Aus LinuxUser 02/2015

Vektorgrafiken mit Inkscape erstellen

© Roman Sakhno, 123RF

Perfekte Linien

Vektorillustrationen bieten gegenüber Pixelgrafiken den großen Vorteil, dass sie sich in jeder beliebigen Größe anzeigen und ausdrucken lassen. Mit Inkscape gestalten auch Sie im Handumdrehen Vektorzeichnungen, die sich sehen lassen können.

Vielleicht haben Sie schon einmal ein zuvor mit der Digitalkamera gemachtes, auf den ersten Blick gestochen scharfes Foto als Poster ausdrucken lassen – und waren davon enttäuscht, weil es an manchen Stellen verschwommen und „matschig“ wirkte. Dann sind Sie über ein grundlegendes Problem der digitalen Grafikbearbeitung gestolpert: Pixelgrafiken lassen sich quasi beliebig verkleinern, aber nur bis zu einem bestimmten Grad vergrößern: Wo beim ursprünglichen Foto kein Material mehr vorhanden ist, muss Software ans Werk, die Pixel zum Foto „hinzurechnet“. Das funktioniert aber nur begrenzt und das Ergebnis kann es praktisch nie mit dem Originalfoto aufnehmen.

Digitale Fotos und Grafiken entstehen nicht nur in einer bestimmten Auflösung, obendrein kommt auch die Punktdichte zum Tragen, die man in „Dots per Inch“ (DPI) angibt. Sie gibt an, wie viele Farbpunkte („Dots“) pro Zoll vorhanden sind. Je höher die DPI-Zahl, desto feiner und schärfer wirkt eine Grafik. Die Kombination der beiden Faktoren Auflösung und Punktdichte bestimmt den Rahmen, in dessen Grenzen sich eine Bilddatei skalieren lässt. Je höher Auflösung und DPI-Zahl ausfallen, desto weniger muss ein Grafikprogramm beim Hochrechnen „dazuerfinden“ und umso mehr kann man die Grafik skalieren. Für hochwertigen Druck beispielsweise gelten 300 DPI als Grundvoraussetzung.

Bei Digitalfotos entschärfen heute immer höhere Auflösungen das Problem, für digitale Grafiken gilt es jedoch nach wie vor. Denken Sie etwa an eine Präsentation, die auf einem aktuellen Beamer mit 720p- oder 1080p-Auflösung laufen soll: Fotos, die Sie dort einbauen wollen, müssen mindestens Full-HD-Auflösung bieten. Gleiches gilt für Grafiken, sonst bekommen Sie nur „Pixelbrei“ zu sehen. Das Problem lässt sich allerdings lösen: durch Vektorgrafiken.

Grafik als Formel

Vektorgrafiken funktionieren fundamental anders als Pixelgrafiken: Eine Vektorgrafik beschreibt quasi den Aufbau des Bilds und das Verhältnis der einzelnen Bildelemente zueinander. So könnte eine Anweisung einer Vektorgrafik etwa lauten, dass ein schwarzer Strich am unteren Rand der Grafik die gesamte Breite einnimmt. Beim Darstellen der Grafik interpretiert das Anzeigeprogramm diese Information und stellt dann die Linie entsprechend dar. Damit sieht der Strich stets ordentlich und gestochen scharf aus.

Weil eine Vektorgrafik alle Elemente auf diese Weise beschreibt und auch das Verhältnis von Objekten zueinander definiert, lässt sich über mathematische Formeln eine komplette Grafik darstellen. Die skaliert problemlos, egal, ob auf einem Smartphone-Bildschirm oder einer metergroßen Leinwand. Um selbst Vektorgrafiken zu erstellen, können Sie unter Linux das Programm Inkscape nutzen. Allerdings fällt der Einstieg in die recht komplexe Anwendung nicht ganz leicht. Im Folgenden führen wir Sie in einem Crashkurs durch die ersten Gehversuche mit Inkscape.

Aller Anfang …

Inkscape, das wie Firefox, Gimp oder LibreOffice als eines der Kronjuwelen der freien Software gilt, findet sich in den Repositories aller gängigen Distributionen. Falls es nicht ohnehin schon bei der Installation des Systems eingerichtet wurde, ziehen Sie es also gegebenenfalls bequem über das jeweilige Paketmanagementsystem nach; das entsprechende Paket heißt praktisch immer inkscape. Anschließend findet sich im Startmenü des jeweiligen Desktops ein Eintrag für das Vektorgrafikprogramm, über den Sie Inkscape auf den Bildschirm holen.

