Aus EasyLinux 03/2012

Linux Mint 13

Klassisches Gnome

Rund einen Monat nach Ubuntu 12.04 ist Linux Mint 13 erschienen, das auf der aktuellen Ubuntu-Version basiert. Es verspricht einen Gnome-Desktop nach alter Bauart und hinterlässt einen guten Eindruck.

Windows- und Linux-Benutzer haben manchmal mehr gemeinsam, als ihnen lieb ist. So betrachten passionierte Windows-User im Augenblick sehr misstrauisch Microsofts Pläne, die bekannte Oberfläche in Windows 8 durch einen komplett neuen Desktop mit Kacheloberfläche zu ersetzen. Weil der Desktop die zentrale Schnittstelle zwischen Benutzer und System ist, wirken sich radikale Änderungen hier entsprechend stark aus – gewohnte Funktionen sind woanders oder fehlen ganz, insgesamt ist einiges an Eingewöhnung notwendig, für die im Stress des Alltags selten Zeit ist.

Was den Windows-Benutzern noch bevorsteht, haben Gnome-Anwender schon hinter sich: Gnome 3 war keine Weiterentwicklung der Vorgängerversion, sondern ein kompletter Neuentwurf, und das Ergebnis hat mit Gnome 2 bloß noch entfernt zu tun. Wichtige Bedienelemente wie die Task- und Startleisten fehlen, andere Funktionen wie die Gnome-Shell sind neu und zweifellos sehr effizient – wenn man den Umgang mit ihnen beherrscht. Ubuntu-Anwender hat es noch schlimmer erwischt: Weil Mark Shuttleworth sich mit Gnome 3 partout nicht anfreunden wollte, schuf Ubuntu den Unity-Desktop, den viele Anwender nur für Netbooks und andere Geräte mit kleinem Display geeignet halten.

Linux Mint hilft

Aber welche Distribution sollen sich verprellte Gnome-2-Fans anschauen? Das alte Gnome wird nicht mehr weiter entwickelt. Darum findet sich Gnome 2 auch bei keiner aktuellen Distribution mehr. Die Entwickler von Linux Mint hat dieser Zustand offensichtlich so aufgeregt, dass sie einen eigenen Gnome-2-Fork gestartet haben.

Ursprünglich hatte Linux Mint ein anders Ziel: Das System trat anfangs mit dem Ziel an, Benutzern ein Ubuntu-System anzubieten, das um verschiedene Multimedia-Komponenten erweitert war. Verschiedene Video- und Audio-Codecs lieferte Mint ab Werk mit, während unter Ubuntu viel Handarbeit notwendig war, um Musik und Videos wiederzugeben. Die Mint-Version 13, welche die Entwickler Anfang Juni freigaben, enthält noch immer das volle Multimedia-Paket, aber sie bietet im Vergleich zu Ubuntu 12.04 („Precise Pangolin“) ein weiteres Plus: Gleich zwei Desktop-Umgebungen buhlen um die Gunst der ehemaligen Gnome-2-Nutzer. Der Erfolg gibt der Distribution recht; auf der Website DistroWatch [3], die einen Überblick über aktuelle Linux-Systeme bietet, ist die Mint-Seite mittlerweile die am häufigsten angesehene. Taugt Mint also tatsächlich als neue Heimat für Anwender mit Gnome-3-Allergie? Dieser Test beantwortet die wichtigsten Fragen.

Zwei Versionen

Mint basiert auf Ubuntu 12.04 und stellt Benutzer schon bei der Installation vor die Wahl, ob sie lieber ein aufgepepptes Gnome 2 verwenden wollen (der Desktop heißt dann „Mate“) oder ob es ein Gnome 3 sein soll, das auf Gnome 2 gebürstet ist („Cinnamon“). Für beide Varianten gibt es separate ISO-Images; die Cinnamon-Version finden Sie auf der Heft-DVD. Beide Images sind zu groß, um auf eine einzelne CD zu passen, so dass ein DVD-Rohling Voraussetzung ist. Wieso die Mint-Entwickler nicht ein großes Image anbieten, das beide Desktops enthält und den Nutzern bei der Installation die Wahl lässt, ist unverständlich.

Neben den vollständigen Mint-Images stehen auf der Download-Seite des Projekts [1] noch Images zur Verfügung, denen die kommerziellen Codecs fehlen; diese sind vorrangig für Länder gedacht, in denen das Verteilen von patentierter Software verboten ist. Diese Images sind etwas kleiner. Praktisch: Wer Mint über eine solche CD installiert, kann im fertigen System die fehlenden Codecs per Mausklick nachinstallieren.

Installation der Mate-Edition

Den Einstieg im Test macht die Version mit Mate-Desktop. Streng genommen ist Mate ein eigenständiges Projekt, das aber von den Mint-Entwicklern mit angestoßen wurde. Der Desktop besteht aus den alten Komponenten von Gnome 2, die für einen schonenden Umgang mit Rechnerressourcen auf die Version 3 der Grafikbibliothek Gtk portiert wurden. Linux Mint 13 liegt Mate in der aktuellen Version 1.2 bei. Wer sich beim Namen der Umgebung an das Hacker-Getränk Club Mate erinnert fühlt, liegt übrigens richtig, denn es diente dem Desktop als Namensgeber.

