Aus LinuxUser 09/2014

Mit Gimp zum optimierten Foto

© Sandra Gray, Freeimages.com

Aufpoliert

Nach dem Urlaub liegen Hunderte Fotos auf dem Computer und harren der Verwertung als Papierabzug, in Fotokalendern oder Fotobüchern. Jetzt gilt es, aus den besten Bildern das Optimum herauszuholen.

Beim Vergleich von Digitalkameras mit klassischen Analogen verblüfft deren Intelligenz. Die mitdenkende Digitale gibt kein Bild verloren, selbst unter den armseligsten Lichtverhältnissen produzieren sie häufig noch korrekt belichtete Bilder. Meist versorgt die Digitalkamera den Besitzer auch mit einer Schärfeleistung, die dessen brillengeschwächtes Auge nicht mehr liefert. Dafür sorgt eine Unmenge Computerleistung im Inneren der mehr oder minder zierlichen Kameras. Wozu also noch Bildbearbeitung am heimischen PC?

Ursachenforschung

In der inzwischen weitgehend technikorientierten Gesellschaft vertrauen viele dem Rechnern nahezu grenzenlos – so auch dem Computer in der Kamera. Und dann ist da dieses eine Bild, von dem sich der Fotograf bei der Aufnahme so viel versprach und das nun in der JPEG-Datei so jämmerlich aussieht. Was ist passiert? Da gibt es eine ganze Reihe von möglichen Ursachen:

  • Der hohe Bildkontrast führte zu einer Mittelwertbildung der Belichtung, die dunkle Bereiche im schwarzen Morast versinken und helle „absaufen“ lässt.
  • Die ungewöhnliche Farbumgebung verführte die Kamera zu einer Weißlichtbalance, die nicht der Bildstimmung entsprach.
  • Das fotografierte Objekt erscheint zwar scharf, der Hintergrund aber auch – was den Bildeindruck erheblich beeinflusst. Besonders Kompaktkameras leiden unter einer viel zu großen Schärfentiefe.
  • Die Szene war zu dunkel, um sie ohne Blitz abzulichten. Die bekanntesten Folgen: rote Augen bei Personen im Bild und starker Kontrast bei Aufnahmen mit räumlicher Tiefe.
  • Bei einer Architekturaufnahme kippt das Bauwerk wegen der nach oben geneigten Kamera optisch nach hinten weg: die unschönen stürzenden Linien.
  • Der Horizont erstreckt sich schief übers Bild – das Meer läuft aus.
  • Manchmal lichtet die Kamera das Motiv präziser ab als gewünscht: Sie betont in Porträts leichte Hautunreinheiten und Fältchen mehr, als Fotograf und Porträtiertem lieb ist. Hier liegt zwar kein Kamerafehler vor, das macht das Resultat aber auch nicht besser.

Bei den meisten der genannten Probleme hilft ein gutes Bildbearbeitungsprogramm, das Foto zu retten, die besondere Stimmung zu erhalten oder sie gar zu verbessern. Linux-Nutzer bevorzugen dafür beinahe traditionell Gimp (http://gimp.org), das hilft, die genannten Bildprobleme zu beseitigen. Die derzeit aktuelle Version 2.8 steht in den Repositories aller großen Distributionen zum Download bereit.

Bildteile zu dunkel

Abbildung 1 zeigt ein in Gimp geladenes Karibu zusammen mit dem Histogramm der Aufnahme. Letzteres starten Sie im Menü unter Farben | Werte und klicken im Dialog auf Diese Einstellung als Kurven bearbeiten.

Abbildung 1: Das Bild des Karibus weist im Mittel zwar die richtige Belichtung auf, die bildwichtigen Teile erscheinen aber zu dunkel.
Abbildung 1: Das Bild des Karibus weist im Mittel zwar die richtige Belichtung auf, die bildwichtigen Teile erscheinen aber zu dunkel.

Wie schon im Bild ersichtlich, dokumentiert auch das Histogramm die zu dunkle Gesichtspartie, die es aufzuhellen gilt. Da es sich beim Histogramm um das mächtigste Werkzeug handelt, das Gimp zum nachträglichen Verbessern der Ausleuchtung bereitstellt, gehen wir etwas näher darauf ein.

