Aus EasyLinux 04/2009

Spiele für das freie Betriebssystem (Seite 63)

Spielen unter Linux – ein Trauerspiel? Das kommt auf die Perspektive an. Die Gruppe der „Power-Gamer“, die den heimischen PC fast ausschließlich als Spielekonsole nutzen, werden mit Linux nicht glücklich, das ist richtig. Für alle anderen hat Linux auch beim Spaßfaktor einiges zu bieten.

Die neusten Spiele, welche die Hersteller auch in Zeitschriften und im Internet bewerben, gibt es für diverse Spielekonsolen, wie Playstation, Wii oder Xbox. Daneben findet sich häufig auch eine PC-Version, die für den Einsatz unter Windows gedacht ist (Abbildung 1). Linux-Anwender (und auch Benutzer des an Popularität gewinnenden Mac OS X) bleiben hier meist außen vor, weil die großen Spielehersteller diese alternativen Märkte als zu unbedeutend empfinden, um den Aufwand einer Portierung zu betreiben. Dass es Linux in allerlei Distributionen mit verschiedenen Paketformaten und abweichenden Bibliotheksausstattungen gibt, verbessert die Lage auch nicht unbedingt.

Abbildung 1: "PC-DVD"? Die richtige Bezeichnung sollte wohl "Windows-DVD" sein, denn auf einem PC mit Linux läuft dieses Spiel nicht.
Abbildung 1: „PC-DVD“? Die richtige Bezeichnung sollte wohl „Windows-DVD“ sein, denn auf einem PC mit Linux läuft dieses Spiel nicht.

Wer die neusten Spiele auf dem Markt sofort (auf einem PC) verwenden will, kommt darum an einer Windows-Installation nicht vorbei. Die meisten Fertig-PCs bringen das Microsoft-System eh mit, und eine Parallelinstallation von Windows und Linux ist völlig unproblematisch, können doch heute die Installationsroutinen aller großen Linux-Distributionen mühelos eine bestehende Windows-Partition verlustfrei kleiner machen und einen Bootmanager einrichten, der beim Rechnerstart die Wahl zwischen den beiden Betriebssystemen lässt. Für das gelegentliche Spiel hin und her zu booten, ist zwar umständlich, aber machbar.

Wer seinen Linux-PC nicht herunterfahren mag, um Windows zu booten, hat immer noch diverse Möglichkeiten:

  • Portierungen: Einige kleinere Software-Schmieden haben sich darauf spezialisiert, erfolgreiche (Windows-)Computerspiele auf die Linux-Plattform zu portieren. In einigen Fällen entsteht so echter („nativer“) Linux-Code, in anderen Fällen nutzen die Entwickler die Bibliotheken des Windows-Emulator-Projekts Wine [1], um eine Mischung auf Linux- und Windows-Code zu erzeugen. Wichtig ist nur das Endergebnis: Das Spiel läuft unter Linux. Einige portierte Spiele haben wir in den letzten EasyLinux-Ausgaben für Sie getestet, darunter Ankh [2], Jack Keane [3] und in dieser Ausgabe Sacred Gold (ab Seite 96). Auch unsere Schwesterzeitschrift LinuxUser [4] stellt gelegentlich Spiele vor.
  • Windows-Spiele im Emulator: Über Emulation schreiben wir in EasyLinux häufig, meist geht es dabei aber darum, klassische Anwendungen (und nicht Spiele) für Windows unter Linux zum Laufen zu bringen. Die Zusammenfassung: Es gibt zwei Wege, die Emulation eines kompletten Rechners, auf dem dann ein vollständiges Windows installiert wird (VMware Workstation, Parallels, VirtualBox), und die Emulation der Windows-Ausführungsumgebung (Wine). Für Spiele ohne exzessive Anforderungen an die 3D-Performance taugt die PC-Emulation (auch Virtualisierung genannt) prima, während Spiele, welche die neuste DirectX-Bibliothek von Microsoft benötigen, auf diese Weise nicht laufen werden. Wine ist ein tolles Stück Technologie und zudem freie Software, aber was hilft’s: Die Kompatibilitätsliste ist schon allgemein recht überschaubar und im Spieleumfeld sehr kurz. Mit Cedega und CrossOver Games stehen aber zwei kommerzielle aufgebohrte Wine-Versionen zur Verfügung, die ungleich mehr Windows-Spielen unter Linux Leben einhauchen. Beide Emulatoren haben wir zuletzt in Ausgabe 02/2009 vorgestellt [5], ein Update zur neuen CrossOver-Version 8 gibt’s in dieser Ausgabe ab Seite 102.
  • Freie Spiele: Auch im Open-Source-Bereich tun sich viele Projekte durch interessante Spielideen und gute technische Umsetzungen hervor. Vom Flugsimulator [6] über Autorennen [7] (Abbildung 2), Strategie- und Aufbauspiele (z. B. [8]) bis zu First-Person-Shootern [9] ist hier alles dabei – kleinere Spiele für zwischendurch (wie verschiedene Brett- und Logikspiele) gibt es auch massenhaft. Mit aktuellen Profispielen für 50 Euro, die hochkomplexe Spielewelten und eine kaum überschaubare Anzahl an Non-Playing-Characters erschaffen, können die freien Spiele allerdings meist nicht mithalten, so dass sie für den Profi-Gamer keine Alternative darstellen; insbesondere dann nicht, wenn er oder sie in Spielerligen organisiert ist.
Abbildung 2: Autorennen unter Linux? Kein Problem, das gibt es sogar gratis.
Abbildung 2: Autorennen unter Linux? Kein Problem, das gibt es sogar gratis.

