Aus LinuxUser 07/2011

Linux-Applikationen unter Windows nutzen mit Cygwin (Seite 2)

Ein mount verrät Ihnen, welche Laufwerke eingebunden sind: /usr/bin und /usr/lib kommen aus den entsprechenden Unterverzeichnissen im Cygwin-Wurzelverzeichnis, das seinerseits gemountet ist, und das Laufwerk C: finden Sie unter /cygdrive/c – mit der Möglichkeit zum lesenden und schreibenden Zugriff.

Besonders komfortabel: Später angeschlossene Laufwerke, wie USB-Festplatten, bindet Cygwin zur Laufzeit automatisch ein. Selbst Netzwerkfreigaben via Samba/CIFS stellen die Software vor keine Probleme. Sie sprechen diese nach dem Schema //Server/Freigabe an. Der Befehl

$ mount //srv/pool /home/max/share

bindet beispielsweise die freigegebenen Dateien des Fileservers srv im Home-Verzeichnis des Benutzers max ein.

Windows lernt SSH

Doch das Bereitstellen der Bash gehört natürlich nicht zu den Hauptaufgaben von Cygwin. Zwar gestaltet sich das Arbeiten dort sehr komfortabel und insbesondere für Linux-Anwender wesentlich bequemer als mit so manch anderer Konsole, doch Cygwin bietet weit mehr: Neben der eher für Programmierer interessanten Option, Software schnell und einfach zu portieren, erhalten Sie eine Fülle von Anwendungsprogrammen zum Einsatz unter Windows. Ein Beispiel ist Secure Shell (SSH).

Windows bietet mit den Terminaldiensten zwar eine eigene Möglichkeit zum Administrieren aus der Ferne, doch zum einen benötigen Sie dazu einen so genannten RDP-Client, zum anderen funktioniert mit diesem nur das grafische Login, wofür Sie entsprechende Bandbreite benötigen. Dank Cygwin installieren Sie stattdessen einfach SSH.

Dazu beenden Sie Cygwin sicherheitshalber mittels exit auf der Shell und öffnen dann das Setup-Programm erneut. In der Paketauswahl suchen Sie nach ssh und installieren das gleichnamige Paket. Jetzt lernen Sie eine weitere Funktion von Cygwin kennen, die Ihnen von den Paketmanagern unter Linux bekannt vorkommen dürfte – das automatische Auflösen von Abhängigkeiten (Abbildung 4): Um SSH zu installieren, benötigen Sie einige weitere Tools und Bibliotheken, die die Software automatisch mitinstalliert.

Abbildung 4: Ein Paket kommt selten allein – Cygwin berücksichtigt beim Installieren von Software eventuelle Abhängigkeiten und richtet benötigte Programme gleich mit ein.
Abbildung 4: Ein Paket kommt selten allein – Cygwin berücksichtigt beim Installieren von Software eventuelle Abhängigkeiten und richtet benötigte Programme gleich mit ein.

Anders als bei Linux-Systemen kommt der SSH-Server ganz ohne Konfiguration – Sie müssen also selbst Hand anlegen. Allerdings erleichtern Anleitungen im Netz [3] die Arbeit. Starten Sie Cygwin mit einem Windows-Administratorkonto (ansonsten dürfen Sie den Dienst nicht einrichten) und geben Sie ssh-host-config -y ein. Das Skript gibt einige Meldungen aus und fragt Sie schließlich nach einem Passwort für den in Windows anzulegenden Nutzer namens cyg_server. Wählen Sie für diesen ein sicheres Passwort und merken Sie es sich gut. Schließlich passen Sie noch die Berechtigungen einiger Dateien an, indem Sie ssh-user-config -n aufrufen.

TIPP

Sie sollten Windows auf keinen Fall ohne zusätzliche Firewall als SSH-Server betreiben. Ideal ist ein handelsüblicher Router oder ein Filter per Iptables am Linux-Gateway.

Nach einem Neustart steht der SSH-Server bereit. Alternativ geben Sie – nicht in Cygwin, sondern auf der Windows-Kommandozeile – den Befehl net start sshd ein. Danach passen Sie noch die Windows-Firewall an; diese sperrt von Haus aus Verbindungen zu Port 22. Die entsprechende Konfiguration finden Sie unter Start | Systemsteuerung | Windows-Firewall | Erweiterte Einstellungen | Eingehende Regeln | Neue Regel…. Erlauben Sie hier das Verbinden auf Port 22 via TCP in allen Profilen und vergeben Sie für diese Regel einen sprechenden Namen, wie zum Beispiel Cygwin SSH Server. Das mag für Linux-Anwender umständlich klingen – der Lohn liegt in einer direkten SSH-Verbindung zum Windows-Rechner (Abbildung 5)

Abbildung 5: Wahrlich zwischen den Welten: Vom Mac auf Windows in die Bash.
Abbildung 5: Wahrlich zwischen den Welten: Vom Mac auf Windows in die Bash.

Paralleluniversum

Nicht nur Server-Freunde kommen in den Genuss von Cygwin, die Software bedient auch typische Anwenderprogramme. So hält Cygwin unter anderem das Mailprogramm Mutt, den Editor Vi und den Dateimanager MC (Midnight Commander) bereit (Abbildung 6).

Abbildung 6: Der Midnight Commander macht auch unter Windows eine gute Figur.
Abbildung 6: Der Midnight Commander macht auch unter Windows eine gute Figur.

Zugegeben, von vielen dieser Tools gibt es eigenständige Windows-Versionen – doch der Einsatz in einer eigenen Umgebung hat durchaus Vorteile: So greifen Sie beispielsweise immer auf die gleichen Pfade zurück und verfügen weitestgehend über dieselben Tools und Skripte wie beim Original.

Sehr vorteilhaft wirkt sich die Umgebung auf bereits etablierte Hilfsmittel aus, wie etwa Backup-Skripte: Viele Anwender haben eigene Bash-Programme geschrieben, welche die zu sichernden Daten via Rsync zum Zielsystem kopieren. Rsync existiert zwar in einer Windows-Variante, aber gerade das Nachprogrammieren der ausgeklügelten Bash-Funktionen unter Windows bedeutet viel Aufwand.

Wo ist Mr. X?

Doch es geht noch weit mehr, denn Cygwin beinhaltet unter dem Namen Cygwin/X [4] eine Implementation des X11-Systems, mit der Sie bei Bedarf einfache grafische Anwendungen direkt unter Windows ausführen (Abbildung 7).

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