Aus LinuxUser 10/2006

Web 2.0 – leeres Schlagwort oder Internet-Revolution?

Revolution, die zweite

Moderne Webseiten haben nur noch wenig mit den altbekannten statischen Ungetümen gemeinsam. Sie bieten soziale Treffpunkte im Virtuellen und vollständige Anwendungen via Internet: Das Web 2.0 befindet sich noch im Geburtsprozess.

Wikipedia, Google oder Myspace heißen die Shootingstars unter den Webanbietern des nicht mehr ganz neuen Jahrtausends. So sehr sich diese Seiten inhaltlich und organisatorisch unterscheiden, eint sie als Gemeinsamkeit die radikale Abkehr von klassischen Konzepten des World Wide Web (WWW). Als das WWW Anfang der neunziger seinen Anfang nahm, unterschied es sich nur wenig von den klassischen Medien wie Zeitung, Radio und Fernsehen: Auf der einen Seite stand der Produzent, der seine Inhalte über das Internet anbot, auf der anderen der Konsument, der für ihn interessante Seiten ansteuerte und las.

Die erste Generation

Zunächst spielt sich das vor allem in akademischen Kreisen ab, Universitäten und Forscher fanden mit dem World Wide Web eine Möglichkeit, ihre Arbeit mit geringem Aufwand der ganzen Fachwelt zur Verfügung zu stellen. Ab der Mitte der neunziger Jahre gesellten sich mehr und mehr kommerzielle Anbieter dazu, die das Web als preisgünstige Plattform mit hohem Wirkungsgrad für den Verkauf und die Bewerbung ihrer Produkte entdeckten. Die Kommunikation zwischen Konsument und Anbieter blieb in beiden Anwendungsfällen darauf beschränkt, dass eine Homepage eine E-Mail-Adresse enthielt, über die Betrachter Kontakt aufnehmen konnten.

Aus technischer Sicht bietet das Internet als Trägermedium des World Wide Web aber stets die Möglichkeit zur bidirektionalen Kommunikation. Während es sich beim Fernsehgerät ausschließlich um einen Empfänger handelt, der vom Sender ausgestrahlte Inhalte wiedergibt, agiert ein via Modem ans Internet angeschlossener PC netzwerktechnisch gleichberechtigt zu großen Servern mit Breitbandanbindung. Der Unterschied liegt lediglich in der Leistungsfähigkeit.

Die daraus resultierende Möglichkeit zur Interaktion mit dem Benutzer haben Homepagebetreiber als ultimativen Vorteil des Internet entdeckt. Auf kommerzieller Seite können Kunden Anbietern schnell Wünsche und Kritik zukommen lassen, der Wirkungsgrad von Werbung lässt sich sehr genau messen.

Darüber hinaus entstanden Webforen, auf denen sich Gleichgesinnte aus der ganzen Welt über Themen wie Kochrezepte, Politik oder Technik austauschen. Dazu kommen statt den statischen HTML-Webseiten dynamische Homepages zum Einsatz, die beispielsweise mit Hilfe der Programmiersprache PHP auf Benutzereingaben reagieren.

Nächste Revolution

Etwa im Jahr 2001 hatte sich das Internet in den Industriestaaten so weit durchgesetzt, dass in den meisten dieser Länder die Mehrheit der Einwohner einen Zugang hatten. Zugleich entstanden Webseiten neuer Art, deren Erscheinungsbild sich dank neuer oder auf neue Weise eingesetzter Techniken von dem klassischer Webseiten unterscheidet und bei denen die Interaktion mit den Benutzern eine tragende Rolle spielt.

Damit hat sich der Umgang mit dem WWW sehr stark verändert. Im Jahr 2004 richtete der namhafte IT-Verlag O’Reilly eine Konferenz aus, die sich mit dem neuen World Wide Web befassen sollte – als Name dafür wählten sie den Ausdruck Web 2.0. Dieser Begriff hat sich seitdem etabliert, aber was dahintersteckt bleibt häufig vage. Einige der populärsten Webseiten gelten aber unbestritten als Beispiele für das neue Web, weil sie die beiden genannten Kernvoraussetzungen erfüllen: starke Benutzerinteraktion und dynamische Homepage.