Die Oberfläche von Inkscape ähnelt auf den ersten Blick sehr jener von Pixelgrafikanwendungen wie Gimp. Tatsächlich erfüllen auch einige Werkzeuge in Inkscape sehr ähnliche Funktionen wie ihre Pendants in anderen Tools, doch lassen Sie sich davon nicht täuschen: Das Erstellen von Vektorgrafiken funktioniert ganz anders als die Arbeit mit Pixelbildern.

Den größten Teil des Inkscape-Fensters nimmt der Arbeitsbereich ein, dargestellt als weißes Blatt. Lineale an den Seiten erlauben, dessen Dimensionen zu erkennen. Oben finden sich neben einer klassischen Schnellstartleiste einige weitere Werkzeugleisten. Alle wichtigen Werkzeuge erreichen Sie über die Leiste am linken Fensterrand des Fensters, so auch das Pfad-Werkzeug und einige Helferlein, die vorgefertigte Formen in die Inkscape-Grafik zaubern. Die Arbeit mit Pfaden ist im Kontext von Vektorgrafiken elementar – nehmen Sie sich also Zeit, um das dahinterstehende Prinzip zu verstehen.

Splines sind alles

Vektorgrafiken bestehen im Wesentlichen aus sogenannten Splines – ein mathematischer Begriff, der im Deutschen etwas sperrig „Polynomzug“ heißt. Ein Spline bezeichnet die kürzest mögliche Strecke zwischen zwei gedachten Punkten („Knoten“) auf einer Fläche. Indem Sie viele Punkte auf einer Grafik verteilen und diese mit Splines verbinden, können Sie also bereits einfache Körper darstellen. Im Wesentlichen lässt sich so alles arrangieren, was eckige Kanten hat. Für das Darstellen von Rundungen greifen Vektorgrafiken auf „Tangenten“ zurück. Eine Tangente ist in einer Vektorgrafik keine Gerade (ohne Enden), sondern eine Strecke (mit Enden). Die Länge eines Streckenabschnitts einer Tangente links und rechts von einem Knoten entscheidet darüber, wie stark die Krümmung des zugehörigen Splines ausfällt.

Lassen Sie uns diese graue Theorie mit einem simplen Experiment in die Praxis umsetzen: In der Werkzeugleiste links sehen Sie das sogenannte Bézier-Werkzeug, mit dem Sie gerade Linien und Kurven zeichnen – auf dem entsprechenden Schalter sehen Sie einen Stift mit einer geraden Linie darunter (das untere der beiden Bleistiftsymbole). Klicken Sie auf dem Blatt Papier an eine beliebige Stelle und fahren Sie mit dem Mauszeiger gerade nach unten, dann klicken Sie doppelt. Sie sehen jetzt eine schwarze Linie.

Bewegen Sie den Mauszeiger nun ein kleines Stück nach unten und ein großes Stück nach links. Erstellen Sie eine zweite Linie, diesmal allerdings in der Waagerechten. Klicken Sie nun mittig auf die erste Linie, bewegen Sie den Mauszeiger zum Mittelpunkt der zweiten Linie, und klicken Sie dort einzeln hin, halten Sie den Mauszeiger jedoch gedrückt. Ziehen Sie den Mauszeiger nun gerade nach links, stellen Sie fest, dass die vormals gerade Linie der Knoten nun „bauchig“ wird (Abbildung 1). Wenn Sie diesen Vorgang nachvollziehen können, ist Ihnen der erste Meilenstein bei der Inkscape-Benutzung gelungen: Sie können im weiteren Verlauf beliebige Splines in das Bild einfügen und bearbeiten.

Abbildung 1: Die einfachste Übung in Inkscape hilft dabei, die Ideen hinter den Splines und Tangenten zu verstehen. Die blauen Linien sind die Tangenten.
Abbildung 1: Die einfachste Übung in Inkscape hilft dabei, die Ideen hinter den Splines und Tangenten zu verstehen. Die blauen Linien sind die Tangenten.

Formen

Arbeiten Sie regelmäßig mit Vektorgrafiken, dann stellen Sie schnell fest, dass Formen sehr nützlich sind: Sie lassen sich häufig nutzen, um aus ihnen andere grafische Elemente herzuleiten. Inkscape bietet dazu neben Kreisen und Rechtecken auch einige Sonderfälle wie Sterne als Werkzeuge an, die so per Mausklick auf dem Dokument auftauchen. Danach wandeln Sie die Form in einen Pfad um (Pfad | Objekt in Pfad umwandeln) und bearbeiten nur noch die einzelnen Punkte der erzeugten Form, um deren Aussehen anzupassen. Zeichnen Sie zunächst einen Kreis mittels des Kreis-Werkzeugs. Indem Sie beim Ziehen des Kreises [Strg] gedrückt halten, sorgen Sie dafür, dass ein perfekter Kreis entsteht.

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