehreren Sprachen wählen – eine deutsche Lokalisierung fehlt bislang, eine englischsprachige gibt es aber.

Nach einem erstaunlich schnellen Start von der DVD erscheint ein unauffällig gestalteter KDE-Desktop, dessen Arbeitsoberfläche lediglich ein einziges Icon zur Installation des Betriebssystems enthält. Ein Blick in das Startmenü geleitet uns jedoch in fast schon als überfüllt zu bezeichnende Anwendungsmenüs (Abbildung 1).

Abbildung 1: Software gibt es bereits in der Live-Variante des "Starterkits" reichlich.
Abbildung 1: Software gibt es bereits in der Live-Variante des „Starterkits“ reichlich.

Hierbei erstaunt vor allem, wie viele Programme die Entwickler auf dem rund 1,3 GByte großen ISO untergebracht haben, zumal der KDE-Desktop nicht gerade als ressourcenschonend gilt. So finden Sie in allen Untermenüs eine Fülle von Applikationen; die Schwergewichte unter den Standard-Programmen glänzen hier jedoch durch Abwesenheit: Anstelle von LibreOffice findet sich die aus dem KDE-Projekt bekannte Calligra-Suite, als Webbrowser kommen Konqueror und die schlanke WebKit-Variante Rekonq zum Einsatz. Auch der Bildbearbeitungsbolide Gimp fehlt, wird jedoch teilweise durch andere Applikationen im Untermenü Graphics ersetzt.

Insbesondere das Untermenü Games erweist sich mit mehr als 50 Spielen als sehr gut besetzt, aber auch die Bildungssoftware im Menü Education kommt nicht zu kurz. Nahezu alle zum KDE-Desktop gehörenden Programme sind vorinstalliert. Darüber hinaus haben sich die Entwickler allerdings auch anderweitig umgesehen und beispielsweise vom ebenfalls in Russland entwickelten ROSA Linux Software übernommen. Im Menü System finden Sie zudem einige Applikationen wie die Modem Manager GUI oder USB Format, die den Umgang mit 3G/4G-Modems oder USB-Sticks deutlich vereinfachen. Für Freunde alter DOS-Dateimanager bringt ALT Linux außerdem den Midnight Commander mit.

Auf die Platte

Zur Installation auf einem Massenspeicher verwendet ALT Linux eine eigene Routine, die Sie über ein Icon auf der Arbeitsoberfläche aufrufen. Der Installer führt in wenigen Schritten zu einem vollständigen System auf der Festplatte oder SSD, wobei Sie auch bereits einen User anlegen können. Die Routine ermöglicht zusätzlich das komplette Verschlüsseln des Dateisystems, sodass Sie hier bereits einen echten Sicherheitszugewinn erhalten (Abbildung 2).

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