Aus LinuxUser 05/2002

DTP mit Scribus

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Desktop Publishing unter Linux? Scribus schickt sich an, eine Lösung für die Erstellung von Drucksachen auf der Pinguin-Plattform zu werden.

Bis vor Kurzem schien es, als sollte es kein Programm zur Herstellung hochwertiger Drucksachen für Linux geben. Adobe stellte vor einiger Zeit die Entwicklung von FrameMaker für das Pinguin-Betriebssystem ein, und auch von anderen Firmen war kein Interesse an einem DTP-Programm für diese Plattform zu erkennen. Seit etwa einem Jahr aber existiert Scribus, das seitdem in schnellen Schritten zu einem für einfache Layout-Aufgaben geeigneten Programm wurde: Die wichtigsten Funktionen zur Dokumentgestaltung stehen schon zur Verfügung, und das Programm läuft für nicht-professionelle Zwecke bereits ausreichend stabil.

Dem Artikel liegt die Entwicklerversion 0.5.7 zugrunde; wer Wert auf größere Stabilität legt, sollte Version 0.5.0 verwenden, die allerdings nicht alle im Folgenden erwähnten Funktionen besitzt. Zum Erscheinen dieses Hefts wird voraussichtlich die nächste stabile Version 0.6 fertig sein.

Installation

Scribus ist auf der Programm-Homepage [1] als Quelltext erhältlich. Kopieren Sie sich von dort oder von unserer Heft-CD die Datei scribus-0.5.7.tar.gz herunter, und entpacken Sie sie mit dem Befehl tar -xzvf scribus-0.5.7.tar.gz oder einem Programm wie ark. Zum Übersetzen benötigen Sie zudem Qt (selbstkompiliert oder inklusive des dev(el)-Pakets) in einer Version ab 2.2, jedoch nicht Qt 3.x. Haben Sie mehrere Qt-Versionen installiert, denken Sie bitte daran, die Variable QTDIR auf das richtige Qt-Verzeichnis zeigen zu lassen, üblicherweise mit

export QTDIR=/usr/lib/qt2

Wechseln Sie ins neu entstandene Verzeichnis scribus-0.5.7, und geben Sie in einer Konsole die Befehle ./configure und make ein, um das Programm zu übersetzen. Zur Installation werden Sie mit su zu root und rufen anschließend make install auf. Von nun an starten Sie Scribus durch den Befehl scribus & in einer Konsole.

Kasten 1: DTP

Unter Desktop Publishing versteht man das Herstellen von Publikationen am Schreibtisch. Anstatt das Dokument von verschiedenen Personen schreiben, gestalten und setzen zu lassen, kann ein Grafiker mit Hilfe eines DTP-Programms Texte und Grafiken in hoher Qualität zu einem Dokument zusammen setzen und für den Druck vorbereiten.

DTP-Programme erlauben das punktgenaue, typografisch korrekte Setzen von Schrift und die präzise Integration von Grafiken – Fähigkeiten, die normale Textverarbeitungsprogramme in der Regel nicht haben.

Wichtiger Bestandteil von DTP ist das WYSIWYG-Prinzip („What You See Is What You Get“), bei dem die Bildschirmdarstellung so weit wie möglich mit der Druckausgabe übereinstimmt. So sieht der Designer das Produkt am Bildschirm fast genauso, wie es später auf Papier aussieht.

Die Ausgabe von DTP-Dokumenten erfolgt auf verschiedenen Geräten, vom Laserdrucker bis zum Satzbelichter. In letzter Zeit ist PDF als universelles Format zur Produktion von Publikationen hinzugekommen. Dokumente im PDF-Format können sowohl am Bildschirm betrachtet als auch in hoher Qualität ausgedruckt werden.

DTP ermöglicht die kostengünstige Herstellung von Druckvorlagen von allen möglichen Dokumenten, angefangen von Speisekarten und Handzetteln bis hin zu Zeitschriften.

Kurzinterview: Franz Schmid

Franz Schmid, der Autor von Scribus, arbeitet als kaufmännischer Angestellter in einem Natursteinwerk in Eichstätt.

LU: Was war Deine Motivation, ein DTP-Programm für Linux zu entwickeln?

FS: Mit Computern aller Art beschäftige ich mich seit ca. 19–20 Jahren, zuerst mit diversen Homecomputern, dann Macintosh und jetzt Linux. Da ich auf dem Mac sehr gerne mit den diversen DTP-Programmen gearbeitet hatte, vermisste ich diese unter Linux doch sehr. Am nächsten dran ist StarOffice. Aber das läuft nicht auf allen Plattformen und ist meiner Meinung nach auch zu fett, wenn man mal nur kurz was machen will. Und die Alternative KWord war vor einem Jahr, als ich mit Scribus anfing, schlicht unbenutzbar. Also dachte ich mir, probier doch mal, ob man da nicht selber was auf die Beine stellen könnte. „Schuld“ ist also auch schlicht und einfach der Spaß am Programmieren.

LU: Welche Zielgruppe hast Du für Scribus im Auge?

FS: Sie reicht von ambitionierten Normalanwendern, die auch mal ein bisschen layouten wollen, bis zu Profis, die über den Gartenzaun schauen wollen, wie denn Linux aussieht.

