Aus LinuxUser 04/2009

Intel X25 Mainstream im Test

© LNM AG

Teure Liebe

Wer 400 Euro für eine 80-GByte-Festplatte ausgibt, ist entweder arm im Geiste – oder hat sich einfach in das neueste SSD-Modell von Intel verliebt.

Wenn Linus Torvalds in vollen Stücken von etwas schwärmt [1], dann kann es nur etwas Gutes für Linux-Nutzer sein: So auch bei den neuen SSD-Festplatten von Intel [2], die es in zwei verschiedenen Ausführungen gibt: Die Mainstream-Edition, zu der auch unser Testgerät gehört (siehe Tabelle „Intel X25-Mainstream“) basiert auf MLC-NAND-Speicher und weist zwar die selbe Leserate auf wie die teurere Extreme-Edition, bleibt aber beim Schreiben in der Leistung zurück. Die Extreme-Modelle setzen auf den schnelleren SLC-Speicher und kosten dementsprechend auch wesentlich mehr. Die Lebensdauer für die Extreme-Serie gibt Intel mit zwei Millionen Stunden an; bei der Mainstream-Edition reduziert Intel auf 1,2 Millionen Stunden, da die MLC-Zellen eher zu Fehlern neigen. Baugleich mit den Intel-Platten sind die Solid State Disks von Kingston (Serie SSDNow E und SSDNow M). Sämtliche Modelle gibt es zudem als 2,5-Zoll- und als 1,8-Zoll-Variante.

Intel X25-Mainstream

Modell SSDSA2MH080G1GN
Leseraten (blockw. / seq.) 250 / 150 MByte/s
Schreibraten (blockw. / seq.) 80 / 78 MByte/s
Anschluss S-ATA
Formfaktor 2,5 Zoll
Kapazität 80 GByte
Gewicht 76 g
Preis (ca.) 380 Euro

SSD bringt’s

Die SSD weist gegenüber einer konventionellen Festplatte gleich mehrere Vorteile auf. Sie enthält keine beweglichen Teile, wodurch sie bei Stürzen weniger gefährdet ist. Zudem arbeitet sie komplett lautlos. Allein schon diese zwei Eigenschaften prädestinieren die SSD für den mobilen Einsatz. Gegenüber einer konventionellen 2,5-Zoll-Festplatte verbraucht das Intel-Testgerät im Betrieb rund 50 Prozent weniger Strom (1,5 Watt gegenüber 2,5 Watt) und bringt rund 20 Gramm weniger auf die Waage. Allerdings gibt es für SSDs keine Stromsparmechanismen, sodass eine konventionelle Festplatte im 2,5-Zoll-Format im Stromsparmodus vermutlich etwas weniger Strom verbraucht als eine SSD.

Die größten Vorteile liegen aber bei der Performance: So erreichen Solid State Disks von Intel bereits heute Leseraten von 250 MByte/s und schreiben mit 80 MByte/s (MLC) bis 170 MByte/s (SLC). Im Gegensatz zu einer konventionellen Festplatte fällt die Leistung zudem auf den „höheren Zylindern“ nicht ab, sondern bleibt über die ganze Platte konstant. Abbildung 1 (Lesen) und Abbildung 2 (Schreiben) zeigen die von uns gemessenen Testergebnisse mit dem Benchmark Bonnie++ unter den wichtigsten Linux-Dateisystemen.

Abbildung 1: Ext4 und XFS knacken beim blockweisen Lesen sogar die offizielle Höchstmarke von 250 MByte/s, sequentiell liegen immerhin noch 150 MByte/s drin.
Abbildung 1: Ext4 und XFS knacken beim blockweisen Lesen sogar die offizielle Höchstmarke von 250 MByte/s, sequentiell liegen immerhin noch 150 MByte/s drin.
Abbildung 2: Sämtliche Dateisysteme übertrafen in den Schreibtests die von Intel für die Mainstream-Serie versprochenen 70 MByte/s.
Abbildung 2: Sämtliche Dateisysteme übertrafen in den Schreibtests die von Intel für die Mainstream-Serie versprochenen 70 MByte/s.

