Aus LinuxUser 08/2002

The Answer Girl

Dämonische Installation

Stets im Schatten des Pinguins stehend wird ein anderes freies Unix-Betriebssystem, FreeBSD, besonders unter altgedienten Linuxer/innen immer populärer. Grund genug für das Answer Girl, sich die brandneue Version 4.6 des Systems mit dem Dämon-Maskottchen zu installieren.

The Answer Girl

Dass der Computeralltag auch auf freien Unix-Betriebssystemen des Öfteren für Überraschungen gut ist, ist eher eine Binsenweisheit: Immer wieder funktionieren Dinge nicht oder nicht so, wie eigentlich angenommen. Das Answer-Girl im LinuxUser zeigt, wie man mit solchen Problemchen elegant fertig wird.

Ihre Freundinnen und Bekannten, Schwiegermütter und Großväter, Nachbarn und Pizzalieferanten haben Linux entdeckt und Sie vor lauter Support-Anfragen keine Chance auf Sommerbräune und Biergartenmuße? Dann hilft nur eins: Ein neues System muss her, auf dass die Abwimmel-Antwort „Tut mir leid, aber ich benutze FreeBSD“ auch der Wahrheit entspricht.

Tatsächlich gerät dank des Erfolgs von Linux gern in Vergessenheit, dass es noch andere Open-Source-Unix-Betriebssysteme gibt. Diese – namentlich NetBSD, OpenBSD und das von allen dreien am weitesten verbreitete FreeBSD – sind (anders als das von Grund auf neugeschriebene Linux) mit der „Berkeley Systems Distribution“ verwandt, der an der Berkeley University of California entstandenen Weiterentwicklung des originären UNIX-Betriebssystems von AT&T.

Doch wie bei Linux ist der Betriebssystem-Kernel nicht alles. Um mit dem System tatsächlich etwas anfangen zu können, braucht es Werkzeuge wie eine Shell, die klassischen Unix-Kommandozeilentools, ggf. eine grafische Oberfläche und natürlich Anwendungen. Und da müssen sich Linux- und *BSD-Rechner gar nicht so sehr unterscheiden. Von XFree86 und KDE über den Web-Server Apache bis hin zu Gimp oder dem Mail-Client Evolution kann man alle mögliche, von Linux-Distributionen bekannte Open-Software-Software auch auf den freien BSD-Systemen benutzen. Zudem besteht bei als Linux-Binaries ausgelieferten Closed-Source-Programmen die Möglichkeit, sie (versuchsweise und oft sehr erfolgreich) in der Linux-Emulation laufen zu lassen. Andererseits gibt es auch kommerzielle Software, die es zwar für FreeBSD, nicht aber für Linux gibt.

Dies ist kein Wunder, denn FreeBSD ist dank hoher Stabilität (auch im Vergleich mit Linux) und Effizienz besonders bei Internet Service Providern sehr beliebt (nicht überall da, wo Apache draufsteht, ist auch Linux drin …). Und so stellt sich für die eine oder andere Linuxerin die Frage, warum sie das System mit dem niedlichen Teufelchen nicht einfach einmal ausprobieren soll.

Um es vorher zu sagen: Wenn Sie sich nicht an die Installation eines Debian-Linux trauen würden, sorgt die FreeBSD-Installation vermutlich eher für Frustration, denn die dabei zum Einsatz kommende Installationsroutine ist weder grafisch, noch kennt sie besonders viele Automatismen. Sie fühlt sich eher an wie eine Linux-Installation anno 1995, weshalb Sie über die Art der in Ihrem PC steckenden Hardware genauer Bescheid wissen und Multimedia-Komponenten nicht zwingend von Tag 1 an brauchen sollten. Ohne solide Grundlagenkenntnisse der Kommandozeile unter Linux raten wir ebenfalls davon ab, einen Rechner im Produktiveinsatz auf FreeBSD umrüsten zu wollen. Und nicht zuletzt sollten Sie des Englischen zumindest passiv einigermaßen mächtig sein.

Wer es dennoch wagt, kann nur gewinnen, und zwar nicht nur an Kenntnissen, sondern beispielsweise auch an Geschwindigkeit: So schnell wie unter FreeBSD hat die Autorin noch nie ein KDE starten sehen … Und mit Mailinglisten [1] und unzähligen (meist jedoch englischen u. a. nicht-deutschen) anderen Internet-Ressourcen bewaffnet lassen sich die meisten Probleme lösen.

Kasten 1: Installationsmedien

Wer sich kein FreeBSD-Installationsset (etwa von [4]) kaufen will, braucht eine gute Netzanbindung. http://www.freebsdmirrors.org/FBSDsites.php3 listet Server auf, die FreeBSD zum Download bereit halten, bei der Auswahl sollte man geografisch mehr oder weniger nahe gelegene Mirrors bevorzugen.

