Aus LinuxUser 08/2009

Live-Werkzeugkasten für die Shell

© sxc.hu, LesKZN

Chirurgisches Besteck

Wer ein leistungsfähiges Rettungssystem oder eine komfortable Konsolenumgebung sucht, der wird Grml schnell ins Herz schließen.

Bei Grml handelt es sich um ein Debian-basiertes Live-System für Systemadministratoren und Texttool-User. Die 2003 in Graz/Österreich geborene Distribution ist seit Anfang Juni in der neuen stabilen Version 2009.05 „Lackdose-Allergie“ verfügbar. Im Gegensatz zu den meisten anderen Live-Distributionen startet Grml standardmäßig kein X-Window-System (Abbildung 1). Stattdessen stellt es mehrere Konsolen mit einer vorkonfigurierten Z-Shell und weiteren nützlichen Werkzeugen (GNU Screen, Htop, Multitail) zur Verfügung. Die Unterstützung von LVM, Hard- und Software-RAID sowie Cryptsetup-LUKS mit der Paketauswahl von Debian bieten dem Anwender ein mächtiges Rettungssystem. Der Texttool-Benutzer findet in den über 2500 mitgelieferten Softwarepaketen mit Sicherheit auch seinen Lieblingseditor und die Shell seiner Wahl.

Abbildung 1: Der Startbildschirm von Grml nach dem Booten. Das Starten einer grafischen Oberfläche stellt hier nur eine von vielen möglichen Optionen dar.
Abbildung 1: Der Startbildschirm von Grml nach dem Booten. Das Starten einer grafischen Oberfläche stellt hier nur eine von vielen möglichen Optionen dar.

Grml-Varianten

Wie schon bisher gibt es Grml [1] in drei Geschmacksrichtungen: grml stellt mit einem ISO von rund 700 MByte ein vollständiges Live-System zur Verfügung. Die mit 100 MByte schlankste Variante namens grml-small verzichtet auf jegliche Dokumentation (wie Manpages und Infoseiten) sowie das X-Window-System und bietet nur äußerst essentielle Tools zur Systemadministration. Als Mittelweg zwischen den beiden Varianten positioniert sich das rund 200 MByte große grml-medium. Es bringt sowohl eine grafische Oberfläche als auch Manpages und Infoseiten mit, verfügt aber im Vergleich zum großen Bruder grml über eine schlankere Software-Auswahl.

Alle Varianten basieren auf der selben Kernelversion, sodass weder das Nachrüsten zusätzlicher Kernelmodulen noch das Verwenden einer angepassten initramfs Probleme bereiten. Die drei Grml-Varianten gibt es jeweils als 32- und 64-Bit-Versionen (Grml64), damit auch die Datenrettung von 64-Bit-Systemen ohne Probleme möglich ist.

Windowmanager

Windowmanager gibt es nicht nur für die grafische Oberfläche: Ein beliebtes derartiges Tool für die Konsole ist GNU Screen. Damit nutzen Sie auf einer einzelnen Konsole (aber auch in einem X-Terminal) mehrere Konsolenfenster. Mittels [Strg]+[A],[C] erstellen Sie ein neues Fenster, [Strg]+[A],[A] wechselt zum zuletzt ausgewählten Fenster und mit [Strg]+[A],[ 2] wechseln Sie ins zweite Fenster. Dank Detach und Reattach können Sie die aktuell laufende Screen-Session schlafenlegen ([Strg]+[A],[D]) und – sofern der Rechner weiterläuft – zu einem beliebigen Zeitpunkt wieder fortführen (screen -r).

Ein neu in Grml neu aufgenommenes Konsolentool ist das schlanke Dvtm, das das Konzept des „tiling window management“ auf die Konsole bringt. Dabei versucht Dvtm nicht GNU Screen zu ersetzen, sondern ergänzt es sinnvoll, indem es einzelne Screen-Fenster in weitere Unterfenster (in beliebiger Kombination von horizontalen und vertikalen Fenstern) teilt.

