Aus LinuxUser 12/2014

Editorial 12/2014

Schmerzhafte Rasur

Rolle rückwärts in München? Mitnichten, denn die Einlassungen der Stadtspitze zur Rückkehr zu Microsoft waren ausgemachter FUD. Gründe dafür mag es viele geben, der offensichtlichste mag den Granden aber am wenigsten gefallen.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

was haben das Universalgenie Johann Wolfgang von Goethe, der französische Kaiser Napoléon Bonaparte, der Philosoph William James und der Science-Fiction-Autor Robert Heinlein gemeinsam? Sie alle gelten in der einen oder anderen Form als Quelle jenen Bonmots zu menschlichem Fehlverhalten, das man als neuhochdeutsch als Hanlons Razor bezeichnet: „Schreibe nichts der Böswilligkeit zu, was durch Dummheit hinreichend erklärbar ist.“

Ein Paradebeispiel, in welchen Situationen sich diese Lebensweisheit praktisch anwenden lässt, lieferte jüngst ein Streit um das LiMux-Projekt der bayerischen Landeshauptstadt München [1]. Die hatte bekanntlich zwischen September 2006 und Mai 2013 die 15?000 Arbeitsplatzrechner der städtischen Mitarbeiter auf Linux und quelloffene Software umgestellt. Damit avancierte die sonst eher als etwas provinziell geltende Isar-Metropole zum weltweiten Aushängeschild für offene Standards in der öffentlichen Verwaltung.

Just ein Jahr nach Abschluss des Projekts erhielt im Mai 2014 München eine neue Stadtspitze: Dieter Reiter (SPD) wurde neuer Oberbürgermeister, sein CSU-Gegenkandidat Josef Schmid übernahm den Posten des zweiten Bürgermeisters. Reiter, der als Wirtschaftsreferent der Stadt schon den für die Kommune extrem lukrativen Umzug der deutschen Microsoft-Zentrale vom Vorort Unterschleißheim in den illustren Stadtteil Schwabing eingefädelt haben will [2], begann schon kurz nach seiner Amtseinführung unverholen gegen LiMux Stimmung zu machen.

In einem Interview mit dem Münchener Behördenmagazin „Stadtbild“ ließ er sich nicht nur unwidersprochen als „bekannter Microsoft-Fan“ titulieren, sondern gab zum Besten, der Wechsel zu Linux habe ihn überrascht, da doch jeder wisse, dass Open-Source-Software den Microsoft-Anwendungen hinterherhinke [3]. Flugs assistierte der zweite Bürgermeister Josef „Wiesn-Sepp“ Schmid: Ja, man prüfe die Rückkehr zu Windows, weil es in den vergangenen Jahren immer wieder Beschwerden von Nutzern gegeben habe, die mit der Bedienung unzufrieden seien. Die Entscheidung für LiMux und gegen Microsoft sei vor allem politisch motiviert gewesen und nicht tragfähig [4].

Bei genauem Hinsehen, ausgelöst durch eine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat, wurde allerdings schnell klar, dass es sich bei den Anwürfen von Reiter und Schmidt um klassischen Microsoft-FUD handelte: Die angeblichen Probleme der Mitarbeiter waren nicht belegbar, kritisierte Einschränkungen bezogen sich auf noch gar nicht eingeführte Software oder Schwierigkeiten mit Apple-Smartphones. Nicht nur die städtische IT-Verwaltung, sondern auch der Stadtrat und die dritte Bürgermeisterin Christine Strobl distanzierten sich von den Äußerungen von Reiter und Schmid. Da offensichtlich keine sachlichen Gründe für eine Rolle rückwärts vorlagen und diese zudem einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet hätte, war die ansalbaderte Rückwärtsmigration zu Windows schnell von Tisch [5].

Viele Beobachter stellen sich angesichts dieser Vorgänge die Frage, ob der „bekennende Microsoft-Fan“ Reiter und Adlatus Schmidt hier böswillig unter Vorschieben nicht haltbarer Vorwürfe versucht haben, LiMux abzuschießen? Gab es etwa einen Deal mit Microsoft, die gewerbesteuerträchtige Deutschlandzentrale in die Stadt zu verlegen, die dafür wieder zu Microsoft-Produkten zurückkehren sollte? Darüber lässt sich trefflich spekulieren, doch Hanlons Rasiermesser spricht dagegen: „Nimm niemals Böswilligkeit an, wenn Dummheit hinreichend ist.“ Den Münchener Bürger dürfte weder die eine noch die andere Erklärung freuen; wir anderen können uns damit trösten, dass sich Linux einmal mehr durchgesetzt hat.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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1 Kommentar auf "Editorial 12/2014"

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Sehr geehrter Herr Luther! Leider trifft wohl Hanlons Rasiermesser nicht zu, bzw. muß man hier Böswilligkeit annhemen. Laut einer Meldung vom 10.12.14 bei ZDNet „Mehrtägiger Mail-Ausfall gefährdet Linux-Projekt in München“ kann man nicht mehr von Dummheit reden, obwohl es sich um Politiker handelt… Natürlich können die beiden genannten Politiker einen Mail-Server und einen Arbeitsplatzrechner nicht von einander unterscheiden, aber die Wahrscheinlichkeit, dass hier „nachgeladen“ wird, halte ich für größer. Insofern hoffe ich, dass Ihre Zuversicht, dass Linux sich einmal mehr durchgesetzt hat, auch in Zukunft gilt. Mit freundlichen Grüßen aus Hamburg, wo die Verwaltung leider nach wie vor Unsummen nach… Mehr »