Aus LinuxUser 11/2014

Digitale Audio-Workstation Tracktion 5

© James Steidl, 123RF

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In Version 4 war das kommerzielle Musikstudio Tracktion 4 für Linux noch eher ein Experiment, wenn auch ein hochinteressantes. Tracktion 5 präsentiert sich jetzt voll feldtauglich.

Digitale Audio Workstations (DAW) gehören zu den Anwendungen, für die auch überzeugte Linux-Nutzer lange eine Windows-Partition behielten. In den letzten zwei Jahren entwickelte sich das freie Ardour zu einer echten Alternative zum Multiboot mit Windows plus Cubase und Konsorten. Aber auch proprietäre Anbieter machen inzwischen Angebote für Musiker unter Linux. Die Firma Tracktion Software Corporation (TSC) bietet seit Version 4 ihre DAW-Lösung auch für Linux an [1]. Das gilt – im Gegensatz zu auf einigen Webseiten verbreiteten Meldungen – auch für deren brandneuen Nachfolger Tracktion 5 (Abbildung  1).

Abbildung 1: Tracktion 5 zeigt sich in jeder Hinsicht vollständiger und ausgereifter als Tracktion 4 – und sieht auch so aus.
Abbildung 1: Tracktion 5 zeigt sich in jeder Hinsicht vollständiger und ausgereifter als Tracktion 4 – und sieht auch so aus.

Der Download von Tracktion für Linux setzt eine Registrierung auf Tracktion.com voraus. Wie für die Vorgängerversion fordert TSC auch für Tracktion 5 keine Zahlung, die DAW bleibt also proprietäre Freeware. Wie der Konkurrent Bitwig bietet TSC ein DEB-Paket zur Installation an, das offiziell für Ubuntu 13.04 oder neuer gebaut ist. Im Netz kursieren auch Berichte von erfolgreichen Installationen dieses Pakets unter Debian, Mint und anderen Debian-Varianten. Auch Benutzer RPM-basierter Distributionen wie OpenSuse und Fedora melden erfolgreiche Installationen mithilfe von Konvertierungswerkzeugen für DEB-Pakete.

Beim ersten Start verlangt Tracktion eine Anmeldung mit den auf der Webseite registrierten Authentifizierungsdaten. Im Test schlug dies unter Ubuntu fehl: Tracktion meldet, es könne sich nicht mit dem Tracktion.com-Server verbinden. Erst nach dem Download eines Offline-Schlüssels ließ sich das Programm starten (siehe Kasten „Kleine Hindernisse“). Der Schlüssel registriert die Software dauerhaft für den Computer, auf dem sie läuft, sodass die Installation auch funktioniert, wenn der Rechner offline ist.

Kleine Hindernisse

Bei Tracktion 5 handelt es sich um proprietäre Software. Eine Lizenz für Windows oder Mac OS X kostet knapp 60 US-Dollar und erlaubt die gleichzeitige Installation und Nutzung auf drei Computern. Tracktion belastet seine Nutzer jedoch nicht mit nervigen Kopierschutztechniken wie den unter Mac OS X und Windows verbreiteten USB-Dongles. Nach der Installation fragt es nach dem registrierten Nutzernamen und dem Passwort des Kunden und verifiziert die Eingaben via Internet. Wer im Proberaum keinen Internetanschluss besitzt, der kann auf der Tracktion-Webseite [2] einen Computer für die Offline-Benutzung registrieren. Die dazu notwendige Machine-ID finden Sie mit Klick auf den Schalter About links unten im Programm, das Sie dazu im Demo-Modus benutzen können.

Für das Upgrade auf Tracktion 5 war der Download eines Offline-Schlüssels allerdings auch die einzige funktionierende Methode zum Freischalten des Programms: Die Anwendung erklärte, sie könne sich nicht mit dem Tracktion.com-Server verbinden. Auf Nachfrage nannte der Anbieter TSC das Fehlen eines nicht näher bezeichneten Sicherheitsprotokolls in unserer Linux-Installation als Ursache. Auch andere Funktionen mit Internetzugriff verweigerten den Dienst. Ansonsten lief Tracktion 5 aber problemlos, nachdem wir den heruntergeladenen Offline-Schlüssel einfach aus KDEs Dateimanager Dolphin auf das Programmfenster gezogen hatten. Im Gegensatz zu Tracktion 4 fragte der Nachfolger nach dem Abwurf der Key-Datei auf sein Fenster nie wieder nach irgendwelchen Nutzernamen oder Passwörtern.