Realistisch bleiben

EasyLinux hat schon immer den Ansatz vertreten, sich aus allen Welten das Beste zu ziehen. Darum sollte es Sie nicht verwirren, wenn wir in diesem Artikel schreiben: Ja, Windows ist eine klasse Spieleplattform. Kommt ein Windows-Spiel ohne Netzwerkzugriffe aus, sollten Sie für die Spiele-Sessions den Internetzugang unterbinden. Geht es nicht ohne Netz, sind topaktuelle Virenscanner und eine Firewall Pflicht. Bei Spielen aus offiziellen Quellen sollten sich die mit dem Windows-Einsatz verbundenen Sicherheitsrisiken unter Kontrolle halten lassen.

Übersichten von Linux-Spielen finden Sie im Internet z. B. bei Pro-Linux [10] und Holarse Linux-Gaming [11], darüber hinaus sind die Kompatibilitätsseiten von den Emulatoranbietern Cedega [12] und CrossOver [13] interessant.

Marktmacht demonstrieren

Nichts desto trotz: Wenn Sie ein begehrtes Spiel als Linux-Version entdecken, dann entscheiden Sie sich beim Kauf doch für diese Variante und unterstützen Sie damit die Linux-begeisterten Entwickler, die als Angestellte der Spielehersteller nur zu gerne an Linux-Ports arbeiten würden, es aber bisher nicht können. Nur ein steigender Marktanteil – nicht an Linux-Maschinen allgemein, sondern an verkauften Linux-Spielen – kann langfristig die Situation verbessern. Generell ist es möglich, Hersteller zu überzeugen; betrachten Sie als Beispiel den Adobe Reader (ehemals Acrobat Reader) für PDF-Dateien: Den gab es lange Zeit nur in veralteten Versionen für Linux, heute erscheinen neue Releases zeitgleich für Windows und Linux.

Eine Veränderung wird es hier nicht von heute auf morgen geben, aber sie kann kommen. Bis dahin gehen Sie pragmatisch einen der beschriebenen Wege, auch wenn es bedeutet, ab und zu Windows zu booten.

Spiele in dieser Ausgabe

Auf den folgenden Seiten stellen wir Ihnen zunächst Sacred Gold vor. In der Fantasy-Welt können Sie verschiedene Rollen (u. a. Zwerg, Dämon, Gladiator, Elf, Kampfmagier und Vampir) übernehmen und eine Reihe spannender Quests absolvieren. Etwas ganz anderes ist das Spiel World of Goo (Test ab Seite 100), bei dem Sie kleine klebrige „Goos“ zu gewagten Konstruktionen zusammensetzen, um bestimmte Ziele zu erreichen.

Kein Spiel, aber ein Helfer beim Einsatz von Windows-Spielen ist CrossOver 8, das wir ab Seite 102 unter die Lupe nehmen.

Wie hieß es in frühen Suse-Linux-Versionen immer? „Have a lot of fun“ – auch wir wünschen Ihnen viel Spaß.

Infos

[1] Wine: http://www.winehq.org/

[2] Testbericht Ankh: René Gäbler, „Verrückt in Ägypten“, EasyLinux 02/2008, S. 128 ff., http://www.linux-community.de/artikel/15329

[3] Testbericht Jack Keane: René Gäbler, „Vom Robinson zum Sherlock Holmes“, EasyLinux 01/2009, S. 108 ff., http://www.linux-community.de/artikel/17487

[4] LinuxUser: http://www.linux-user.de/

[5] Artikel zu Cedega und CrossOver Games: René Gäbler, „Windows-Spiele unter Linux“, EasyLinux 02/2009, S. 72 ff., http://www.linux-community.de/artikel/18030

[6] Artikel über Flugsimulator Flightgear: Patrick von Krienke, „TakeOff“, LinuxUser 08/2007, S. 28 ff., http://www.linux-community.de/artikel/13131

[7] Artikel über Rennspiele: Tim Schürmann, „Gib Gummi“, LinuxUser 08/2008, S. 56 ff., http://www.linux-community.de/artikel/15707

[8] Artikel über Strategiespiel Widelands: Erik Bärwaldt, „Stein für Stein“, LinuxUser 04/2008, S. 58 ff., http://www.linux-community.de/artikel/14994

[9] First-Person-Shooter Nequiz: http://www.alientrap.org/nexuiz/

[10] Spieleübersicht bei Pro-Linux: http://www.pro-linux.de/spiele/

[11] Holarse Linux-Gaming: http://www.holarse-linuxgaming.de/

[12] Cedega-Kompatibilitätsliste: http://www.cedega.com/gamesdb/

[13] CrossOver-Kompatibilitätsliste: http://www.codeweavers.com/compatibility/browse/cat/?cat_id=2

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1 Kommentar auf "Spiele für das freie Betriebssystem"

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Warum als Spieler unter Linux nicht glücklich werden? Es gibt mehrere Hersteller, die sich mit Spieleportierungen befassen. Zu dem gibt es den Emulator WINE und dessen Ableger Cedega und Crossover Games, die es auch erlauben, Windows Spiele unter Linux zu nutzen. Da Spiele vergleichsweise wenig Schnittstellen zum Betriebssystem nutzen und i.d.R. keine System-Widgets nutzen, ist die Wahrscheinlichkeit, daß das Spiel im Emulator einwandfrei läuft deutlich höher, als bei Anwendungssoftware. Im Fazit gibt es viele Lösungen die dafür sorgen, daß sich sehr viele Spiele unter Linux so nutzen lassen, daß für jeden genug dabei ist – letztendlich dank WINE. Die Emulation… Mehr »