Die X-Achse zeigt die Helligkeitsverteilung im Bild. Bei einem Bild im JPEG-Format reicht diese von 0 (Schwarz) bis 255 (Weiß), was 8 Bit pro Pixel entspricht. Die Y-Achse zeigt die Anzahl der Pixel mit den Helligkeitswerten. Sie ist keine Konstante, sondern zeigt die Gesamtheit der Sensorpixel. Wurde ein 16-Megapixel-Sensor verwendet, entspricht die Gesamtfläche des Histogramms genau dieser Zahl. Bei einem anderen Sensor ergibt die Fläche zwar einen anderen Pixelwert, bei gleichen Aufnahmebedingungen unterscheiden sich die Histogramme aber in keiner Weise.

An beiden Achsen befindet sich zusätzlich eine Grauskala. Diese bekommt ihre Bedeutung durch die Kennlinie des Histogramms, zu Beginn der Bildbearbeitung eine Diagonale. Sie lässt sich mithilfe der Maus wie ein Gummiband verformen, was die Helligkeitswerte beziehungsweise deren Verteilung im Histogramm und Bild verändert. Der auf der X-Achse ursprüngliche Helligkeitswert erhält nun den Helligkeitswert, den der Funktionswert der Y-Achse zeigt.

Auf diese Weise nehmen Sie einfache Helligkeitskorrekturen vor. Aktivieren Sie die Checkbox Vorschau, sehen Sie den Effekt sofort im Bild (Abbildung 2). Allerdings bringt dieses Verfahren auch Nachteile mit sich, die auf das JPEG-Format zurückführen: Bei Veränderungen der Kennlinie zeigen sich Lücken im Histogramm.

Abbildung 2: Die Veränderung der Kennlinie führt zum Aufhellen der zu dunklen Bildteile.
Abbildung 2: Die Veränderung der Kennlinie führt zum Aufhellen der zu dunklen Bildteile.

Besser RAW

Die damit verbundene Reduzierung der Anzahl von Grautönen liegt daran, dass die Kamera die analoge Helligkeitsverteilung in 8 Bit pro Pixel digitalisiert. Das veränderte Bild enthält weniger Graustufen und mutiert im Extremfall zu einer reinen Schwarz-Weiß-Grafik.

Deswegen nehmen Profifotografen ihre Bilder im Regelfall im RAW-Format auf. Das speichert ein Bild nicht mit 8 Bit per Pixel, sondern – je nach Sensor – mit 12, 14 oder gar 16 Bits. Das erhöht den Dynamikumfang des Bilds und kompensiert damit den Verlust von Helligkeitswerten. Allerdings arbeitet Gimp nach wie vor nur im 8-Bit-Modus und reduziert beim Import von RAW-Dateien deren Dynamikumfang entsprechend. Einer der wichtigsten Vorteile des RAW-Formats geht damit verloren.

Erst das in diesem Heft ebenfalls vorgestellte Programm Rawtherapee bringt beim Verwenden des Histogramms wirklich Vorteile, denn es rechnet die 12, 14 oder 16 Bit pro Pixel und Farbe in einen 32-Bit breiten Floating-Point-Wert um, mit dem es dann arbeitet. Daher lassen sich RAW-Bilder ohne jeden Verlust an Helligkeitswerten mithilfe des Histogramms aufhellen oder abdunkeln. Erst nach dem Export ins JPEG-Format reduziert Rawtherapee den Dynamikumfang wieder auf 8 Bit je Pixel, dann aber ohne Lücken im Histogramm.

Weißabgleich

Ein typisches Beispiel dafür, wo der automatische Weißabgleich von Kameras häufig versagt, zeigt Abbildung 3. Das transparente Dach verfremdet den abgelichteten Zwergpapagei ins Gelbliche. Mithilfe des Farbabgleichwerkzeugs, das Sie unter Farben | Farbabgleich finden, gelingt das nachträgliche Anpassen mühelos.

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