Aus LinuxUser 06/2005

Digitaler Videorecorder MythTV

© photocase.de

Fernsehen konservieren

Natürlich läuft die Lieblingssendung immer dann, wenn man nicht zu Hause ist. Wer sie komfortabel aufnehmen möchte, sollte zum digitalen Videorecorder MythTV greifen. Er lässt sich einfach programmieren und entfernt störende Werbeblocks.

Eines Tages hatte Isaac Richards genug von der TV-Hardware seines Kabelnetzbetreibers: Der Programmführer war ein Witz, das Gerät langsam und vollgestopft mit Werbung. Kurzerhand programmierte er eine Software, die Fernsehsendungen komfortabler aufnehmen konnte, und veröffentlichte sie unter dem Namen MythTV (Abbildung 1). Da er sie unter der GPL-Lizenz freigab, profitieren heute auch andere davon. Die Software kombiniert DVD-Player, Spielekonsole, digitalen Videorekorder und Internet-Terminal.

Digitale Rekorder vom Discounter bestechen zwar meist durch geringen Einrichtungsaufwand, lassen sich jedoch kaum an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Ein quelloffenes System wie MythTV, das standardisierte Computer-Hardware benutzt, erfordert etwas mehr Zeit für Installation und Konfiguration. Wer diese Hürde nimmt, wird mit einem Videorekorder belohnt, dessen Funktionsvielfalt und Erweiterbarkeit ihresgleichen suchen.

Abbildung 1: Aufnahmen vom Raumschiff Enterprise. Wer träumt nicht davon?
Abbildung 1: Aufnahmen vom Raumschiff Enterprise. Wer träumt nicht davon?

Aufnehmen ohne Werbung

Im Vergleich zu herkömmlichen VHS-Videorekordern bietet ein digitaler Videorekorder höhere Aufnahmekapazität, und das bei besserer Bildqualität. Über den EPG (Electronic Program Guide) (siehe Abbildung 2) lassen sich Aufnahmen komfortabel programmieren. Wird der Platz auf der Platte knapp, kann MythTV Aufnahmen in platzsparende Formate umwandeln – auf Wunsch auch automatisch. Ein intelligenter Planer verhindert Konflikte: etwa wenn mehrere gleichzeitige Aufnahmen gewünscht sind, aber nur eine TV-Karte existiert. Dank der integrierten Werbeblockerkennung lassen sich Aufnahmen auch ohne aufdringliche Produktinformationen genießen. Die Aufteilung in Client- und Server-Applikation macht selbst komplexe Szenarien möglich: zum Beispiel ein lärmender Server mit mehreren TV-Karten, der vom Keller aus leistungsschwächere und somit leisere Computer mit dem TV-Programm versorgt.

Abbildung 2: Der Electronic Program Guide (EPG) bietet eine Übersicht über Sendungen.
Abbildung 2: Der Electronic Program Guide (EPG) bietet eine Übersicht über Sendungen.

Darf es auch etwas mehr sein?

Wem die Funktionalität von MythTV alleine noch nicht ausreicht, der wird bei den zugehörigen Plugins fündig. Dazu gehören beispielweise MythMusic, MythVideo und MythDVD, die sich der digitalen Musik- und Filmesammlung annehmen. Damit während des Musikgenusses die Optik nicht zu kurz kommt, bietet MythMusic Visualisierungen: von der simplen Darstellung des Album-Covers (Abbildung 3) bis hin zu psychedelischen Farbexplosionen im Takt der Musik. MythVideo unterstützt Skripts, die von Websites Informationen und Poster zu vorhandenen Filmdateien holen und so das Blättern in der Videosammlung interessanter und übersichtlicher gestalten. Wenn Sie nicht möchten, dass Ihre Kinder oder Freunde gewisse Perlen Ihrer Sammlung zu Gesicht bekommen, hilft die Jugendschutzfunktion mit einer PIN-Abfrage.

Abbildung 3: Das Plugin MythMusic spielt Musik.
Abbildung 3: Das Plugin MythMusic spielt Musik.

MythDVD spielt Filme direkt von DVD ab, die Archivierungsfunktion des Programms können Sie in Deutschland allerdings nur mit unverschlüsselten DVDs nutzen. MythGame verwandelt den Videorekorder in eine Spielekonsole, die Erinnerungen an NES-, SNES- und Atari-Spiele weckt – vorausgesetzt, Sie besitzen die nötigen ROM-Dateien. Den Wetterbericht inklusive Vorschau sucht MythWeather im Internet und präsentiert ihn auf dem Bildschirm (Abbildung 4). Das Plugin MythPhone macht aus den Internet-Anschluss eine kostenfreie Videotelefonzelle. Drittanbieter [1,2] führen kostenlose Telefonnummern, unter denen MythPhone aus dem Festnetz erreichbar ist. MythNews und MythBrowser verbinden MythTV zum Internet und bringen RSS-Feeds und Websites auf den Bildschirm.