LU: An welchen Vorbildern orientierst Du Dich, und wo willst Du mit Scribus hin?

FS: Mein erster Orientierungspunkt war QuarkXPress 3.32, mittlerweile versuche ich auch interessante und brauchbare Konzepte von Pagemaker und Indesign mit einzubauen. Endziel soll ungefähr die Funktionalität von Quark 4 sein, mit entsprechenden Modernisierungen natürlich.

LU: Wird es noch Funktionen wie Importfilter für Textverarbeitungen und automatisch erzeugte Inhaltsverzeichnisse geben? Wie sieht’s mit der Möglichkeit aus, mit Formatvorlagen-Tags vorausgezeichneten Text „einlaufen“ zu lassen, sodass er automatisch formatiert wird?

FS: Importfilter werden mit der Zeit auch noch kommen, sie sind allerdings ziemlich zeitaufwendig, besonders wenn es sich um Binärformate handelt. Solche Sachen wie automatisches Inhaltsverzeichnis werden hingegen mit Sicherheit in einer der nächsten Versionen eingebaut. Ich hab‘ da noch sehr viele Ideen, die der Realisierung harren. Wobei …, das mit den Formatierungstags, das ist eine interessante Idee, an die ich noch gar nicht gedacht habe.

LU: Projekte wie Gimp begründen die fehlende Farbseparation mit Patentproblemen. Wie kommt Scribus dann zu dieser Funktionalität?

FS: Die Farbseparation in Scribus ist im Prinzip primitiv: Es wird einfach für jede der vier Druckgrundfarben eine eigene Seite erstellt. Die Verfahrensweise hierfür ist im PostScript-Reference-Manual und im PDF-Reference-Manual dargestellt. Der Inhalt dieser Handbücher ist ausdrücklich für das Erstellen von Treibern bestimmt und veröffentlicht worden. Solch eine Separation wie in Scribus kann auch mit Gimp erstellt werden, nur schreibt Scribus das Ergebnis gleich in eine Datei. Patentproblematiken tauchen erst bei speziellen Farbtransferkurven und Sonderfarben (z. B. Pantone-Farben) auf.

LU: Woran arbeitest Du zur Zeit?

FS: Momentan arbeite ich daran, Scribus für die nächste Stable-Version 0.6 vorzubereiten, d. h., möglichst viele Bugs entfernen, alle eingebauten Features vollständig auszuprogrammieren und die Übersetzungen auf den neuesten Stand zu bringen.

LU: Kannst Du noch Hilfe gebrauchen, und falls ja, wobei?

FS: Hilfe kann ich immer gebrauchen, da ich der einzige Programmierer an dem Projekt bin. Es ist jede Art von Feedback willkommen. Kleiner Tipp für diejenigen, die in HTML und Web-Seiten-Bauen fit sind: Die Scribus-Homepage hätte eine deutsche Übersetzung nötig.

Die Fragen stellten Frank Wieduwilt und Patricia Jung.

Los geht’s

Nach dem ersten Start begrüßt Sie das Programm mit einem gähnend leeren Hauptfenster. Um eine neue Datei anzulegen, wählen Sie Datei / Neu… aus dem Menü oder klicken auf die Schaltfläche mit dem leeren Blatt in der Werkzeugleiste. Ein Dialog erscheint, in dem Sie die grundlegenden Eigenschaften des neuen Dokuments einstellen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Ein neues Dokument anlegen
Abbildung 1: Ein neues Dokument anlegen

Im Bereich Papierformat legen Sie die Seitengröße fest. Fünf Formate sind vordefiniert, über die Option Anderes kann die Benutzerin aber jedes beliebige Papierformat eingeben.

Unter Ränder bestimmen Sie die Seitenränder. Beachten Sie, dass Ränder in einem DTP-Programm mehr als Orientierungshilfe dienen: Alle Objekte lassen sich auch außerhalb platzieren. Wird die Option Doppelseiten ausgewählt, erzeugt Scribus automatisch linke und rechte Seiten, bei denen die linken und rechten Seitenränder gespiegelt werden.

Wählen Sie die Option Autom. Textrahmen, erzeugt das Programm Rahmen zur Aufnahme von Text, die genau innerhalb der Seitenränder liegen. Im Bereich Spalten legen Sie Anzahl und Abstand der Spalten fest. Nun wird für jede Spalte ein Textrahmen angelegt.

Die Seitenränder lassen sich jederzeit neu einstellen. Wählen Sie dazu Datei / Dokument einrichten… aus dem Menü. In dem jetzt erscheinenden Dialog legen Sie die Seitenränder neu fest (Abbildung 2).

Abbildung 2: Seitenränder einstellen
Abbildung 2: Seitenränder einstellen

Bedienung, bitte!

Scribus lässt sich vollständig mit der Maus bedienen. Alle Programmfunktionen erreichen Sie über das Menü oder über Werkzeugfenster. Die wichtigsten Tools zeigt Abbildung 3 neben dem Programmfenster. Sie sind unabhängig davon auf dem Bildschirm platzierbar und werden über das Menü Werkzeuge einzeln ein- und ausgeblendet. Auch über Kontextmenüs der einzelnen Layout-Objekte lassen sich die wichtigsten Programmfunktionen erreichen.

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