Ein paar Tests

Auf einem Lenovo-Netbook benötigt OpenSuse 11.1 von einer 2,5-Zoll-Festplatte für den Startvorgang vom Grub-Bildschirm bis zum Login (XFCE) zwischen 40 und 45 Sekunden. Von der SSD dauert der gleiche Bootvorgang zwischen 25 und 30 Sekunden. Die selben Werte maßen wir auch auf einem Phenom-II-Testsystem. Hier lassen sich zudem durch Deaktivieren einiger nicht benötigter Dienste noch weitere 10 Sekunden sparen, sodass ein normales OpenSuse-System ohne besondere Patches in 15 Sekunden hochfährt. Da der Bootvorgang sehr viele I/O-Prozesse generiert, bringt das Ausschalten von Diensten nur mit der SSD eine merkliche Verkürzung der Zeit zum Hochfahren, konventionelle Festplatten sind hier zu langsam. So resultierten die identischen Änderungen auf einem System mit konventioneller Festplatte in einer um lediglich eine Sekunde verkürzten Bootzeit.

Ebenfalls positiv bemerkbar macht sich die schnelle SSD beim Übersetzen des Kernels. Während auf einem langsamen Atom-Prozessor kaum ein Unterschied zwischen dem Einsatz einer SSD und dem einer konventionellen Harddisk zu bemerken ist (191 Minuten mit SSD, 194 Minuten ohne SSD), zeigen sich auf dem schnellen Phenom II deutliche Differenzen: Hier benötigt der Rechner für das Kompilieren des Kernels 2.6.28 auf der SSD nur 14 Minuten, auf einer normalen 2,5-Zoll-Platte hingegen über 19 Minuten. Ähnliche Auswirkungen hat die SSD auf sämtliche I/O-intensiven Vorgänge, wie etwa das Paketmanagement, das Entpacken von Tar-Archiven oder die Arbeit von Desktopsuchmaschinen wie Strigi oder Beagle.

Alles wunderbar?

Die Solid State Disks von Intel reißen nicht nur ein beachtliches Loch in den Geldbeutel, sondern tragen dem Besitzer daneben künftig möglicherweise noch einige Nachteile ein. Wie der Ext4-Entwickler Theodore Ts’o in seinem Blog schreibt [3], sind die SSDs von Intel so intelligent, dass sie unabhängig vom Dateisystem Blöcke vormerken, die zur Löschung anstehen. Da sich die Blockgröße von Festplatten aber in Kürze von 512 Byte auf 4 KByte ändern wird, treten mit dieser Umstellung ein paar unschöne Nebenwirkungen auf, die zur Fragmentierung der SSD führen, wodurch die Performance der Solid State Disk drastisch abnimmt [4]. Ts’o hofft, dass Intel dieses Problem über ein Firmware-Update behebt.

Zudem bräuchten Solid State Disks eigentlich ein eigenes Dateisystem. Das neue Btrfs bringt zwar ein passendes Allokationsschema mit, das aber kaum Auswirkung auf die Performance zeigt. Mit Ubifs [5] gibt es seit Kernel 2.6.27 sogar ein passendes Filesystem, das quasi direkt auf den Flash-Speicher schreibt. Die meisten BIOS-Versionen und Bootloader kommen damit aber nicht klar, sie kooperieren ausschließlich mit traditionellen Blockgeräten. Deshalb wird Flash-Speicher üblicherweise über die S-ATA-Schnittstelle als ein solches Blockgerät angesprochen.

Fazit

Die Solid State Disks von Intel gehören zu den derzeit schnellsten SSDs auf dem Markt. Wer seinen Linux-Rechner in fünf bis zehn Sekunden booten möchte, kommt um den Einsatz einer SSD nicht herum. Wie bei allen (relativ) neuen Technologien gibt es aber auch hier gewisse Risiken: Diese betreffen jedoch nicht die Lebensdauer, wie oft befürchtet, sondern sind technischer Art und lassen sich somit – hoffentlich – demnächst per Firmware lösen. Eine Kaufempfehlung auszusprechen, fällt bei den doch noch recht hohen Preisen relativ schwer – wer aber 400 Euro „übrig“ hat, wird den Kauf einer Intel- oder Kingston-SSD bestimmt nicht bereuen.

Glossar

MLC

Multi Level Cell. Zelle eines Flash-Speichermoduls, die mehrere Zustände verwirklichen kann und dadurch mehr als ein Bit pro Zelle speichert.

SLC

Single Level Cell. Zelle eines Flash-Speichermoduls, die genau zwei Zustände und somit ein Bit pro Zelle speichert.

I/O-Prozesse

I/O steht für Input/Output und bedeutet somit Lese- und Schreibvorgänge, die beim Booten in erster Linie auf der Festplatte stattfinden.

LinuxUser 04/2009 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS
Deutschland

Hinterlasse einen Kommentar

  E-Mail Benachrichtigung  
Benachrichtige mich zu: