Interview mit Sebastian Koenig

Interview mit Sebastian Koenig
12.11.2010 23:47

Sebastian Koenig ist ein BFCT (Blender Foundation Certified Trainer), ein von der Blender Stiftung zertifizierter Blender Lehrer. Zurzeit der einzige Deutsche mit einem derartigen Zertifikat. Kaum zurück von der Blender Konferenz 2010 in Amsterdamm, hat er sich daran gemacht Fragen rund um den BFCT zu beantworten.

Sebastian König

Wie lange arbeitest du schon mit Blender und seit wann bist du ein "BFCT"?

Ich habe vor ca. 6-7 Jahren angefangen, mit Blender zu arbeiten. Zunächst lediglich als Hobby, doch bald schon habe ich Blender für meine Diplomarbeit eingesetzt, bis es schließlich nach meinem Studium zu meinem Hauptwerkzeug als Freelancer wurde. Blender Foundation Certified Trainer bin ich seit etwa einem Jahr.

Was sind die Bedingungen um als "BFCT" zugelassen zu werden?

Im Grunde kann sich jeder zertifizieren lassen. Doch natürlich müssen gewisse Standards erfüllt werden. Man sollte älter als 16 Jahre alt sein und natürlich auch einiges an Skills haben, um überhaupt etwas zu vermitteln zu haben. Zum Beispiel ist es wichtig, die Geschichte von Blender zu kennen, warum es OpenSource ist und was Sinn und Zweck der Blender Foundation und des Blender Institute sind. Mit einem Portfolio und/oder Demoreel kann man demonstrieren, dass man in mindestens 7 Bereichen ein umfassendes Wissen von Blender hat. Es reicht zum Beispiel nicht, nur gut modellieren zu können. Für einen guten Unterricht muss man in der Lage sein, auch über die Bereiche etwas sagen zu können, die vielleicht nicht zu dem eigenen Spezialgebiet gehören. Man sollte einen guten Überblick über die verschiedenen Bereiche von Blender und 3d im Allgemeinen haben. Compositing, Animation, Modelling, Rendering, Simulationen und Dynamics sind da nur einige Beispiele.

Auch muss man vorweisen können, dass man nicht nur die Software beherrscht, sondern auch ein guter Lehrer ist. Eine sinnvolle didaktische Aufbereitung des Stoffs und eine adäquate Darbietung sind entscheidend für ein erfolgreiches Blendertraining. Daher gehört zu der Bewerbung nicht nur ein Nachweis von Lehrerfahrung, sei es an der Uni, der Schule oder in den diversen Workshops innerhalb der Blender Community, sondern auch 2 Lehrbeispiele, eins in Form eines Videotutorials und eins in Form eines textbasierten Tutorials.

Und da Blender als OpenSource-Tool sehr stark auf einer internationalen Community basiert, sollte man auch Englisch gut beherrschen. Das heißt natürlich nicht, dass jedes Tutorial und jeder Text in Englisch sein muss, aber für die Kommunikation mit der Blender Foundation, und sei es nur für die Bewerbung, ist ein halbwegs gutes Englisch nicht verkehrt.

Der große Rammler (männliches Kanninchen)

Für wen lohnt sich denn ein Zertifikat? Immerhin kostet es 50 € und muss jährlich erneuert werden.

Ein Zertifikat lohnt sich für jeden, der es mit professionellem Blendertraining ernst meint. Durch den Link auf Blender.org bekommt man durchaus eine Reihe von Anfragen und Jobangeboten. Es ist ja nicht nur das Zertifikat das zählt, sondern auch die Publicity auf Blender.org.

Auf der anderen Seite können Unternehmen und Studios. die auf der Suche nach professionellem Blendertraining sind, sicher sein, dass sie dort die richtigen Leute mit dem nötigen Fachwissen finden.

Was war für dich Ausschlag gebend dich zertifizieren zu lassen?

Ausschlag gebend für mich waren eigentlich die oben genannten Gründe. Ich wollte mich verstärkt auf die Vermittlung von Blender spezialisieren. Es ist natürlich auch toll, an interessanten Projekten zu arbeiten und Blender als Gestalter einzusetzen, aber als gelernter Kunstpädagoge mit didaktischer Ausbildung lag es irgendwie nahe, auch den Vermittlungsbereich abzudecken. Außerdem denke ich, dass es immer noch an professionellem Support fehlt. Gute Software mit tollen Features und zahlreichen eindrucksvollen Referenzen wie Sintel oder Big Buck Bunny ist das Eine, aber ohne den nötigen Support wird es Blender schwer haben, als Standardtool in die Production Pipelines von kommerziellen Studios aufgenommen zu werden. So gesehen versuche ich, mir durch das Blendertraining meine zukünftigen Arbeitsplätze zu schaffen. :-)

Sintel

Du bist der einzige deutsche BFCT. Kann das an zu hohen Anforderungen liegen?