Einige bekannte Beispiele verdeutlichen das Prinzip Web 2.0: Auf Flickr [1] veröffentlichen User Fotos (Abbildung 1), auf Youtube [2] Videos, auf del.icio.us [3] Links zu ihren Lieblingsseiten (social bookmarks). Myspace [4] stellt Benutzern eine komplette Plattform zur Verfügung, auf der sie beliebige Inhalte von Tagebucheinträge (Weblogs) bis zu Fotos, Videos und Musik veröffentlichen.

Abbildung 1: Beispielhafte Web-2.0-Anwendung: Auf Flickr laden Benutzer Fotos hoch, die Benutzer betrachten sie im Webbrowser wie in einem lokalen Bildbetrachter.
Abbildung 1: Beispielhafte Web-2.0-Anwendung: Auf Flickr laden Benutzer Fotos hoch, die Benutzer betrachten sie im Webbrowser wie in einem lokalen Bildbetrachter.

Bei diesen Beispielen handelt es sich Angebote kommerzieller Unternehmen, die ihre Dienste kostenlos anbieten. Geld verdienen sie meist durch Werbung, die neben den Beiträgen der Benutzer erscheint und sich daran oft auch inhaltlich orientiert. Deshalb spielt für sie die Anzahl der Benutzer eine entscheidende Rolle: Je mehr Mitglieder beispielsweise eigene Myspace-Seiten beisteuern, desto mehr Besucher betrachten die Seite und desto mehr Geld erhält der Betreiber von seinen Anzeigenkunden.

Gemeinsame Wertung

Eine häufig angewandte Technik so genannter Social Websites setzt auf die Etikettierung (Tagging) von Beiträgen. Die Produzenten und Betrachter kategorisieren Fotos (Flickr), Videos (Youtube) oder Links (del.icio.us) mit Schlagwörtern. Dadurch entsteht die Möglichkeit, alle Beiträge zu einem bestimmten Themengebiet zu suchen, indem man sich über eine Suchfunktion beispielsweise alle Links mit dem Tag „Linux“ anzeigen lässt. Es entstehen Verknüpfungen zwischen den Einträgen, weil viele mit „Linux“ etikettierte Seiten außerdem in die Kategorie „Open Source“ fallen. Dadurch entdecken die Benutzer stets neue für sie vermutlich interessante Seiten, wenn sie sich durch ähnlich kategorisierte Beiträge hangeln.

Auf gleiche Weise entstehen auch Verknüpfungen zwischen den Nutzern selbst, soziale Netze. Daher stammt eine andere Bezeichnung für das neue Web: Social Web (soziales Web). Ein Beispiel hierfür heißt Last.fm [5], früher Audioscrobbler (Abbildung 2). Die Seite sammelt von ihren Benutzern Informationen darüber, welche Musik sie auf ihrem PC hören.

Abbildung 2: Last.fm wertet den Musikgeschmack seiner Benutzer automatisch aus, um Empfehlungen auszusprechen und Charts zu generieren.
Abbildung 2: Last.fm wertet den Musikgeschmack seiner Benutzer automatisch aus, um Empfehlungen auszusprechen und Charts zu generieren.

Abspielprogramme mit Last.fm-Unterstützung übermitteln den Namen jedes gehörten Lieds an den Server. Er errechnet aus den Überschneidungen mit dem Musikgeschmack anderer Benutzer Empfehlungen für Songs, die dem ersten Anwender wohl ebenfalls gefielen. Wer sich bei seinem Last.fm-Konto über die Weboberfläche anmeldet, erfährt dort, welche anderen Benutzer ähnliche Musik mögen – so finden sich in diesem Fall musikalisch Gleichgesinnte vollautomatisch.

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