Aus LinuxUser 05/2002

Emulatoren unter Linux (Seite 2)

Abbildung 2: Das ursprüngliche Atari VCS aus dem Jahre 1977, das später in 2600 umbenannt wurde
Abbildung 2: Das ursprüngliche Atari VCS aus dem Jahre 1977, das später in 2600 umbenannt wurde

Es bestand aus einer Konsole im Holzdesign und ließ sich über ein Antennenkabel an jeden Fernseher anschließen. Im Gegensatz zu Videospielautomaten befanden sich die Spiele-ROMs auf auswechselbaren Steckmodulen, den „Cartridges“ (Abbildung 3). Nach dem Einschalten führte der Prozessor der Konsole den Inhalt der jeweils eingesteckten Cartridge aus – so konnten die Spiele unabhängig von der Hardware vertrieben werden.

Abbildung 3: So sahen die Module für das Atari 2600 aus: links Q*Bert (vgl. Abb. 6), rechts Pong alias Video Olympics
Abbildung 3: So sahen die Module für das Atari 2600 aus: links Q*Bert (vgl. Abb. 6), rechts Pong alias Video Olympics
Abbildung 4: Über diese Kontakte griff die Konsole auf die Software im Modul zu
Abbildung 4: Über diese Kontakte griff die Konsole auf die Software im Modul zu

Auch die Eingabe-Hardware ließ sich über zwei Buchsen auf der Rückseite austauschen: Zunächst waren Drehregler (etwa für Pong, vgl. Abb. 5) und Joysticks erhältlich, später folgte auch exotische Hardware wie eine Lichtpistole.

Abbildung 5: Die Drehregler (Paddles) des Atari 2600, die unter anderem zur Steuerung von Pong benötigt wurden
Abbildung 5: Die Drehregler (Paddles) des Atari 2600, die unter anderem zur Steuerung von Pong benötigt wurden

Zum Durchbruch der Videospielkonsole verhalfen in erster Linie Automatenumsetzungen wie Space Invaders (1978), Pac Man (1982), Pitfall (1982) oder Missile Command (1981). Atari entwickelte noch bis einschließlich 1989 mehrere Revisionen seiner mittlerweile in Atari 2600 umbenannten Konsole. Was ursprünglich im wuchtigen Holzdesign mit sechs Schaltern begann, endete schließlich beim 2600 Junior in einem kleinen, schwarzen Plastikgehäuse. Die Geräte der ersten Auflage (Abbildung 2) sind übrigens heute eine kleine Rarität.

2600-Emulatoren

Die Verwendung einheitlicher Hardware bedeutet für die Programmierer von Emulatoren eine erhebliche Arbeitserleichterung: Sie müssen nicht für etliche unterschiedliche Geräte den Aufbau erforschen. Unter Linux gibt es zwei Programme, die das Atari VCS fast perfekt nachbilden: Stella [5] und Virtual 2600 [6]. Beim Download sollten Sie darauf achten, die bereits kompilierte, also ausführbare Variante zu wählen (oft mit binary bezeichnet). Virtual 2600 benötigt die Bibliothek Athena. Bei den ROMs der Spielemodule gilt dasselbe wie bei den Automaten: Auch hier haben wieder Bastler entsprechende Lesegeräte entwickelt, mit denen Sie die Software auf den PC übertragen können. Eine erste gute Anlaufstelle für bereits eingelesene ROM-Dateien bildet wieder die Abteilung The Vault unter [3]. Die Steuerung eines Spiels erfolgt bei Stella über ausgewählte Buchstabentasten und die Maus (Paddle-Ersatz); bei Virtual 2600 über die Pfeiltasten. Die Funktionstasten [F1] bis [F8] simulieren die Schalter an der realen Konsole. Von links (F1) nach rechts (F8) sind dies: Wahl der Spielart (Select), Reset des Spiels (Neustart), Einschalten der Farb- und Schwarzweiß-Wiedergabe, Schwierigkeit Spieler 1 und Spieler 2. Es gibt Schwierigkeitsstufen A und B. Bei Virtual 2600 liegt Select auf [F3] und Reset auf [F2],[F4] wählt zwischen Farbe und Schwarz/Weiß. Die genaue Tastenbelegung kann jeweils der englischen Dokumentation entnommen werden. Insbesondere Stella liegt eine sehr gut gemachte PDF-Datei bei, die dazu noch ein wenig über die Geschichte des Atari 2600 informiert.

