ARM-Netbooks, Opensource-Initiativen und neue Techniken

Neues von Qualcomm

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Qualcomm lud am Donnerstag zum Qualcomm Innovation-Event 2009 nach London. Dort wurde das Neueste aus den Forschungslabors präsentiert und ein Ausblick gegeben, wohin die Reise gehen soll. Uns interessierten natürlich besonders die ARM-Netbooks und Qualcomms neues Opensource-Team.

Bei einem Hersteller, der traditionell im mobile Chipset-Bereich verwurzelt ist, hatten natürlich viele der vorgestellten Techniken damit zu tun, beispielsweise der kommende Mobilfunk-Standard HSPA+, der Datenraten bis 28 Megabit erlaubt oder der 3G-Nachfolger LTE. Mit „Femtocell“ will Qualcomm quasi kleine Handymasten in hochfrequentierte Gebäude bringen, um darin maximale HSPA-Datenraten und bessere Versorgung zu gewährleisten. Der „Gobi“-Chipsatz soll es den Herstellern attraktiv machen, 3G direkt in ihre Notebooks zu integrieren. Das macht nicht nur hässliche externe USB-Dongles oder Express/PCMCIA-Karten überflüssig, sondern bietet auch Vorteile beim Empfang, da die Antennen ins Gehäuse integriert und speziell auf optimale Empfangsleistung ausgelegt werden können.

Mobile Software-Initiativen

Auf der Softwareseite gibt es „Plaza“ zu sehen, eine App-Store-Lösung, die es Mobile-App-Entwicklern und Providern sehr leicht macht, einen App-Store aufzusetzen und ihre Anwendungen ausliefern zu können, ohne sich um die Kompatibilität zu hunderten verschiedene Handy-Modellen zu kümmern. Auch um die einzelnen gesetzlichen Rahmenbedingungen in den jeweiligen Ländern müssen sich die Plaza-Entwickler keine Sorgen machen. Qualcomm brüstet sich damit, mit BREW schon deutlich länger als Apple, Google und Co eine Entwicklungsplattform für Handys anzubieten, mit der man bereits 2 Milliarden Programme ausgeliefert hat. Mittels „Skifta“ will Qualcomm Medien-Content via Internet und UPnP/DLNA von allen Geräten auf allen Geräten verfügbar machen.

Stromsparende Displays und kabelloses Laden

Besonders interessant sind einige grundlegende Techniken, die Qualcomm für Mobilgeräte entwickelt: Mirasol nennt sich beispielsweise eine neue passive Displaytechnologie, quasi die farb- und videotaugliche Version des in sämtlichen eBook-Readern genutzten e-Ink Displays. Wie e-Ink funktioniert Mirasol auch ohne eigene Lichtquelle und benötigt nur zur Änderung des Displayinhaltes Strom. Dieser geht auch ohne den von e-Ink gewohnten „Reset“ der Bildpixel vonstatten, weswegen sich Mirasol auch zum Darstellen von Video eignet. Qualcomm hatte um das zu demonstrieren ein kleines 2.2″-Display in QVGA-Auflösung, das mit 30 fps Video abspielte. Gelegentlich war zwar noch vertikales Tearing zu sehen, aber es handelte sich um einen Prototypen, Qualcomm will das Problem bald behoben haben. Die Pixeldichte von 221 dpi liegt über den 160 dpi von e-Ink-Displays, und die Farbwiedergabe war brilliant und völlig blickwinkelunabhängig. Laut Qualcomm sind die Displays nicht nur hervorragend im hellen Sonnenlicht nutzbar, sondern lassen sich auch von oben (Frontlight) beleuchten, was eine wesentlich effizientere Licht-Nutzung darstellt als bei LCDs, die im Schnitt nur 6% des erzeugten Lichts effektiv abstrahlen. Da der Stromverbrauch von Mirasol davon abhängt, was sich auf dem Bildschirm wie schnell ändert, variieren die Einsparungen: Für Videowiedergabe, wo sich der gesamte Bildschirminhalt ständig ändert, verspricht Qualcomm beispielsweise eine Senkung des Display-Anteils am Gesamt-Stromverbrauch von 29% auf 4% im Vergleich zu einem LCD-Display. Beim SMS-schreiben ist die CPU wenig gefordert, hier beträgt der Display-Anteil bei LCD 73%, mit Mirasol nur noch 10% – beides übrigens inklusive Beleuchtung, Backlight bei LCD, Frontlight bei Mirasol.

Ein passives Mirasol 2.2"-Display mit 221dpi spielt 30fps Video
Ein passives Mirasol 2.2″-Display mit 221dpi spielt 30fps Video

Ebenfalls spannend war eZONE, eine Technik zum kabellosen Aufladen von Mobilgeräten. Wird das Gerät auf die Ladematte gelegt, lädt es sich automatisch auf, die Ladezeit ist dabei nicht länger als normal per Kabel. Mehrere Geräte können gleichzeitig irgendwo auf der Ladematte (beziehungsweise bis zu 15 cm entfernt davon, bei abnehmender Ladeleistung) geladen werden. Mit zunehmender Gerätezahl funktioniert das Laden zwar langsamer, aber der Anwender kann gewissen Geräten eine höhere Ladepriorität geben. Bemerkenswert daran ist, dass eZONE nicht per Induktion funktioniert, weswegen es keine Gefahr für magnetische Datenträger oder Kreditkarten darstellt. Über die technischen Details wollte Qualcomm nicht zuviel erzählen, ließ aber zumindest durchblicken, dass sie stattdessen auf niederfrequente RF-Strahlung setzen. Erste Geräte mit eZONE sollen bereits 2010 auf den Markt kommen.