Mint kommt ohne eine separate Installations-CD aus. Stattdessen startet nach dem Booten von der CD ein Live-System. Auf dem Desktop findet sich dann ein Icon, über das die Installation des Systems auf die lokale Festplatte zu erreichen ist. Der Installer gibt sich modern und betont unkompliziert; wer auf einem sauberen System zur Tat schreitet und Mint die gesamte Festplatte zuweist, klickt einfach in jedem Dialog auf Weiter und hat nach ein paar Minuten ein fix und fertig installiertes System (Abbildung 1). Während der Installation fragt das Programm nur die üblichen Informationen zu Spracheinstellungen und Tastaturlayout ab; nebenbei legen Sie noch einen Benutzerzugang an, den Sie für den Login am frisch installierten System benötigen. Wollen Sie Mate zusammen mit einem anderen Betriebssystem auf dem Rechner betreiben, bietet Ihnen ein leicht zu bedienender Partitionseditor die notwendigen Funktionen. Nach einem abschließenden Rechnerneustart startet Mint von der Festplatte und sieht dem Live-System sehr ähnlich.

Abbildung 1: Der Linux Mint Installer stellt nicht viele Fragen – die Info, welche Sprache und welches Tastaturlayout zum Einsatz kommen, genügt ihm.
Abbildung 1: Der Linux Mint Installer stellt nicht viele Fragen – die Info, welche Sprache und welches Tastaturlayout zum Einsatz kommen, genügt ihm.

Der Mate-Desktop entspricht in Aufbau und Funktion im Wesentlichen dem, was Gnome-2-Benutzer gewohnt sind: Die Oberfläche nutzt die klassische Aufteilung in Startleiste und Taskbar am unteren Bildschirmrand; lediglich das Desktopmenü unterscheidet sich vom klassischen Gnome-Menü, denn anstelle des normalen Menüs finden Sie in der Mate-Edition von Mint ein umfassenderes Menü, das optisch an das Startmenü von Windows 7 angelehnt ist (Abbildung 2). Auf der ersten Menüebene finden sich dabei lediglich Einträge für die meistgenutzten Programme, während die anderen Menüebenen den Zugriff auf alle Einträge erlauben. Das Standard-Theme des Menüs und des gesamten Desktops kann Anleihen an Mac OS nicht verbergen; es finden sich auffallend viele Oberflächen im „Brushed Metal Look“ von Mac OS.

Abbildung 2: Auffällig am Mate-Desktop ist das stark veränderte Start-Menü, das sich in Form und Struktur der Windows-7-Version annähert.
Abbildung 2: Auffällig am Mate-Desktop ist das stark veränderte Start-Menü, das sich in Form und Struktur der Windows-7-Version annähert.

Sprachliches Wirrwarr

In Sachen Performance gibt sich der Mate-Desktop genügsam; die Portierung auf die Gtk-3-Bibliothek führt nicht dazu, dass der Desktop auf langsamen Rechnern lahmt. Im direkten Vergleich mit Unity unter Ubuntu 12.04 ist Mate subjektiv sogar etwas flinker. Insgesamt verrichtet Mate sein Werk zuverlässig und unspektakulär, dennoch gibt es einen Anlass zur Kritik: Obwohl im Test als Spracheinstellung Deutsch vorgegeben war, war der Desktop nach der Installation nicht vollständig ins Deutsche übersetzt. Der Mausklick auf Language Support im Kontrollzentrum führte zur Erkenntnis, dass diverse Pakete mit deutschen Sprachdateien fehlten. Die Installation der fehlenden Pakete wickelte das Kontrollzentrum zwar automatisch ab, aber selbst danach fanden sich in diversen Programmen noch englischsprachige Menüeinträge. Hier gibt es also Nachholbedarf. Daneben kämpft Mate mit einem weiteren Problem: Die Projektentwickler haben noch nicht alle Gnome-2-Komponenten auf die neue Grafikbibliothek portiert, so dass einige Anwendungen aus Gnome 2 für Mate noch nicht zur Verfügung stehen.

Desktop-Alternative: Cinnamon

Die zweite Variante, in der es Mint gibt, nutzt statt Mate den Cinnamon-Desktop. Auch dieser ist eine Eigenentwicklung: Er basiert nicht auf Gnome 2, sondern auf Version 3, verfolgt aber eigentlich genau die gleichen Ziele, die auch Mate hat. Wer Gnome 2 mochte, soll sich auf der Cinnamon-Oberfläche heimisch fühlen. Die Entwickler von Cinnamon, das wie Mate ein eigenes Projekt ist, haben dazu vor einigen Monaten den Gnome-Quelltext genommen und darauf basierend eine eigene Weiterentwicklung gestartet: Mate ist also ein Fork von Gnome 3. Er bietet eine echte Menüleiste mit Task-Switcher und Startmenü (Abbildung 3).

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