Abbildung 4: MythWeather zeigt: dunkle Regenwolken über Saarbrücken.
Abbildung 4: MythWeather zeigt: dunkle Regenwolken über Saarbrücken.

Vielfältige Hardware

Prinzipiell funktioniert MythTV mit allen Karten, die unter Linux durch Video4Linux oder die DVB-Implementation unterstützt werden. TV-Karten wie die WinFast TV2000 von Leadtek schonen zwar den Geldbeutel, erfordern allerdings einen schnellen Computer, da sie die Videodaten unkomprimiert ausgeben und so eine Kompression durch den Prozessor notwendig machen. Je nach gewünschter Auflösung und Bitrate variieren die Leistungsanforderungen. Nach Angaben der Entwickler genügt ein Athlon XP 1800+, um Live-TV mit einer Auflösung von 640×480 Bildpunkten flüssig darzustellen, während eine CPU mit 500Mhz nur für VideoCD-Qualität ausreicht.

Interessanter, aber auch teurer sind Lösungen, die den Datenstrom bereits komprimiert an MythTV übergeben. Hierzu zählen alle DVB-Boards [3], aber auch Karten wie die Hauppauge WinTV PVR 250. Bei DVB kommt das Signal bereits im MPEG-2-Format an, die PVR 250 nutzt einen speziellen Chip zur Kompression des analogen Signals. Hauppauge hat zwar die Produktion der PVR 250 eingestellt, es sind finden sich aber noch Restbestände im Handel. Die Nachfolgemodelle PVR 150 und PVR 500 erfordern experimentelle Treiber und sind deshalb noch nicht zu empfehlen.

Um das MythTV-System besser ins Wohnzimmer zu integrieren, bietet sich die Ausgabe des Bildes auf einem Fernseher an. Neuere LCD- oder Plasmafernseher besitzen meistens DVI- oder VGA-Anschlüsse und lassen sich somit problemlos mit handelsüblichen Grafikkarten verwenden. Die älteren Röhrengeräte müssen in der Regel über einen TV-Ausgang angesteuert werden. Beliebt sind hier Karten mit Nvidia-Chipsätzen aus dem Einsteigerbereich, zum Beispiel die Geforce 4 MX oder FX5200. Natürlich funktionieren auch Karten anderer Hersteller. Leider lässt sich dafür keine endgültige Empfehlung geben, da die Bildqualität durch Produktionsschwankungen schon innerhalb einer Modellreihe variieren kann.

Die Akzeptanz für einen Computer neben dem Fernseher steigt beträchtlich, wenn er sich mit einer Fernbedienung kontrollieren lässt. Die MythTV-Entwickler setzen dafür LIRC ein, das eine Vielzahl von Empfängern und Fernbedienungen unterstützt. Wenn Sie zu ihrer TV-Karte keinen LIRC-kompatiblen Empfänger erhalten haben, bietet die Web-Seite von LIRC Abhilfe: Dort finden sich Bauanleitungen und Bezugsquellen.

Videorecorder basteln

MythTV besteht aus drei Komponenten: einer MySQL-Datenbank für die Einstellungen und EPG-Daten, einem Backend, das über TV-Karten und Aufnahmen herrscht; und schließlich einem Frontend, das die grafische Oberfläche sowie Plugins bereitstellt und die Aufnahmen abspielt. Ein funktionierendes System inklusive korrekt installierter TV-Karte ist natürlich Voraussetzung für eine erfolgreiche Installation. Dieser Artikel beschränkt sich auf die Einrichtung in Verbindung mit einer analogen TV-Karte. Als zusätzliche Lektüre empfiehlt sich die offizielle Dokumentation von MythTV, die auf der Web-Site [4] oder im Tar-Archiv zu finden ist.

Am Anfang stellt sich die Frage, ob man MythTV aus den Quellen kompiliert oder Binärpakete bevorzut. Die Installation aus den Quellen ermöglicht, die Software optimal auf die eigenen Bedürfnisse abzustimmen. Allerdings sind bei der Fertigware meistens sowieso (fast) alle Optionen eingeschaltet, um ein möglichst breites Publikum zu bedienen. Die RPMs für Suse bilden eine Ausnahme, ihnen fehlt die Unterstützung für DVB. Wer also volle Kontrolle haben will, ist mit der manuellen Installation besser bedient.

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