Aus EasyLinux 04/2014

Alte Games auf neuer Hardware

© Alex Kalmbach, 123RF

Gelungenes Comeback

Schwelgen Sie mit uns in Erinnerungen – mit den vorgestellten Software-Emulatoren spielen Sie alte Klassiker unter modernen Linux-Distributionen. Wir stellen ein paar Programme vor, die Computer von anno dazumal nachahmen.

Vor vielen, vielen Jahren scheuchten Anwender einen Klempner namens Mario durch eine pixelige, grüne Landschaft, schossen sich in 2-D-Welten durch Horden von Monstern und versuchten, alle gelben Punkte zu fressen, bevor das Gespenst um die Ecke kam. Die alte Software aus dem vorherigen Jahrhundert läuft nicht mehr unter modernen Linux-Distributionen, und die einstigen Computer und Videospielkonsolen sind zudem meist defekt, verkauft oder gar entsorgt. Glücklicherweise gibt es Emulatoren, welche die alte Hardware so perfekt nachahmen, dass sie sogar die Originalspiele starten. Wir stellen Programme vor, die alte Automaten, Heimcomputer und Spielekonsolen simulieren – einer kleinen Zeitreise steht somit nichts mehr im Weg.

Anschluss gesucht

Zunächst müssen Sie die alten Programme, Spiele und Dokumente irgendwie auf Ihren aktuellen Computer bringen. Für die bis Mitte der 1990er-Jahre eingesetzten Disketten finden Sie vereinzelt im Handel oder auf Flohmärkten passende Laufwerke. Moderne Rechner bieten allerdings keine Anschlüsse mehr dafür. Zudem verwenden die alten Systeme eigene Speicherformate. Eine mit dem Commodore 64 bespielte Diskette kann ein PC-Laufwerk daher nicht lesen. Etwas besser sieht es mit der PlayStation aus: Bereits die erste Ausgabe von 1994 enthielt ein CD-Laufwerk, und passende Spiele erhalten Sie günstig auf Flohmärkten oder bei Ebay. Videospielkonsolen und Handhelds wie der Game Boy von Nintendo nutzen individuelle Steckmodule, und die Inhalte wandern nur mit speziellen, selbst gebastelten Lesegeräten auf den PC.

Wenn Sie einen Computer emulieren möchten, benötigen Sie außerdem das passende Betriebssystem. In den meisten Heimcomputern aus den 1980er-Jahren war diese Software fest im Gerät verbaut. Ein Paradebeispiel ist wieder der Commodore 64. Auch hier hilft häufig nur das manuelle Auslesen, notfalls mit Spezialhardware. Einige Liebhaber der alten Kisten haben sich dieser Aufgabe angenommen und veröffentlichen ihre Ergebnisse im Internet. Die Betriebssysteme, Programme und Spiele sind jedoch nach wie vor urheberrechtlich geschützt. Auch wenn die Geräte nicht mehr im Handel erhältlich sind, sind viele Angebote im Internet daher illegal.

Es gibt allerdings Ausnahmen. So bietet beispielsweise die britische Firma Revolution Software Ltd. [1] ihr Point-and-Click-Spiel Lure of the Temptress kostenlos über GOG.com an [2]. Auf dieser Verkaufsplattform können Sie auch andere Computerspiele für wenig Geld erwerben. Ein paar kostenlose Adventures finden Sie außerdem beim ScummVM-Projekt (siehe Kasten Sonderfall ScummVM), darunter auch Beneath a Steel Sky, einen weiteren Revolution-Klassiker [3].

Sonderfall ScummVM

Adventure-Freunde kommen um ScummVM [4] nicht herum. Das Projekt fasst zahlreiche nachgebaute Spiel-Engines unter einer grafischen Benutzeroberfläche zusammen. Das Programm simuliert keinen kompletten Computer, ist also weder ein Emulator noch eine Laufzeitumgebung. Vielmehr handelt es sich um einen Interpreter, der auf die Originalressourcen der Spiele, also Bilder, Animationen, Sounds und Filme, zugreift. Sie benötigen folglich eine Kopie des Adventures. Welche Spiele ScummVM starten kann, verrät eine Liste auf der Webseite [5]. Sie enthält fast alle LucasArts- sowie die meisten Sierra-Adventures.