Grml beschränkt sich trotz der Verbundenheit zur Konsole aber nicht nur auf diese. Auf Wunsch steht selbstverständlich auch das X-Window-System zur Verfügung (Abbildung 2). Auf der fünften Konsole (tty5, [Alt]+[F5]) ist der User grml angemeldet, mit grml-x $WM starten Sie den angegebenen Windowmanager. Dabei stehen viele kleine und schlanke Varianten zur Auswahl, wie etwa Awesome, Dwm, Fluxbox, Fvwm, Openbox und Ratpoison.

Abbildung 2: Der Desktop der Grml 2009.05 LinuxUser-Edition präsentiert auf alle wichtigen Tools auf einen Blick.
Abbildung 2: Der Desktop der Grml 2009.05 LinuxUser-Edition präsentiert auf alle wichtigen Tools auf einen Blick.

Neuigkeiten

Neben dem schon erwähnten Dvtm bringt Grml 2009.05 weitere 27 neue Pakete mit, unter anderem das schlanke Bildbetrachtungsprogramm Geeqie (den Nachfolger von GQview) und U3-Tool, ein Programm zum Umgang mit U3-USB-Sticks.

Selbstverständlich gibt es auch neue Grml-Features. Unter den neu hinzugekommenen Bootoptionen finden sich bsd und hdt. Hinter bsd steckt ein minimales BSD-Livesystem, basierend auf MirOS BSD. Das ursprünglich auf OpenBSD basierende Betriebssystem enthält mittlerweile aber auch Code von FreeBSD, NetBSD und MicroBSD. Dieses BSD-Livesystem ist speziell für alte Systeme mit nur geringem Arbeitsspeicher interessant, auf denen selbst Grml unter Umständen nicht läuft. Hinter hdt wiederum versteckt sich das Hardware Detection Tool des Syslinux-Projekts. Es ist besonders dann nützlich, wenn man Details zur Hardware eines Rechners braucht, ohne erst ein Linux-System vollständig booten zu müssen.

Auch das Persistency-Feature ist neu in Grml 2009.05. Eine systembedingte Limitierung beim Einsatz von Live-Systemen auf CDs stellt bekannterweise die fehlende direkte Schreibmöglichkeit auf einer CD dar. Das bei Live-Systemen mittlerweile etablierte Overlay-System namens Aufs [2] ermöglicht es, Änderungen am Live-System in den Arbeitsspeicher zu schreiben und dem System somit eine Schreibmöglichkeit vorzuschwindeln. Dank des Persistency-Features können Sie jetzt diese Änderungen über einen Reboot hinaus auf einem Medium (etwa einen USB-Stick) abspeichern.

Um dieses Feature zu nutzen, erstellen Sie beispielsweise auf einem USB-Stick eine Partition mit dem Label live-rw (mkfs.ext3 -L live-rw /dev/sdb1). Mit dem Befehl live-snapshot -d /dev/sdb1 speichern Sie die am Live-System erfolgten Änderungen auf dieser Partition. Um die Modifikationen in ein neu gebootetes System zu übernehmen, starten Sie dieses durch die Eingabe von grml persistent am Bootprompt. Weitere Details zum neuen Persistency-Feature finden Sie bei Interesse im Grml-Wiki [3].

Wie schon bisher lässt sich mittels grml fromiso=/dev/sda1/grml/grml_2009.05.iso das angegebene ISO von einer Festplatte als Live-System verwenden. Das ist besonders dann recht praktisch, wenn man ein Rettungssystem am Rechner selbst zur Verfügung haben möchte. Tritt einmal ein Notfall auftreten, lässt sich durch die Auswahl des jeweiligen Eintrags im Bootloader das Rettungssystem starten.

Dazu muss man nur den Kernel und die initramfs aus dem ISO extrahieren, das ISO als Ganzes auf die Festplatte kopieren und den Bootloader entsprechend anpassen. Bei der Anwendung von fromiso muss man allerdings wissen, auf welchem Device das ISO lagert – nicht immer ist das ganz offensichtlich. Um diesem Problem zu begegnen, gibt es in Grml die neue Bootoption findiso. Sie durchsucht alle relevanten Geräte nach dem angegebenen Image. Ein Konfigurationsbeispiel für Grub zeigt Listing 1.

LinuxUser 08/2009 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS
Deutschland

Hinterlasse einen Kommentar

  E-Mail Benachrichtigung  
Benachrichtige mich zu: