Aus LinuxUser 12/2009

Reanimation alter Programme mit Dosbox

© asifthebes, sxc.hu

Technik-Dinosaurier

Alte Anwendungen und Spiele erleben ein Revival in der Dosbox. Die Software emuliert einen kompletten PC samt Uralt-Betriebssystem.

Waren das Zeiten! Guybrush Threepwood (Abbildung 1) schipperte nach „Monkey Island“, in „Need for Speed“ qualmten pixelige Reifen und Lara Croft hüpfte mit eckigem Gesicht durch die ersten Abenteuer (Abbildung 2). In vielen älteren PC-Benutzern weckt der Name MS-DOS nostalgische Erinnerungen. Mit Dosbox installieren Sie sich die Grundlage für ein Revival unter Linux auf dem PC.

Abbildung 1: Schlagen Sie sich mit Guybrush Threepwood in der Originalversion von Monkey Island durch die Abenteuer – Dosbox macht es unter Linux möglich.
Abbildung 1: Schlagen Sie sich mit Guybrush Threepwood in der Originalversion von Monkey Island durch die Abenteuer – Dosbox macht es unter Linux möglich.
Abbildung 2: Im ersten Tomb Raider unter DOS wirkte Lara Croft noch ziemlich eckig.
Abbildung 2: Im ersten Tomb Raider unter DOS wirkte Lara Croft noch ziemlich eckig.

Das Betriebssystem DOS aus dem Hause Microsoft war der Vorläufer von Windows und lag diesem sogar noch bis zum Jahr 2000 in Windows Me bei. Da verwundert es wenig, dass sich auch heutzutage noch hin und wieder alte MS-DOS-Programme öffnen – sei es, um ein Dokument mit einer längst eingestampften Textverarbeitung zu lesen, die Kundendaten aus einer alten dBase-Datenbank zu retten oder, von der aktuell grassierenden Retro-Welle gepackt, mit einem Spieleklassiker durchzustarten.

Auf moderner Hardware sind dazu einige Klimmzüge notwendig: Zunächst gilt es, eine Kopie von MS-DOS oder einem der vielen Klone wie etwa dem kostenlosen FreeDOS [2] zu besorgen, diese in einem Emulator wie Virtualbox zu starten, es einzurichten und sich in die kryptische Befehlswelt des Betriebssystems einzuarbeiten. Gerade letzteres fällt jedoch oft nicht leicht: MS-DOS verwaltet von sich aus maximal 640 KByte Hauptspeicher – wenig Platz für diverse Treiber wie etwa für Maus und CD-ROM-Laufwerk.

Bei Dateinamen wie himem.sys, oder Begriffen wie EMS rollen sich Kennern noch heute die Fußnägel auf. Obendrein möchte fast jedes MS-DOS-Programm seine ganz eigene Konfiguration haben, was meist zu einem Stapel spezialisierter Startdisketten führte. Seinerzeit boten manche Programme und Spiele sogar ganz ungeniert an, eine geeignete Bootdiskette zu erstellen.

Künstliche Welt

Bevor Ihnen jedoch wegen der Arbeit für eine schnelle Runde „Need for Speed“ (Abbildung 3) graue Haare wachsen, greifen Sie besser zu Dosbox. Das kleine Linux-Programm emuliert nicht nur einen alten Computer, wie er Anfang der Neunziger Jahre aktuell war, sondern dazu gleich noch das Betriebssystem. Diesem spendierten die Entwickler ein paar äußerst interessante Komfortfunktionen. So starten die meisten DOS-Programme oder Spiele ohne großes Gefummel an irgendwelchen Konfigurationsdateien, häufig benötigen Sie nicht mal Kenntnisse über die kryptischen DOS-Befehle.

Abbildung 3: Das erste "Need for Speed" galt damals als grafisches Meisterwerk, die Auflösung von 640 mal 480 Bildpunkten als extrem hoch.
Abbildung 3: Das erste „Need for Speed“ galt damals als grafisches Meisterwerk, die Auflösung von 640 mal 480 Bildpunkten als extrem hoch.

Dosbox liegt in den Repositories fast jeder großen Distribution. Um es zu installieren, reicht folglich ein Griff zum Paketmanager. Achten Sie jedoch unbedingt darauf, die neueste Version 0.73 zu einzuspielen. Sie behebt unter anderem einige Fehler und bringt neue Funktionen. Sofern die eigene Distribution nur ältere Fassungen bereit hält, übersetzen Sie den Quellcode gemäß der Anleitung aus dem Kasten „Auf dem aktuellen Stand“.