Abbildung 6: Q*Bert: Keiner flucht so schön wie der kleine orange Kerl
Abbildung 6: Q*Bert: Keiner flucht so schön wie der kleine orange Kerl
Abbildung 7: Frogger: Der kleine grüne Frosch am unteren Bildrand muss in eine der oberen Mulden gelenkt werden
Abbildung 7: Frogger: Der kleine grüne Frosch am unteren Bildrand muss in eine der oberen Mulden gelenkt werden
Abbildung 8: PacMan: Friss alle Punkte, hüte dich vor den Geistern; im Gegensatz zum Automatenvorbild war die Atari-2600-Version eine grafische Katastrophe
Abbildung 8: PacMan: Friss alle Punkte, hüte dich vor den Geistern; im Gegensatz zum Automatenvorbild war die Atari-2600-Version eine grafische Katastrophe
Abbildung 9: So sah die Atari 2600-Version von Pong aus, vgl. auch Abb. 1 des Automaten
Abbildung 9: So sah die Atari 2600-Version von Pong aus, vgl. auch Abb. 1 des Automaten
Abbildung 10: Space Invaders auf dem Atari 2600: Ballern, was das Zeug hält
Abbildung 10: Space Invaders auf dem Atari 2600: Ballern, was das Zeug hält

Start der Konsolen-Emulatoren

Der Start der hier vorgestellten Emulatoren für Konsolen erfolgt bei allen Programmen auf dieselbe Weise: Sofern der Emulator Ihrer Distribution beiliegt, sollten Sie ihn über den beiliegenden Paket-Manager installieren. Anderenfalls entpacken Sie das heruntergeladene Archiv in ein Verzeichnis Ihrer Wahl. Sofern sich die Spiele-ROMs in einem Archiv befinden, verfahren Sie mit diesen ebenso. Öffnen Sie nun ein Terminal-Fenster und wechseln Sie dort mit dem Befehl cd <Verzeichnisname> in das Verzeichnis mit den Emulator-Dateien. Schließen Sie den Befehl mit der Eingabetaste ab. Sie starten den Emulator, indem Sie den Namen des Programms, gefolgt vom Dateinamen des ROMs eingeben. Möchten Sie zum Beispiel mit dem Emulator stella das Spiel Pac Man spielen, das sich in der Datei pacman.bin in Ihrem Home-Verzeichnis befindet, so ist folgender Befehl notwendig: ./xstella ~/pacman.bin. Lag der Emulator Ihrer Distribution bei, können Sie xstella von jedem Verzeichnis aus aufrufen; die Zeichen ./ zu Beginn des Befehls lassen Sie dann weg.

Konkurrenz schläft nicht

Als verbesserter Nachfolger des 2600 brachte Atari noch die Modelle 5200 und 7800 auf den Markt. Beide kamen nicht an den Erfolg des Vorgängers heran. Für Linux existieren bislang keine erwähnenswerten Emulatoren für diese Modelle.

Atari war auf dem blühenden Videospielesektor nicht allein: Bereits 1975 brachte die Firma Coleco eine dem Heim-Pong ähnliche Konsole mit dem Namen Telstar auf den Markt. Nachdem einige Folgeprodukte zum Telstar scheiterten, veröffentlichte Coleco 1982 mit der ColecoVision einen direkten Konkurrenten zum Atari 2600. Die ColecoVision weist gegenüber der 2600 nicht nur bessere technische Daten auf, sie wurde sogar mit dem Spielhallenhit Donkey Kong ausgeliefert. Die Verkaufszahlen waren zunächst gut, 1983 versteifte sich Coleco jedoch auf sein Computerprojekt ADAM und ging kurze Zeit später damit baden. Mit ColEm existiert ein ColecoVision Emulator für Linux [7]. Er ist frei erhältlich, muss aber vor seinem Einsatz noch übersetzt werden (vgl. Kasten „Kompilieren“). Eine Liste aller Tastenbelegungen befindet sich in der beiliegenden ASCII-Dokumentation ColEm.doc.