Während Sie ScummVM unter OpenSuse über den Paketmanager installieren, laden Sie als (K)Ubuntu-Anwender ein Paket vom ScummVM-Projekt [6] herunter und spielen es über die Muon-Paketverwaltung oder das Software Center ein. Zum Starten geben Sie scummvm in ein Terminal- oder Schnellstartfenster ([Alt]+[F2]) ein. Im Hauptmenü (Abbildung 1) klicken Sie auf Spiel hinzufügen und wählen dann das Verzeichnis mit dem Spiel aus. ScummVM erkennt das Adventure automatisch und bietet passende Einstellungen an, die Sie mit OK akzeptieren. Jetzt können Sie das Spiel starten. Über [Strg]+[F5] kommen Sie jederzeit ins Hauptmenü zurück.

Abbildung 1: Streng genommen ist ScummVM kein Emulator, sondern ein Interpreter, der die Originalressourcen der Spiele auswertet.
Abbildung 1: Streng genommen ist ScummVM kein Emulator, sondern ein Interpreter, der die Originalressourcen der Spiele auswertet.

Angezapft

Die in den folgenden Abschnitten vorgestellten Emulatoren finden Sie alle in den Softwarequellen Ihrer Distribution. Unter (K)Ubuntu verwenden Sie zur Installation die Programmverwaltung Muon Discover bzw. das Software Center, unter OpenSuse YaST. Suchen Sie jeweils nach dem Namen des gewünschten Emulators und spielen Sie ihn ein. Wenn Sie (K)Ubuntu einsetzen, sollten Sie sicherstellen, dass die Paketquelle universe freigeschaltet ist; einige der Emulatoren befinden sich in diesem Repository. OpenSuse-Anwender müssen zuvor zwei weitere Paketquellen aktivieren:

  1. Öffnen Sie das Startmenü, wählen Sie Rechner / Software installieren/entfernen und klicken Sie im Menü Konfiguration auf Repositories.
  2. Betätigen Sie die Schaltfläche Hinzufügen, markieren Sie Community/Gemeinschafts-Repositories und klicken Sie auf Weiter. Setzen Sie dann ein Häkchen bei Packman Repository und bestätigen Sie alles mit OK. Der Quelle können Sie vertrauen.
  3. Klicken Sie erneut auf Hinzufügen, markieren Sie URL angeben und gehen Sie weiter. Tragen Sie ins Feld URL die Adresse http://download.opensuse.org/repositories/Emulators/openSUSE_13.1 ein. Für OpenSuse 12.3 heißt die URL entsprechend http://download.opensuse.org/repositories/Emulators/openSUSE_12.3/.
  4. Klicken Sie erneut auf Weiter. Auch dieser Quelle können Sie vertrauen. Ein Klick auf OK bringt Sie zurück zur Paketauswahl.

Alle Programme nisten sich bei Kubuntu normalerweise im Startmenü in der Abteilung Spiele oder einem der Untermenüs ein. OpenSuse versteckt sie vorzugsweise unter System / Emulator. Unter Ubuntu verwenden Sie zum Öffnen die Suchfunktion im Unity-Dash und tippen die ersten Buchstaben des Programmnamens ein.

Dosenfutter

DOSBox [7] hat sich auf den Start alter MS-DOS-Programme spezialisiert und bildet dazu auch die alte Hardware nach. In der Voreinstellung spricht die über den Paketmanager installierte Version nur Englisch und verwendet auch die amerikanische Tastaturbelegung: [Z] und [Y] sind vertauscht, den Doppelpunkt erzeugt [Umschalt]+[Ö], und der Backslash (\) liegt auf [#]. Es ist allerdings leicht, dem Emulator Deutsch beizubringen:

