Wie bringt man Linux und Freie Software am besten an den Mann und die Frau?
Wer Linux und Freie Software nicht kennt, versäumt etwas. Wir wissen das. Aber wie bringt man diese Tatsache langjährigen Windows Benutzern nahe? Ich erfahre diese Situation immer wieder, auf Linux Messen, im Alltag und im privaten Umfeld. Die Fragenden sind dabei meist Privatanwender, Selbstständige und Lehrer (bedingt durch mein Engagement im Bildungsbereich).
Meine Erfahrungen über die Jahre haben mich gelehrt, dass die für uns vielleicht offensichtlichsten Vorteile von den Neugierigen nicht immer genauso bewertet werden. Das mag am unterschiedlichen Leidensdruck der jeweiligen Anwendergruppen liegen.
Werfen wir doch zuerst mal einen Blick auf die landläufigen Argumente für Linux:
- Freie Software ist kostenlos
- Freie Software unterliegt freien Lizenzen
- Freie Software kann von jedem Benutzer im Code eingesehen und verändert werden
- Freie Software ist bisher kaum anfällig für Viren und andere Schädlinge
- Freie Software ist üblicherweise nicht von einer Firma abhängig
- Freie Formate sind wichtig wenn es um die zukünftige Lesbarkeit von Daten geht
Für mich ist "Freie Software ist kostenlos" ein Argument. Für einen Windowsnutzer ist es das oft nicht. Die Mehrheit der Leute kauft ihre Rechner von der Stange mit (meist) vorinstalliertem Windows. Ausserdem ist das Unrechtsbewusstsein gemeinhin in Sachen Softwarediebstahl nicht besonders hoch ausgeprägt, so dass benötigte Software oft von Freunden 'geliehen' oder anderweitig besorgt wird. Dieses Argument sollte also nicht am Anfang unserer Argumentationskette stehen.
"Freie Software unterliegt freien Lizenzen" ist für den Einstieg auch nicht sonderlich zugkräftig. Viele Menschen wissen gar nicht was Lizenzen in diesem Bereich sind und dass es sie gibt, geschweige denn was die GPL ausmacht. Ich schätze sogar, die wenigsten Linuxnutzer haben die GPL einmal genauer betrachtet. Also sollte auch dieses Argument eher ans Ende rutschen.
"Freie Software kann von jedem Benutzer im Code eingesehen und verändert werden" ist auch so eine Freiheit, die wenn, dann meist erst später Bedeutung für den Nutzer gewinnt. Trotzdem ist sie ein Argument dass der Erläuterung bedarf, um eines der Hauptmerkmale freier Software zu erklären.
"Freie Software ist bisher kaum anfällig für Viren und andere Schädlinge" ist schon eher ein Einstiegspunkt, da dort erheblicher Leidensdruck besteht. Wenn ich Windowsnutzern erzähle, dass meine Desktopmachinen ohne Firewall auskommen, ernte ich ungläubige Blicke. Hier ist ein Ansatzpunkt um das User-Root Konzept zu erläutern, das Linux von Unix geerbt hat.
"Freie Formate sind wichtig wenn es um die zukünftige Lesbarkeit von Daten geht" ist ein gutes und wichtiges Argument, bedarf allerdings einiger Erläuterung. Ein gutes Beispiel ist folgendes: Wer heutzutage versucht, mit MS Office 2003 erstellte Daten mit einer aktuellen Office Version zu lesen, braucht zuerst einen Patch von MS. Hier spielt auch das nächste Argument mit rein: "Freie Software ist üblicherweise nicht von einer Firma abhängig". Unabhängigkeit von kommerziellen Bestrebungen zusammen mit freien Lizenzen und offenen Formaten garantiert im weitesten Sinne die Lesbarkeit der Daten auch noch in vielen Jahren. Sollte ein Programm vom Markt verschwinden, so finden sich schnell Leute die es forken oder zumindest die Schnittstellen anpassen. Ebenso reagiert die Community schnell, wenn ein Programm (in diesem Fall Open Office) in die Hände einer Firma gerät, die nicht das allgemeine Vertrauen geniesst. Durch die Gründung einer Stiftung und dem Fork zu Libre Office wird sichergestellt dass OpenOffice auch in Zukunft frei bleibt.
OpenOffice/LibreOffice sowie andere Programme wie Firefox oder Gimp sind auch ein guter Einstieg, freie Software unter Windows auszuprobieren und Vertrauen herzustellen.
Oft ist es auch hilfreich. Argumente oder Fragen von Windows Nutzern ins Gegenteil zu verkehren. So ist das gängige "Was nichts kostet, kann auch nichts taugen" eigentlich ein Geschenk. Wir können dort gut ansetzen und erklären, wie Freie Software entsteht, sich organisiert und verteilt wird. Wenn man dann noch erklärt, dass es eigentlich logisch ist, dass Software, die mit Herzblut gecodet wird, zumindest die Chance hat, genausogut oder besser zu sein wie Software, die zum Broterwerb erstellt wird, so wird das meist verstanden und bejaht.
Natürlich kann ich hier nur einige Argumentationshilfen geben, ihr findet bestimmt noch weitere. Es hilft auch, die eigene Motivation zum Umstieg mit einzubeziehen. Ich kenne nur ganz wenige Nutzer, die von Linux wieder zu Windows gewechselt sind, viele betreiben Dualboot Konfigurationen um irgendwann einmal ganz zu Linux zu wechseln, andere wollen (oder müssen vermeintlich oder wirklich) beide Systeme weiter parallel betreiben. Seltener wird Windows schnell vom Rechner verbannt. Die möglichen Szenarien sollten beleuchtet werden mit ihren Konsequenzen. So lernt der "nur Linux Nutzer" natürlich schneller als der Nutzer der, sobald ein Problem bei Linux ihn stoppt, die zu erledigende Aufgabe unter Windows löst anstatt in Linux einen Weg zu suchen (unter Einbeziehung der angebotenen Supportinstanzen wie Foren und IRC). Hier muss aber jeder seinen eigenen Weg finden.
Zum Schluss noch ein gutgemeinter Rat: Viele von uns sind von Linux restlos überzeugt. Wir sollten allerdings den Umstiegswilligen nicht mit missionarischem Eifer gegenübertreten, sondern gelassen und sachlich. Ich sage das, weil ich des öfteren "Fanboys" bei der Überzeugungsarbeit sehe und ich persönlich das eher nicht überzeugend finden würde. Und nun wünsche ich erfolgreiches Vergrössern der Linux Gemeinde.