Testumgebung

Für den Test von Tracktion 5 kam die schon für Tracktion 4 benutzte Rechnerkonfiguration [3] zum Einsatz. Wir richteten das Programm auf dem SSD-Laufwerk eines Lenovo-U410-Laptops mit 8 GByte Arbeitsspeicher und Intel-Core-i5-CPU ein. Als Audiogerät diente eine MAudio MobilePre über Alsas generischen USB-Audiotreiber. Der Low-Latency-Kernel von KXStudio-Layer steht auf Version 3.8.0-35 und treibt ein Ubuntu 13.04 mit allen aktuellen Updates an (Abbildung 2). Damit passt unsere Installation genau auf die von TSC angegebenen Systemvoraussetzungen [1].

Die Projekte aus dem Tracktion-4-Test verursachten in der neuen Version zum Teil Schwierigkeiten. Einige Plugins funktionierten nicht korrekt, was in einem Fall auch zu einem Absturz führte. Der Beta-Status von Tracktion 4 zeigte sich so nachträglich noch mal sehr deutlich. Zusätzlich legten wir einige neue Projekte an. Die neuen Funktionen wie Folder-Spuren und Edit Tracks ließen sich auch in die mit Tracktion 4 erzeugten Projekte einbauen und funktionierten in beiden Projektgenerationen tadellos. Das Testsystem musste mit Edits mit bis zu 32 Spuren und 40 Plugin-Instanzen zurechtkommen.

Die Audioports von Jack sowie die Midi-Anschlüsse von Alsa erkennt und konfiguriert das Programm automatisch, wenn diese bereits beim Start von Tracktion existieren. Das automatische Einbinden von während der Session neu hinzukommenden Jack-Programmen, wie man es von Ardour kennt, beherrscht Tracktion 5 noch nicht. Zudem funktionierte im Test das Einbinden von Stereoquellen nicht wie gewünscht. Die Option Treat as stereo pair im Audio-Teil der Settings legte zwar einen zweiten Kanal an, versagte aber dabei, auch das Signal des zweiten Kanals des Jack-Ports an diesen anzuschließen.

So ließ sich vom Gitarrenverstärker Guitarix nur der linke Kanal aufnehmen, die Aufnahmen von diesem Port enthielten im rechten Kanal Stille. Das Problem lässt sich umgehen, indem man Jack-Anwendungen wie Guitarix oder Alsa Modular Synth per Hand in Qjackctl mit der JUCE-Schnittstelle von Tracktion verdrahtet.

Abbildung 2: Nur sieben weniger schwere Xrun-Aussetzer nach zwei Stunden im Alsa-Backend bei ehrgeizigen Jack-Einstellungen: Das ist für ein Projekt mit 32 Spuren auf normaler Hardware eine überdurchschnittliche Leistung.
Abbildung 2: Nur sieben weniger schwere Xrun-Aussetzer nach zwei Stunden im Alsa-Backend bei ehrgeizigen Jack-Einstellungen: Das ist für ein Projekt mit 32 Spuren auf normaler Hardware eine überdurchschnittliche Leistung.

Anders auf den ersten Blick

Moderne DAWs setzen meist auf ein Konzept, bei dem alle Arbeiten in nur einem Fenster stattfinden. Tracktion geht dabei besonders radikal vor: Außer externen Plugins und Rack-Filtern öffnet keine Funktion im Programm ein neues Fenster. Bei einer derart komplexen Software wie einer DAW kommen jedoch auch die Tracktion-Designer nicht umhin, logisch nicht zusammengehörige Funktionen auch optisch zu trennen. Das geschieht wie in modernen Webbrowsern auch in Tracktion mittels Reitern.

Tracktion begrüßt Sie mit zwei solcher fensterfüllenden Tabs. Der erste namens Projects zeigt eine Übersicht einer einfachen mitgelieferten Projektvorlage. Der zweite zeichnet für die globalen Einstellungen am Programm zuständig. Die Oberfläche reagiert schnell, selbst rechenintensive Aktionen verursachen keine Aussetzer im auf 8 Millisekunden Verzögerung eingestellten Jack-Audiosystem. In Qjackctl erzeugt dazu das von Tracktion verwendete JUCE-Framework 4 neue Audioports.

Ein wenig unschön ist, dass auch Tracktion 5 nur in Englisch verfügbar ist. Zwar lassen sich Übersetzungen der Oberfläche unter Settings | General Behaviour auswählen, doch der Download der deutschen Version scheitert am gleichen Problem wie schon die Online-Anmeldung. Dem Vernehmen nach ist das aber auch kein großer Verlust: Einige Rezensenten schwören, dass die alternativen Sprachen mit einem automatischen Übersetzer erzeugt und entsprechender surrealistischer Qualität seien.