  1. Öffnen Sie den Downloadbereich der Projekthomepage, blättern Sie bis zur Abteilung Translations (Übersetzungen) und klicken Sie die Datei German languagefile+Readme an.
  2. Öffnen Sie die Datei DOSBox-german-lang-0.74.zip mit dem Archivmanager, markieren Sie die beiden Dateien dosbox-0.74.conf und german-0.74.lang und klicken Sie auf Entpacken.
  3. Im folgenden Dateiauswahldialog drücken Sie [Strg]+[H], um versteckte Dateien und Verzeichnisse einzublenden, und wählen das Verzeichnis .dosbox in Ihrem Home-Verzeichnis als Zielort. Die Frage, ob Sie die dort liegende Datei dosbox-0.74.conf überschreiben wollen, können Sie beruhigt bestätigen.
  4. Öffnen Sie die Datei dosbox-0.74.conf mit einem Texteditor Ihrer Wahl, z. B. mit Kate, KWrite oder GEdit, und suchen Sie nach dieser Zeile:

    keyboardlayout=auto
    

    Ersetzen Sie auto durch gr, um eine deutsche Sprachbelegung einzurichten, speichern Sie die Datei und schließen Sie den Editor.

Wenn Sie DOSBox jetzt starten, sehen Sie das Fenster aus Abbildung 2. In der Voreinstellung dient Z: als Basislaufwerk. Das Kommando help listet die erlaubten Befehle auf, intro zeigt eine kleine Einführung. Um ein Spiel zu starten, binden Sie zunächst das Verzeichnis mit den enthaltenen Daten ein; dazu tippen Sie im DOSBox-Fenster:

mount c /home/tim/spiel

Dabei ersetzen Sie /home/tim/spiel durch das Verzeichnis, in dem sich das Programm befindet. Nach einem Druck auf die Eingabetaste finden Sie den Inhalt des Verzeichnisses auf Laufwerk C: wieder. Wechseln Sie mit c:, gefolgt von [Eingabe] dorthin. Tippen Sie dir, um den Inhalt des Verzeichnisses aufzulisten, und starten Sie Ihre Anwendung, indem Sie den Namen der Datei mit der Endung .EXE eintippen. Liegt also im Spieleverzeichnis etwa eine Datei namens S2.EXE (The Settlers II, Gold Edition [8]), geben Sie s2 ein und drücken die Eingabetaste. Im DOSBox-Fenster startet nun das Spiel (Abbildung 3). Um DOSBox zu beenden, schließen Sie zunächst das Spiel und geben am Prompt dann exit ein.

Abbildung 2: DOSBox ist ein DOS-Emulator und bildet die Umgebung alter PCs inklusive der passenden PC-Hardware nach.
Abbildung 2: DOSBox ist ein DOS-Emulator und bildet die Umgebung alter PCs inklusive der passenden PC-Hardware nach.
Abbildung 3: Das Strategiespiel Siedler von Blue Byte läuft auch in DOSBox (hier unter Ubuntu).
Abbildung 3: Das Strategiespiel Siedler von Blue Byte läuft auch in DOSBox (hier unter Ubuntu).

Die DOSBox-Entwickler veröffentlichen auf ihrer Homepage eine Liste der unterstützten Spiele [9]. Ein Klick auf einen Programmnamen führt Sie zu weiteren Tipps von DOSBox-Anwendern. Wer gut Englisch spricht, findet im DOSBox-Wiki [10] zahlreiche Anleitungen.

PlayStation und SNES

Die erste Sony PlayStation emulieren Sie auf dem Linux-Desktop mit dem Emulator PCSX-Reloaded [11]. Unter OpenSuse und (K)Ubuntu suchen Sie im Paketmanager nach pcsxr, starten das Programm aber später über pcsx (Abbildung 4). Legen Sie die CD mit dem Spiel ins Laufwerk ein und wählen Sie dann aus dem Menü File / Run CD. Alternativ öffnet der Emulator auch ISO-Images und EXE-Dateien. Besitzt Ihr Rechner mehrere Laufwerke, richten Sie diese vorher über Configuration / CD-ROM ein und nutzen dazu im Dialog das Drop-down-Menü am oberen Rand. Im Menü Configuration finden Sie außerdem Dialoge, um die Steuerung der Spiele (Controllers), der Grafik- (Graphics) und Soundkarte (Sound) usw. einzustellen.

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDFUmfang: 7 HeftseitenPreis €0,99
(inkl. 19% MwSt.)
KAUFEN
EasyLinux 04/2014 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS
Deutschland

Hinterlasse einen Kommentar

  E-Mail Benachrichtigung  
Benachrichtige mich zu: