Aus LinuxUser 05/2015

Das weltweit erste offizielle Ubuntu Phone

© Bq

Ubuntu für unterwegs

Lange haben Ubuntu-Fans auf diesen Augenblick gewartet: Canonical liefert über seinen Partner Bq das erste offizielle Ubuntu Phone weltweit aus. Die Android- und iOS-Alternative weiß im Test zu überzeugen, wenn es auch noch Verbesserungspotenzial gibt.

Braucht es in einem mit Android, iOS, Windows Phone und Exoten wie Jolla OS oder Firefox OS gesättigten Smartphone-Markt noch einen weiteren Mitbewerber wie das Ubuntu Phone? Diese Frage stellen sich wohl viele Anwender. Dabei geht es bei Canonicals neustem Spross mehr um Qualität als um Quantität – auch wenn der Linux-Distributor selbst darauf abzielt, „jeden Nutzer“ ansprechen zu wollen.

Ein Blick auf die Technik des Ubuntu Phone [1] macht neugierig: Canonical sieht vor, dass Anwendungen mit QML [2] entstehen, einer sehr mächtigen, deklarativen Sprache zum Erstellen von Benutzeroberflächen aus dem Qt-Framework. QML lässt sich problemlos mit C++ kombinieren und auch für andere Sprachen existieren Bindings. Beste Voraussetzungen also, um nicht nur viele, sondern vor allem besonders leidenschaftliche Entwickler anzulocken, die die technischen Vorzüge zu schätzen wissen. Doch wie gelungen ist das Ubuntu Phone aus der Sicht des Nutzers?

Ubuntu auf dem Handy

Das erste offizielle Ubuntu Phone [3] stammt vom spanischen Hersteller Bq, der es von seinem mit Android ausgestatteten Modell Aquaris E4.5 [4] ableitet. Experimentierfreudige Besitzer der Android-Version des Geräts berichten, dass sich das Android-System des konventionellen E4.5 gegen Ubuntu austauschen lässt. Bei der Ubuntu-Version des Geräts fehlen die Touch-Tasten am unteren Bildschirmrand und Software-Funktionen wie eine Radio-App. Erstere braucht Ubuntu Phone nicht, für den zweiten Punkt gilt es wohl noch, die Treibersituation zu verbessern.

Im E4.5 arbeitet ein A7-Quad-Core-Prozessor von MediaTek mit bis zu 1,3 GHz Taktrate; 1 GByte Arbeitsspeicher und eine Display-Auflösung von 960 x 540 Pixeln müssen genügen. Dafür fasst das Aquaris E4.5 gleich zwei SIM-Karten und besitzt einen SD-Kartenslot, der SDHC-Karten mit bis zu 32 GByte Speicherplatz unterstützt. Der interne Speicher umfasst nicht mehr ganz zeitgemäße 8 GByte, von denen nur 4 GByte für eigene Daten wie Bilder oder Musik zur Verfügung stehen. Die Kamera schießt Bilder mit 8 Megapixeln Auflösung, die Qualität kann sich für den relativ günstigen Preis sehen lassen.

Das Aquaris E4.5 Ubuntu Edition fühlt sich trotz seines mit 2150 mAh großzügig bemessenen Akkus recht leicht an, auf der Waage pendelt sich der Zeiger bei 123 Gramm ein. Wie bei vielen anderen Geräten ist der Akku allerdings fest in das Handy integriert. Dafür macht das Gehäuse einen stabilen Eindruck, wenn auch der Kunststoff keinen hochwertigen Eindruck hinterlässt. Das Design des Geräts fällt in die Kategorie „schlicht“, es erinnert an ein iPhone 4 – allerdings ohne Eindruck schindendes Glas und Metall.

Das rundum von einem breiten Rand umgebende Display punktet mit guter Helligkeit und kratz- und stoßfestem Dragontrail-Schutzglas, das sich unter den Fingern angenehm glatt anfühlt. Der Kunststoffrand ragt zum Schutz des Displays leicht über den Glasrand hinaus. Ein nettes Detail, das jeder zu schätzen weiß, der schon einmal einen Glasbruch beim versehentlichen Fallenlassen seines Mobiltelefons erlitten hat.

In der Verpackung liegen neben dem Handy ein USB-Ladegerät, ein auffällig massiv verarbeitetes USB-Kabel, die Bedienungsanleitung sowie ein kleines Werkzeug zum Öffnen des SIM- und des SD-Kartenslots. Auf die Dreingabe qualitativ schlechter Kopfhörer, wie es bei anderen Herstellern oft der Fall ist, verzichtet Bq.

Mit einem Verkaufspreis von knapp 170 Euro positioniert sich das Aquaris E4.5 Ubuntu Edition im unteren Mittelfeld. Das Preis-/Leistungsverhältnis über die reinen technischen Daten ähnelt dem der Mitbewerber mit anderen Betriebssystemen in diesem Preissegment.

Aquaris E4.5 im Detail

Für Linux-Anwender von besonderem Interesse sind nun aber die Bits und Bytes, die das Silizium-Herz des Handys antreiben: das Ubuntu-Touch-Betriebssystem. Schon vor einem Jahr konnten technisch versierte Nutzer Ubuntu Touch auf dem Smartphone installieren. Als Entwicklungsgerät diente Canonical das LG Nexus 4, das von den Leistungsdaten her dem tatsächlichen Ubuntu Phone schon sehr nahekam. Eine rege Entwickler-Community portiert Ubuntu Touch allerdings auch auf eine Reihe anderer Smartphones [5], wobei die Qualität der Umsetzung von Modell zu Modell stark schwankt.

Ubuntu Touch kommt im Gegensatz zu Android, iOS oder anderen Smartphone-Systemen vollständig ohne Tasten aus, stattdessen müssen Sie sich eine Reihe von Gesten (siehe Tabelle „Wischgesten“) einprägen. Je nachdem, von welcher Seite des Displays aus Sie den Finger ziehen, öffnen Sie das Anwendungsmenü, ziehen die Benachrichtungen und Schnelleinstellungen auf oder wechseln zwischen den aktiven Apps. Bei den Gesten von links oder rechts macht es einen Unterschied, ob Sie nur kurz wischen oder den Finger über die Bildschirmmitte hinausziehen.

Wischgesten

Geste Funktion
Von oben nach unten Wie auch unter Android zieht ein Wisch vom oberen Bildschirmrand nach unten die Statusleiste herunter, über die Sie schnell und bequem die wichtigsten Einstellungen vornehmen (Abbildung 2). Dort erscheinen zudem Benachrichtigungen über neue E-Mails, SMS oder andere Nachrichten.
Von links nach rechts Ein kurzer Wisch vom linken Bildschirmrand nach rechts ruft die Starterleiste auf (Abbildung 3). In dieser erscheinen die wichtigsten Apps, die Auswahl lässt sich anpassen. Drücken Sie länger auf eines der Icons, erscheint ein Kontextmenü. Ziehen Sie hingegen von links weiter Richtung Bildmitte, wischen Sie die aktuelle App in den Hintergrund und gelangen so zum Hauptmenü (Abbildung 4).
Von rechts nach links Ein kurzer Wisch von rechts wechselt zwischen der aktuellen und der zuletzt aufgerufenen Anwendung. Ziehen Sie den Finger weiter ins Display, so erscheint eine Karteikartenansicht aller aktuell geöffneter Apps (Abbildung 5). Ziehen Sie hier eine der Apps nach oben aus dem Bild, schließt das Betriebssystem sie.
Von unten nach oben Mit einem Wisch vom unteren Bildschirmrand rufen Sie das Kontextmenü zur jeweiligen Anwendung auf. Je nach Programm erfüllt dieses unterschiedliche Funktionen: Bei der Telefonanwendung zum Beispiel ruft die Geste die Anrufliste auf.

Abbildung 2: Die Schnelleinstellungen und Benachrichtigungen ziehen Sie vom oberen Bildschirmrand aus auf.
Abbildung 2: Die Schnelleinstellungen und Benachrichtigungen ziehen Sie vom oberen Bildschirmrand aus auf.
Abbildung 3: Ein kurzer Wisch von links nach rechts bringt die Starterleiste zum Vorschein.
Abbildung 3: Ein kurzer Wisch von links nach rechts bringt die Starterleiste zum Vorschein.
Abbildung 4: Aus der Hauptansicht heraus haben Sie Zugriff auf alle installierten Apps.
Abbildung 4: Aus der Hauptansicht heraus haben Sie Zugriff auf alle installierten Apps.
Abbildung 5: Mit einem langen Wisch von rechts holen Sie die Anwendungsübersicht hervor.
Abbildung 5: Mit einem langen Wisch von rechts holen Sie die Anwendungsübersicht hervor.

Eine Funktion ließ besonders aufhorchen: Über eine Dockingstation lässt sich das Ubuntu auf dem Mobiltelefon auch mit der gewohnten Desktop-Oberfläche nutzen [6] oder auf einem Tablet zwischen der mobilen Oberfläche und dem Ubuntu-Desktop nahtlos wechseln [7]. Damit hätte Canonical das geschaffen, was bisher kein anderer Hersteller umgesetzt hat: Die vollständige Portierung eines Betriebssystems mit austauschbaren Bedienoberflächen. Das Mobilgerät mutiert also bei Bedarf zum Personal Computer, den man mitsamt allen Daten mitnehmen kann. Für diese Funktion ist das Bq Aquaris E4.5 allerdings zu schwach auf der Brust, sie bleibt leistungsfähigeren Geräten vorbehalten.

Apps en masse

Canonical hat im Vorfeld dafür gesorgt, dass bereits zum Start des ersten offiziellen Ubuntu Phone mehr als 1000 Anwendungen (nach Angabe des Distributors) zur Verfügung stehen. Dennoch bleibt zu sagen, dass einige Schlüsselanwendungen wie etwa Whatsapp fehlen. Stattdessen müssen sich Anwender mit Alternativen wie Telegram [8] begnügen, das im Praxistest jedoch zu überzeugen wusste.

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