Anschließend gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man lädt sich ISO-Images der gewünschten FreeBSD-Version für die PC-Plattform (i386) herunter, das zur Installation zwingend benötigte Image Nr. 1 beispielsweise mit

ncftpget ftp://ftp.de.FreeBSD.org/pub/FreeBSD/releases/i386/ISO-IMAGES/4.6/4.6-disc1.iso

… , und brennt diese etwa mit

cdrecord -v -dev=0,2,0 4.6-disc1.iso

auf CD. Wenn Sie die Angaben zur dev-Option für einen angeschlossenen und unterstützten CD-Brenner nicht parat haben, erfahren Sie sie mit

bash-2.04# cat /proc/scsi/scsi
Attached devices:
Host: scsi0 Channel: 00 Id: 02 Lun: 00
  Vendor: TEAC     Model: CD-R55S          Rev: 1.0L
  Type:   CD-ROM                           ANSI SCSI revision: 02

Um von dem selbstgebrannten Datenträger zu installieren, muss man eventuell die Boot-Reihenfolge im BIOS umstellen. (Das Gleiche gilt natürlich auch für das Booten von Installationsdisketten.) Anschließend heißt es: CD ins Laufwerk des neuzuinstallierenden Rechners, anschalten und abwarten, bis sich von alleine etwas tut, sprich FreeBSD bootet. Letzteres kann man durch Drücken der [Enter]-Taste beschleunigen.

Alternativ lädt man lediglich die Installationsdisketten-Images kern.flp und mfsroot.flp beispielsweise von ftp://ftp.de.FreeBSD.org/pub/FreeBSD/releases/i386/4.6-RELEASE/floppies/ herunter und packt sie mit

dd if=kern.flp of=/dev/fd0
dd if=mfsroot.flp of=/dev/fd0

auf jeweils eine Floppy. Gebootet wird die kern-Floppy; auf die Anfrage

Please insert MFS root floppy and press enter:

tauscht man diese gegen die mfsroot-Diskette aus, drückt [Enter] und wartet ein Weilchen.

Erstmal booten

Ob von CDs oder Disketten (vgl. Kasten 1) – um FreeBSD zu installieren, muss man erst einmal FreeBSD von einem Installationsmedium booten. Anschließend gelangen wir ins Kernel Configuration Menu. Wer nach der Erstinstallation keinen Ballast an unnötigen Hardware-Treibern mitschleppen will, verlässt sich nicht auf den Default-Punkt Skip kernel configuration and continue with installation, sondern wählt mit [Pfeil nach unten] und anschließendem [Enter] Start kernel configuration in full-screen visual mode an. Faulere Naturen können auch mit dem Default Glück haben; der dritte Eintrag steht für Kernel-Konfiguration im Kommandozeilen-(„Commandline“-)Modus und lässt sich Anfängern nicht ohne Weiteres empfehlen.

Visueller Modus? Tatsächlich erscheint ein reichlich unintuitives Textfenster, das von gestrichelten Linien in mehrere Bereiche aufgeteilt wird, ständig etwas von Collapsed erzählt und in der obersten Zeile mit conflicts droht (Abbildung 1). Wer jetzt hilfesuchend nach dem Strohhalm der [?]-Taste greift, drückt, ist auf einer deutschen Tastatur bereits in die Falle getappt: Die Tastenbelegung ist selbstverständlich US-amerikanisch, und dort liegt das Fragezeichen auf [Umschalt–].

Zum Glück erweist sich der Eintrag (Collapsed) lediglich als Hinweis, dass es zum jeweiligen Punkt weitere Angaben gibt. Betätigt man in einer so markierten Zeile die [Enter]-Taste, werden diese sichtbar – in Abbildung 1 ist dies für den Punkt Input der Fall.

Im oberen Teil mit der Überschrift Active Drivers sind die Hardware-Treiber aufgelistet, die der FreeBSD-Kernel derzeit aktiviert hat, im darunterliegenden Bereich Inactive Drivers solche, die generell unterstützt werden, aber für die aktuelle Maschine uninteressant sind. Prinzipiell geht es also darum, die aktiven Treiber, die wir nicht brauchen (optional) bzw. die sich mit anderen aktivierten Treibern beißen (unbedingt), in den „Inactive Drivers„-Teil des Dialogs zu verfrachten.

Von der Hardware-Erkennung ihrer Distribution verwöhnte Linux-User dürften spätestens jetzt nach Hardware-Handbüchern suchen und/oder noch einmal Linux booten, um beispielsweise dem KDE-Kontrollzentrum zu entlocken, welche Netzwerk-Karte (und wenn man einmal dabei ist, welche Grafik-Hardware) der Rechner eingebaut hat.

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