Nein, ich denke, das liegt vor allem daran, dass nicht jeder von dem BFCT-Programm weiß. Es springt einem ja nicht gerade ins Gesicht, wenn man die Blenderseite besucht. Doch es gibt Bestrebungen, die BFCT-Seite besser in ein Netzwerk von Blender-Trainern und Blender-Professionals einzubinden, in einem sogenannten Open Network, welches dann hoffentlich auch besser verlinkt sein wird.

In welchem Bereich setzt du Blender ein?

In meiner Arbeit als 3D Freelancer habe ich mit unterschiedlichen Aufgabenfeldern zu tun.

Architekturvisualierung etwa, oder auch biologisch-medizinische Visualisierung. Die Darstellung bestimmter Krankheiten im Bereich der Veterinärmedizin an Hand animierter Tiermodelle oder einzelner Organe zum Beispiel ist etwas, für das sich Blender hervorragend eignet. Im Grunde mache ich alles was so anfällt. Auch Visual Effects und Matchmoving ist etwas, für das ich Blender einsetze. Kombiniert mit einem Camera-Tracker wie zum Beispiel Syntheyes kann man mit Blender und dem eingebauten node-basierten Compositor in kürzester Zeit überzeugende Ergebnisse erzielen.

Wenn du deine Arbeit renderst, greifst du auf die Dienste einer Renderfarm zurück?

Nein. Bis jetzt noch nicht.

Gibst du auch Einzel-/Gruppenseminare und Einführungskurse?

Ja. Beispielsweise bei TOSMI, einem jährlich stattfindenden Trainingsprogramm in Sofia (http://tosmi.org/), doch auch Einzelkurse sind jederzeit möglich.

Wo siehst du Möglichkeiten für einen Blender-Künstler Geld zu verdienen?

Überall da, wo andere 3D-Artists auch ihr Geld verdienen. Es gibt einen nach wie vor wachsenden Markt für 3D-Grafiken, Animationen, Modelle etc. Welche Software man dafür einsetzt ist letztendlich sekundär, insbesondere wenn man als Freelancer arbeitet. Dennoch ist es natürlich nicht zu leugnen, dass in größeren Studios immer noch andere Software wie zum Beispiel Max oder Maya eingesetzt wird. Wenn man sich irgendwo bewerben möchte ist es vermutlich leichter, wenn man die sogenannten “industry standard tools” in seinem Toolset vorweisen kann. Doch letztendlich sind es vor allem die Skills, die zählen. Wenn man Blender wirklich beherrscht und ein fundiertes Wissen über 3D, Compositing und Animation hat, ist es im Grunde ein Leichtes, sich in jede andere Software einzuarbeiten. Daher zählt für viele Studios ein starkes Portfolio mehr, als wenn man weiß welches Knöpfchen man wo drücken muss.

In Zukunft dürfte es dennoch mehr Jobmöglichkeiten für Blenderuser geben, insbesondere nach dem Erfolg von Sintel und dem baldigen Release von Blender 2.6, welches schon jetzt in der Beta-Phase (2.5) für einiges an Aufmerksamkeit sorgt. Die neue Version von Blender wird sicherlich sehr viel schneller und leichter einen Weg in die Toolsets von professionellen Studios finden als die veraltete Version 2.49b. Mit Training und Support hoffe ich natürlich, ein kleine wenig dazu beitragen zu können.

Links

  • BFCT: http://www.blender.org/education-help/certified-trainer/
  • Sebastian König: http://www.blender.org/education-help/certified-trainer/sebastian-koenig/
  • und http://www.sebastian-koenig.com/

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Andreas Eisele

Videospiele, Trickfilme, Computer und das Web. Was gibt es Tolleres? Genau, all das mit jemandem zu teilen. Am Besten mit jemandem, der es zu schätzen weiß, einer Gemeinschaft Gleichgesinnter.

Ausgebildeter Mediengestalter, arbeitet zur Zeit in einem Jugendhaus. In Workshops und Ferienangeboten kommen gängige Open Source Programme zum Einsatz. Seit 2009 von Windows getrennt lebend und mit Ubuntu in einer neuen Lebensphase. Seitdem fleißig am Erforschen der bash, vim und anderen coolen Sachen.

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