Aus LinuxUser 08/2015

Eigene Cloud mit Seafile (Seite 4)

Besonders gravierend sticht hier jedoch ins Auge, dass sich unter bestimmten Anwendungsszenarien passwortgeschützte Bibliotheken auf dem Seafile-Server ohne Eingabe des Passworts von Android- oder iOS-Geräten aus einsehen lassen [5]. Dieses monströse Sicherheitsloch macht Seafile für professionelle Anwender in heterogenen Umgebungen, die auch Tablet-PCs und Smartphones mit der Cloud nutzen möchten, nahezu unbrauchbar. Ein entsprechender Patch, der die Lücke schließt, steht derzeit noch aus.

Zukunft

Wie die Roadmap [6] zeigt, befindet sich Seafile nach wie vor in reger Entwicklung. Hier fällt bei genauerem Hinsehen auf, dass die Arbeit an der Cloud-Software offensichtlich keiner gesicherten konzeptionellen Grundlage folgt: So wird bereits für die in nächster Zeit zu erwartende Version 5 von Seahub eine neue Benutzeroberfläche angekündigt, die funktionell und optisch deutlich von der bisherigen abweicht [7].

Ein weiteres Ärgernis für viele Anwender stellt in diesem Kontext der geplante Wegfall der Kommunikationsoptionen dar. Darüber hinaus plant das Projekt, die Funktion des Wikis wieder einzustellen. Zumindest teilweise als Ersatz der Gruppendiskussionen soll zukünftig eine Kommentarfunktion auf Dateiebene Einzug halten. Ob und wann diese Neuerung kommen, steht jedoch derzeit noch offen.

Fraglich bleibt – nicht zuletzt wegen des unklaren Entwicklungsfortgangs – ob kommerzielle Cloud-Anbieter, die ihre Kunden professionell betreuen möchten, in nennenswertem Umfang Seafile als Lösung ihrer Wahl einsetzen werden. Das deutsche Startup Disk42 nutzt zwar für seinen in der Beta-Phase befindlichen Cloud-Dienst Seafile als Basis, entwickelt jedoch darauf aufbauend einen eigenen grafischen Client, der bereits für Ubuntu und dessen Derivate in einer Beta-Version vorliegt. Disk42 treibt diese Entwicklung nachdrücklich mit einer kürzlich auf der Plattform Indiegogo gestarteten Crowdfunding-Kampagne [8] voran.

Fazit

Seafile hinterlässt einen ambivalenten Eindruck. Während die Software beim Einsatz mit Linux-Servern und Windows-Clients funktionell ausgereift wirkt, enttäuscht die Applikation in einer reinen Linux-Umgebung auf der ganzen Linie. Insbesondere die kaum vorhandene Unterstützung von Distributionen mit RPM-Paketmanagement schränkt den Einsatz des Clients jenseits von Linux Mint, Debian oder Ubuntu stark ein. Zudem enttäuscht professionelle Anwender das fehlende verbindliche Konzept in der Software-Entwicklung.

Obendrein zeigt der grafische Linux-Client Sicherheitslücken, die unter bestimmten Umständen den Schutz persönlicher Anwenderdaten ad absurdum führen. Besonders befremdlich wirkt in diesem Zusammenhang auch das Bemühen der Programmierer, viel Zeit in die Entwicklung einer neuen Benutzeroberfläche zu investieren, während sie gleichzeitig gravierende Sicherheitslücken in den Apps für mobile Geräte nicht umgehend beheben.

Für experimentierfreudige Privatanwender bietet Seafile aber durchaus reizvolle Ansätze. Professionelle Anwender in heterogenen Umgebungen sollten sich jedoch genau überlegen, welche Anforderungen sie an einen Cloud-Dienst stellen, welche Hardware sie einsetzen wollen, und ob Seafile unter diesen Prämissen in der derzeitigen Form eine adäquate Lösung darstellt. 

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