Aus LinuxUser 04/2001

Migration

bluescreend

Microsoft hat mit seinen Windows-Betriebssystemen eine Reihe von Standards gesetzt und einige Features über alle Versionen hinweg beibehalten, auf die Linux-Umsteiger nur ungerne verzichten. Besonders beliebt ist hier der „Blue Screen of Death“.

Umsteiger von Windows auf Linux beklagen häufig und teilweise zu Recht, dass liebgewonnene Features der Microsoft-Betriebssysteme nicht unter Linux zu finden sind – so ist etwa das Office-Paket von Microsoft nicht für Linux verfügbar und wird wohl auch nicht so bald in einer Linux-Version erscheinen.

Unter den meistgenutzten Anwendungen auf Windows-Plattformen rangiert aber – noch vor Office (Platz 2) – an der Spitze der Microsoft-Bluescreen. Bluescreen wird automatisch mit allen Windows-Versionen (ab Version 3.1) installiert, wobei sich das Aussehen unter der „DOS-Linie“ (Windows 3.1/95/98/Me) von der „NT-Linie“ (NT 3, 4, Windows 2000) unterscheidet. Die Funktionalität ist aber prinzipiell die gleiche: Um etwas mehr Leben in die häufig monotone Arbeit am Rechner zu bringen, präsentiert das Betriebssystem zu unvorhersehbaren Zeiten einen Warnhinweis der Form „Windows. A fatal exception has occurred in 0028:C564FD45 000743DA. Press any key to attempt to continue…“ Der empfohlene Druck einer Taste führt standardmäßig zu einer kurzen Wartezeit und folgender Wiederholung der Fehlermeldung, die schließlich zum Abschießen des „betroffenen“ Programmes führt, Datenverlust eingeschlossen. Die Blue-Screen-Autoren waren hier aber kreativ: Nicht immer wird das Programm beendet, manchmal ist auch ein normales Weiterarbeiten möglich.

Im „Jargon File“ (http://www.tuxedo.org/~esr/jargon/html/) ist der Blue Screen of Death wie folgt beschrieben:

Blue Screen of Death

[common] This term is closely related to the older Black Screen of Death but much more common (many non-hackers have picked it up). Due to the extreme fragility and bugginess of Microsoft Windows misbehaving applications can readily crash the OS (and the OS sometimes crashes itself spontaneously). The Blue Screen of Death, sometimes decorated with hex error codes, is what you get when this happens. (Commonly abbreviated BSOD.)

Hintergrundinformationen zu Microsofts Blue Screen liefert der Artikel „Inside the Blue Screen“, der im Windows 2000 Magazine unter http://www.winntmag.com/Articles/Index.cfm?IssueID=26&ArticleID=301 nachzulesen ist.

Blau ist langweilig

Früh beschwerten sich Anwender, dass der Windows-Blue-Screen mit seinem monotonen Blau im Widerspruch zur Individualität auf dem Desktop steht: Von der Schrift über das Hintergrundbild bis zu Klangsignalen lässt sich alles anpassen, nur der Blue Screen kommt immer gleich daher. Findige Programmierer haben daher ein Tool namens BSOD Properties entwickelt, das unter Windows 3.x/95/98/Me die Auswahl der Farbe ermöglicht (Abbildung 1.)

Abbildung 1: BSOD-Farbanpassung unter Windows
Abbildung 1: BSOD-Farbanpassung unter Windows

Aber auch in der Standard-Version ist der Blue Screen derart populär, dass er als Service sogar Flugreisenden an einigen Flughäfen angeboten wird (Abbildung 2, Bild von Alan Cox, Heathrow Airport).

Abbildung 2: Blue-Screen-Service am Flughafen Heathrow, Bild: Alan Cox
Abbildung 2: Blue-Screen-Service am Flughafen Heathrow, Bild: Alan Cox

Linux-Port

Ein derart wichtiges Tool ist natürlich eine „Killer-Applikation“ und kann potentiell Umsteigewillige vom Einsatz des alternativen Betriebssystems Linux abhalten. Hier möchte die LinuxUser-Redaktion ein deutliches Signal setzen, und mit der ersten Release der von uns entwickelten Software bluescreen 0.1 (unter GPL) hoffen wir, mehr Windows-Anhänger zum Systemwechsel bewegen zu können. Die Programm-Sourcen finden Sie wie üblich auf der Heft-CD.

Bei der Installation des Linux-Blue-Screen-Ports (die vom Systemadministrator root durchgeführt werden muss), wird ein neuer Eintrag in der systemweiten (stündlichen) Crontab im Verzeichnis /etc/cron.hourly/ angelegt. Cron startet nun zu jeder vollen Stunde den bluescreenhelper, und dieser ermittelt zufallsgesteuert, ob es Zeit für einen Blue Screen Event ist oder nicht. Die Häufigkeit lässt sich über die Konfigurationsdatei /etc/bluescreen.conf beeinflussen: Setzen Sie hier einfach den Wert

BLUESCREENCHANCE=65

höher oder niedriger, um die Häufigkeit des Auftretens zu variieren: Möglich sind Werte zwischen 0 und 100, wobei 0 den Bluescreen deaktiviert; bei einem Wert von 100 erscheint der Bluescreen zu jeder vollen Stunde, was allerdings nicht ratsam ist, da der Überraschungseffekt so verschwindet.

In der Standard-Konfiguration emuliert bluescreend nicht alle Features des Vorbilds – zwar wird der Blue Screen bildschirmfüllend angezeigt und blockiert vorübergehend das weitere Arbeiten (Abbildung 3), durch Druck der Taste [q] wird das Tool jedoch beendet. Wer hier echte Zerstörung wünscht, fügt einfach einen Befehl der Form killall -9 netscape oder gar init 0 (Runterfahren des Systems) ein.

Abbildung 3: Erste Version des auf Linux portierten Blue Screens
Abbildung 3: Erste Version des auf Linux portierten Blue Screens

Mehr Funktionen

Die volle Leistungsfähigkeit von bluescreend erhalten Sie nur, wenn Sie das Programm aus den Sourcen übersetzen. Der Ablauf ist dabei nach dem Auspacken der Programmquellen der übliche Dreischritt

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