Die Japan-Connection

1984 brach der Konsolenmarkt schlagartig zusammen. Die Schuld wird der mangelhaften Qualität der Spiele gegeben, die den Markt zu jenem Zeitpunkt überschwemmten. Die meisten Videospielehersteller gingen aus dieser Krise geschwächt heraus – nur ein Anbieter aus Japan lernte aus den Fehlern der Konkurrenz und wurde zu einem der Größten in seiner Branche: Nintendo. Das Unternehmen wurde bereits 1889 gegründet und stellte ursprünglich Spielkarten her. Mit der Zeit wagte man sich in die Gefilde der elektronischen Unterhaltung vor. Erfolgreiche Automaten wie Donkey Kong (1980) gingen auf Nintendos Konto. 1983 drang Nintendo mit dem Famicom (FAMIlien COMputer) in den damals noch äußerst lukrativen Heimbereich vor. Die in Japan vorgestellte Konsole verfügte über bessere technische Werte als das Atari 2600 und wurde in ihrem Heimatland zu einem großen Kassenerfolg. Von Anfang an schrieb man bei der Entwicklung von Spielen nicht nur Qualität groß, sondern ging auch neue Wege in der Lizenzpolitik: Neben Lizenzgebühren, die jeder externe Spielehersteller zu zahlen hatte, gab es eine genaue Überwachung aller Entwicklungen – sogar die Fertigung der Cartridges durfte von niemand anderem als Nintendo durchgeführt werden. Das Zusammenbrechen des Marktes 1984 brachte Nintendo dazu, auch auf andere Märkte – insbesondere den amerikanischen – zu expandieren. Um dort nicht gleich von Anfang an schlechte Karten zu haben, wandte man einen marketing-technischen Trick an: Man benannte das Famicom in Nintendo Entertainment System (NES) um und verpasste ihm ein seriöseres Äußeres. Das Image sollte weg vom Spiel, hin zum Entertainment. Zusammen mit der hohen Qualität, Werbefiguren wie Mario und der Lizenzpolitik ging diese Strategie in den folgenden Jahren mehr als auf: Nintendo wurde zu einem der größten Hersteller von Videospielkonsolen. 1991 folgte eine verbesserte Version mit dem Namen Super Nintendo Entertainment System (SNES). Obwohl NES-Spiele auf dem neuen System nicht weiter verwendet werden konnten, wurde auch diese Konsole zu einem Verkaufsschlager. Die Unterstützung für NES stellte Nintendo erst 1995 nach über zehn Jahren ein.

Für die beiden Nintendo-Konsolen existieren eine ganze Reihe Emulatoren. Unter Linux sind die interessantesten iNES für das NES (alias Famicom) [8], bzw. Snes9x [9] und ZSNES [10] für das SNES. Letzterer benötigt zum Start die SDL-Bibliothek [11]. iNES enthält übrigens eine ROM-Datei CART.NES, die einige Funktionen des NES testet bzw. simuliert. Die Tastenbelegung ist in der Hilfedatei erläutert: SELECT liegt auf der Tabulatortaste, die Eingabetaste dient zum Starten, mit den Pfeiltasten wird gesteuert, und die (Haupt-) Feuerknöpfe liegen auf der Leer-, bzw. [Strg]-Taste. ZSNES weicht von den anderen Emulatoren ab, da es nach dem Start eine komfortable Oberfläche bietet (Abbildung 11).

Abbildung 11: Der Super-Nintendo-Emulator ZSNES in Aktion
Abbildung 11: Der Super-Nintendo-Emulator ZSNES in Aktion

Die wichtigesten Menüpunkte sind dort GAME und CONFIG. Im ersten wählen Sie unter LOAD eine ROM-Datei aus, per RUN wird das Spiel gestartet. Unter CONFIG lässt sich die Tastaturbelegung einstellen. INPUT #1 bis #5 steht dabei jeweils für ein Eingabegerät. Im Spiel selbst gelangen Sie jederzeit per Druck auf Esc in das Menü zurück.

Der Rest der Welt

Für mobile Spieler entwickelte Nintendo den mittlerweile berühmten GameBoy. Obwohl seine Konkurrenz (Atari Lynx und Sega GameGear) über wesentlich bessere technische Werte verfügten (unter anderem Farbdisplays), verdrängte der GameBoy sie binnen kürzester Zeit. Erst viel später erschien eine Variante mit Farbdarstellung namens GameBoy Color. Zwei Emulatoren für den GameBoy sind Gnuboy [12] und Virtual GameBoy [13]. Ein ewig unterlegener Konkurrent von Nintendo im Bereich der Konsolen war Sega: Ihre Antwort auf das NES hörte auf den Namen Sega Master System (SMS). MasterGear [14] ist ein Emulator für dieses System und emuliert nebenbei auch den Sega GameGear. Ein weiterer Konkurrent war kurzzeitig NEC mit der PC Engine, in Amerika besser als TurboGrafx16 bekannt. Obwohl es die erste Konsole der Welt war, für die ein CD-ROM-Laufwerk erworben werden konnte, war ihr kein langer Erfolg vergönnt. Ein Emulator für diese Seltenheit ist Virtual PC Engine (VPCE) [15].

Alles durcheinander

Vielleicht sind Sie beim Einsatz von xmame bereits über den Emulator xmess gestolpert; dieser wird zusammen mit xmame ausgeliefert und macht da weiter, wo xmame aufhört: Ähnlich wie sein großer Bruder versucht xmess, alle Konsolen und Heim-Computer unter einem Dach zu emulieren, bislang allerdings mit nur mäßigen Ergebnissen. Wenn möglich, sollten Sie deshalb den hier vorgestellten, spezialisierten Emulatoren den Vorzug geben. Einen Blick wird xmess allerdings wert, wenn es zu der von Ihnen gesuchten Konsole keine Alternative gibt. Die Datei gamelist.mess listet alle von xmess emulierten Konsolen und Computer auf. Ein ähnliches Multitalent ist der Emulator DarcNES [16], der allerdings weniger Systeme kennt.

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