Per Anhalter durch die Desktop-Galaxis

Bunte Desktops
Bunte Desktops
12.03.2012 21:12

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass ich mich über Ubuntus neuen Desktop Unity ausgelassen habe. Die Kommentare waren ziemlich aufschlussreich für mich. Ich hatte erst Zweifel, ob es nicht vielleicht etwas unüberlegt war, einfach Dampf abzulassen und über einen misslungen Desktop herzuziehen. Immerhin steckt ein Haufen Arbeit und vor allem Zeit in einem solchen Projekt. Dafür will keiner eine Ohrfeige kassieren. Die Kommentare zeigen jedoch, wie unterschiedlich die Meinungen über einen "vernüftigen Desktop" sind und eine Diskussion durchaus angebracht ist. Zum einen zeigt sie, dass die damals aktuellen Desktops schon etwas Patina angesetzt haben. Zum anderen wird offenbar, wie schwierig so offensichtliche Eigenschaften wie "Benutzbarkeit" zu diskutieren sind.

Die Suche

In der Zwischenzeit habe ich auf distrowatch.com nach einer Alternative zu Canonicals ubuntu gesucht. Die Liste der angetesteten Distributionen ist lang. Favorit war ganz eindeutig Linux Mint. Aus ästhetischen Gründen - es ist einfach grafisch gelungen - und aus technischen - es basiert auf dem Debian-Package-Management bzw. auf ubuntu. Ich musste mich nicht erst in eine andere Software-Verwaltung einarbeiten.

Bei meinem aktuellen Lieblingsthema - ruby - fiel mir auf, wie hoffnungslos veraltet viele Pakete jedoch teilweise sogar in der rollierenden Distribution Linux Mint Debian sind. Das ist kein Drama, da ich die interessanten Pakete in der Regel selbst aus den Quellen lade und kompiliere. Das Hauptproblem ist eher, dass die Gnome-basierten Distributionen in Sachen Benutzerkonzept alle langsam zum Sprung ansetzen und versuchen, irgendetwas aus der Generalpolitur des Gnome-Desktops rauszuholen. Das Ergebnis ist fernab von einer stabilen Desktop-Umgebung. Das zeigt sehr schön der Artikel "Tee oder Zimt" in der Linux-User Ausgabe 3/2012.

Jahre her

Dann fiel mir ein, dass ich vor langer Zeit einmal einer Ankündigung zum Kool Desktop Environment KDE 1.0.0 gefolgt bin. Das war 1996 und für ein paar Jahre war KDE aus meiner Sicht Gnome haushoch überlegen. Einziger Wermutstropfen war und ist die Abhängigkeit von Qt, einem kommerziellen Framework, das damals Troll Tech gehörte. Dann wurde es zu Nokia verschoben und wie es bei Open Source Projekten mit kommerziellem Hintergrund weitergeht, hängt oft von zu wenigen Leuten mit zu wenig Verbundenheit zur Open Source Community ab. Es gibt aber auch auch viele Vorteile der Beziehung zu Qt. Das Framework wirkt sehr professionell und durchdacht, es ist stabil und "business-proven".

Auf den Schirm

Ich war neugierig, wie sich KDE so in den letzten Jahren entwickelt hat und gab Fedoras KDE Spin eine Chance. Auf der Versionsübersicht von distrowatch ist zu sehen, dass Fedora ziemlich aktuelle Pakete hat. Außerdem liegt es schon auf Platz 3 des Hit Page Rankings. Der Download ist knapp in CD-größe, 700 MB. Mit einer Anleitung im Fedora-Wiki klappt die Vorbereitung eines USB-Sticks für die Installation.

Die Installation erinnerte mich dann doch noch etwas an 1996, nicht grafisch sondern eher bei den Details. Ein paar mehr Daten als bei einer Ubuntu-Installation wurden abgefragt und am Ende ein Passwort für root. Das sudo-Paket wird zwar mitinstalliert, aber nicht für die Systemverwaltung genutzt. Nach der Installation war ich angenehm überrascht. KDE wirkt frisch und kombiniert geschickt über seine Plasma Activities klassische und Suchfeld-basierte Desktops. Je nach Geschmack schaltet man zwischen verschiedenen Perspektiven (Activities) hin und her. Auch auf einem Netbook bleibt der Desktop übersichtlich. Und er ist noch mit Maus und Tastatur bedienbar.

Der KDE Desktop mit einigen Miniprogrammen

Dann habe ich einen kleinen unüberlegten Klick gemacht, mit dem Ergebnis, dass mein 53 GB großes home-Verzeichnis vom Radar verschwand. Allerdings war das wohl eher eine Kette unglücklicher Umstände, als die Schuld von Fedora. Obwohl ich mir an dieser Stelle schon etwas mehr Benutzerfreundlichkeit wünschen würde. Denn wenn ein Benutzer wieder aus der Benutzerverwaltung entfernt werden soll, wird standardmäßig und mit einem Klick auf Ja im nächsten Dialog auch das Benutzerverzeichnis gelöscht. Also: Immer Lesen und dann klicken!

Ressourcen

Der Ressourcen-Verbrauch ist für mich einer der wichtigsten Kriterien, da ich auf einem Notebook keine Lust auf eine jaulende CPU und vollgestopften Arbeitsspeicher habe. Das Ergebnis hat mich angesichts meiner Erinnerung an das resourcenfressende KDE von einst überrascht. Nach dem Start blieb die CPU dauerhaft auf niedrigen Niveau. Trotz der grafischen Spielereien, die aber durchaus dezent bleiben. Und der Arbeitsspeicher (2GB) war nach dem Neustart erst zu 360 MB gefüllt. Nach dem Laden meiner Standard-Office-Umgebung (Chrome, LibreOffice Writer, Amarok, Dolphin und ein paar Miniprogramme) waren es dann 620 MB. Kein schlechter Wert. Dabei liefen 185 Prozesse.

Fazit

Fedora war eigentlich nur ein weiterer Kandidat auf der Liste zu testender Distributionen für einen benutzbaren Desktop. Um KDE habe ich bisher eine Bogen gemacht, ohne wirklich einen Grund dafür zu haben. Der Desktop unterscheidet sich eben von Gnome in Philosophie und Benutzerkonzept. Man spürt aber auch, dass KDE diese Selbstfindung ein paar Jahre vor Gnome begonnen hat und damit inzwischen durch ist. Alles erscheint schlüssig, die Anwendungen wirken wie aus einem Guss. Die Testfahrt hat sich gelohnt. Ich nutze Fedora nun schon beinahe 2 Monate und habe noch keine Lust zu wechseln.


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