eZONE-Ladematte mit 2 Handys und Bluetooth Earpiece
eZONE-Ladematte mit 2 Handys und Bluetooth Earpiece

Opensource & Qualcomm

Unser Haupt-Interesse gilt allerdings den ARM-Netbooks mit Qualcomms neuer CPU: Mit dem Snapdragon schickt sich Qualcomm an, eine neue Klasse von ARM-basierten Netbooks zu etablieren (siehe Interview im aktuellen LinuxUser 12/09). ARM-Netbooks stellen eine große Chance für Linux dar, da Microsoft dank der anderen Prozessorarchitektur hier seinen Windows-Software- und Treibervorteil nicht ausspielen kann – Linux hingegen ist hochportabel und funktioniert auf ARM genauso wie unter x86. Erst vor wenigen Wochen gab Qualcomm die Gründung des QuIC (Qualcomm Innovation Center) bekannt. Wir sprachen mit Sy Choudhury, bei Qualcomm Director für Product Management, darüber. Er sagt uns, dass Opensource für Qualcomm einen sehr hohen Stellenwert hat – was auch in der Keynote zuvor mehrmals betont wurde. Das QuIC soll unabhängig von anderen Entwicklern bei Qualcomm operieren, damit es keine Patentprobleme beim Veröffentlichen von eigenem Code gibt. Und das Team hat seine Arbeit schon begonnen: ARM-Patches für den Linux-Kernel, fürs Gstreamer-Framework, das Video-Framework v4l2 und für Googles stark auf x86 optimierte V8-Javascript-Engine wurden bereits submittet, ARM-Optimierungen für ffmpeg sind in der Planung. Erklärtes Ziel des QuIC ist es, möglichst viel an die Entwicklergemeinde zurückzugeben, um die Popularität der ARM-Plattform allgemein zu steigern, die Nutzung von Opensource, um eigene Software zu entwickeln (wie Apple dies beispielsweise gerne macht) ist für Qualcomm sekundär. Das Code Aurora-Forum soll dabei eine zentrale Anlaufstelle für Opensource im Mobilbereich werden, bei dem QuIC nur ein Mitglied unter vielen ist.

Die Struktur und Integration von Qualcomms Opensource-Abteilung
Die Struktur und Integration von Qualcomms Opensource-Abteilung

Profitieren tut davon nicht nur Qualcomms eigener Snapdragon, sondern alle ARM-CPUs, die sich aufs V7 Instructionset verstehen, also auch beispielsweise ARM-Chips von Marvell, Texas Instruments oder sogar Apple, deren iPhone auch einen Cortex A8 beinhaltet. Wir wollten von Choudhury wissen, ob und wenn ja wann Qualcomm auf das neue Cortex A9-Design umstellt, welches ARM vor wenigen Wochen vorgestellt hat und das in ARM-CPUs erstmalig Out-of-order-Execution, bessere Fließkommaleistung, Multicore bis Quadcore und über 2 GHz Takt verspricht. Der Product Manager wollte sich noch nicht konkret festlegen, sagte aber, dass die Zusammenarbeit und der Ideenaustausch mit ARM sehr eng sei – Qualcomm lizensiert nicht wie die meisten anderen Hersteller fertige ARM-Kerne, sondern hat dank seiner Architectural License völlige Freiheit bei der Implementierung und Verbesserung der sogenannten „Hard Macros“ von ARM. Man darf vermuten, dass Qualcomm erst einmal 2010 die neue, in 45 Nanometer gefertigte QSD8672-Generation des Snapdragons mit Dualcore und bis zu 1.5 GHz Takt ausliefert und dass die Nachfolgergeneration dann Cortex A9-basiert sein wird.

An Snapdragon-Hardware waren neben zahlreichen Handys und einem größeren Windows-Mobile MID auch zwei Netbook-Prototypen zu sehen, die beide mit Googles Android liefen. Die Geräte waren beide äußerst flach und hatten laut Qualcomm Akkulaufzeiten von über 10 Stunden.

"Alaska", ein Snapdragon-Prototyp von Inventec
„Alaska“, ein Snapdragon-Prototyp von Inventec
Snapdragon-Netbook-Prototyp der Firma Quanta
Snapdragon-Netbook-Prototyp der Firma Quanta

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2 Kommentare auf "ARM-Netbooks, Opensource-Initiativen und neue Techniken"

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Ich sehe seit mindestens 2 Jahren immer nur das Geräte mit ARM-Architektur vorgestellt werden. Wie wär’s wenn man die in Europa endlich mal kaufen kann?

Also „Geräte mit ARM-Architektur“ gibt’s nun wirklich genügend kaufbar am Markt! 😉 Fast alle Handys, das iPhone, Nintendos GBA und DS usw… Mit Snapdragon gibt’s immerhin schon das Toshiba TG-01 und das Acer Liquid (beides Smartphones). Falls du ARM-Netbooks meinst (von denen jedoch keines ‚vorgestellt‘ wurde, maximal angekündigt!) dürfte es allerdings noffentlich nicht mehr arg lange dauern!