Auf dem aktuellen Stand

Zu Redaktionsschluss bot die Dosbox-Homepage nur ein aktuelles Binärpaket für Gentoo sowie ein veraltetes für Fedora. Vermissen Sie also die aktuelle Dosbox-Version in der Distribution Ihrer Wahl, bleibt folglich nur der Griff zum Quellpaket. Anschließend installieren Sie über den Paketmanager die Bibliotheken SDL (libsdl), SDL_Sound und SDL_Net, sowie alle zugehörigen Entwicklerpakete (sie tragen meist ein -dev oder -devel im Namen).

Hinzu kommen noch das Programm G++. Im Terminalfenster wechseln Sie in den Ordner mit den entpackten Dateien und setzen dort den Befehl ./configure && make ab. Im Unterverzeichnis src/ liegt nach dem Kompilieren das fertige Binary dosbox. Sie benötigen ausschließlich diese Datei für die Installation. Kopieren Sie sie einfach in ein Verzeichnis, das sich in der Variable $PATH befindet.

Neben Dosbox benötigen Sie ein Programm oder Spiel. Im einfachsten Fall kopieren Sie dessen Daten in ein Verzeichnis unter Linux. Der Befehl dosbox /Pfad/Programm.exe -exit startet in einem Terminal die entsprechende Anwendung. Das angehängte -exit sorgt dafür, dass sich Dosbox beendet, sobald Sie das Programm verlassen. Innerhalb des DOS-Programms steht der Ordner pfad als Laufwerk C: bereit – oder anders formuliert: Alles, was Sie im Laufwerk C: innerhalb der Dosbox speichern, landet unter Linux im Verzeichnis pfad.

Benötigt ein DOS-Programm die Maus, klicken Sie einfach in das Fenster. Die Dosbox greift sich daraufhin den Zeiger. Um ihn unter Linux zurück zu erhalten, verwenden Sie die Tastenkombination [Strg]+[F10].

TIPP

[Strg]+[F9] beendet die Dosbox umgehend; [Alt]+[Pause] unterbricht die Emulation.

Dolmetscher

Standardmäßig verwendet Dosbox eine englische Tastaturbelegung. Das hat unter anderem zur Folge, dass [Z] und [Y] vertauscht sind. Um die deutsche Belegung zu aktivieren, muss man in die Dosbox-Konfigurationsdatei dosbox-0-73.conf eingreifen. Der Emulator hat sie bei seinem ersten Start im (versteckten) Unterverzeichnis ~/.dosbox erstellt. Mit einem Texteditor geöffnet, suchen Sie die Zeile keyboardlayout=auto und ersetzen sie mit keyboardlayout=gr. Obwohl nach einem Neustart der Dosbox nun die Umlaute funktionieren, sollte Sie sie tunlichst in Dateinamen vermeiden. Diese dürfen unter MS-DOS zudem nur maximal acht Zeichen und eine Endung aus drei Zeichen enthalten.

Da Dosbox einen kompletten Computer nachbildet, verbraucht der Emulator entsprechend viel Rechenleistung – wieviel genau, hängt vom verwendeten Programm beziehungsweise Spiel ab. Auf einem Core 2 Duo rennt die Software bei einfachen DOS-Programmen mit der Geschwindigkeit eines Pentium III; bei hardwarehungrigen Spielen bleibt nur noch ein PC mit Intel 486-Prozessor übrig, wie er 1992 Standard war. Einige Spiele laufen deshalb zu schnell oder zu langsam. Zu den Paradebeispielen gehört die Rennspielserie Testdrive, deren Boliden in einem Affenzahn über den Asphalt preschen. In solchen Fällen verlangsamen Sie die Emulation per [Strg]+[F11], den umgekehrten Weg geht [Strg]+[F12].

Befehlsgewalt

Die meisten DOS-Programme erfordern genau wie ihre heutigen Windows-Pendants eine Installation. In dem Fall erstellen Sie unter Linux zunächst ein Verzeichnis, in das Sie das Programm laden möchten, zum Beispiel /home/tim/nfs für das Rennspiel „Need for Speed“. Jetzt starten Sie die Dosbox ohne jeglichen Parameter. Damit landen Sie an einem Prompt (Abbildung 4).

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