Das Fenstermanagement funktioniert gut, jedoch verhindert Tracktion die Nutzung aller Möglichkeiten virtueller Arbeitsflächen. Zieht man beispielsweise das Fenster eines externen Plugins auf einen anderen Desktop, springt es sofort wieder auf den Desktop von Tracktion zurück, sobald man es in der neuen Position zu verwenden versucht. Hingegen lassen sich die Register aus dem Fenster von Tracktion ablösen und mit dem Pager als selbstständige Fenster nutzen.

Insgesamt integriert sich Tracktion sehr ordentlich in Linux. Das DEB-Paket installiert einen Menüeintrag und ein Desktop-Icon. Aus dem Terminal rufen Sie Tracktion einfach mit seinem Namen (inklusive großem T) auf. Der Paketinhalt landet übrigens nicht, wie bei Bitwig [4] oder Ardour [5], in /opt, sondern ganz konventionell in /usr.

JUCE: Leicht und vitaminreich

Tracktion verwendet keine der von den meisten anderen Linux-Programmen verwendeten Framework-Bibliotheken. Statt auf Qt, GTK, Tcl oder Java setzt Tracktion auf JUCE, die Jules‘ Utility Class Extensions [6]. Dabei steht „Jules“ für Jules Storer, den Gründer und Hauptentwickler von Tracktion. Als Storer 2001 mit der Arbeit an einer neuen Musiksoftware begann, wollte er eine Basisbibliothek, die auf möglichst vielen Betriebssystemen laufen und dabei besonders schlank sein sollte. Eine solche setzte er kurzerhand in der Programmiersprache C++ um.

An Tracktion kann man live erleben, dass Storer sein Ziel erreicht hat – aber das ist nur ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit von JUCE. Die unter der GPL frei lizenzierte Bibliothek wird von zahlreichen anderen Softwareprojekten eingesetzt. Darunter finden sich klangvolle Namen wie M-Audio, Korg oder Sonalksis. Die Firma Codex Digital baut auf Basis von JUCE ein Gerät, das die Datenspeicherung von Hunderten großen Filmproduktionen übernommen hat. Außer den gängigen Desktopbetriebssystemen unterstützt JUCE auch iOS und Android, weshalb auch etliche Apps für Smartphones und Tablets damit arbeiten.

Da Jules Storer der einzige Entwickler von JUCE ist und bleiben möchte, pflegen einige andere Entwickler mit seiner Zustimmung eine Variante der Bibliothek unter dem Namen Juced [7]. Für Linux existieren schon seit einigen Jahren mit beiden Varianten umgesetzte Softwarepakete. Die bekanntesten davon sind wie Tracktion Musikprogramme (Abbildung 3). So war der Plugin-Host Jost eine der ersten freien Linux-Anwendungen, die nativ für Linux gebaute VST-Module laden konnte.

Abbildung 3: Die kommerziellen Synthesizer von Loomer sind als native Linux VST erhältlich und bauen auf JUCE auf.
Abbildung 3: Die kommerziellen Synthesizer von Loomer sind als native Linux VST erhältlich und bauen auf JUCE auf.

Eigenwillige Evolution

Der Dateibrowser des Projects-Tabs funktioniert in Version 5 deutlich besser als im Vorgänger. Die Tabelle zeigt in allen Feldern sinnvolle und korrekte Informationen zu den Komponenten des Projekts. Allerdings verschwinden auf Displays mit weniger als 1200 Pixeln Breite die Spalten rechts. Da es keinen seitlichen Scrollbalken gibt, kann das bedeuten, dass diese Infos bei niedriger Horizontalauflösung unsichtbar bleiben. Alle wirklich wichtigen Dinge spielen sich allerdings ohnehin auf der linken Fensterseite ab.

Auch der zweite standardmäßig geöffnete Reiter, Settings, leidet ein wenig unter fehlenden Scrollbalken. Ist das Fenster zu niedrig, verschwinden die letzten Listeneinträge unten. In all diesen Fällen hilft ein alter Linux-Trick: Bei gedrücktem [Alt] lässt sich jedes Fenster mit der Maus auch über den Rand des Bildschirms verschieben und anschließend mit den normalen Fensterwerkzeugen größer als die Bildschirmauflösung aufziehen.

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