Next -> Next -> Finish

(c) sxc.hu
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08.08.2009 10:30

Diese Woche scheint das Thema Wahl ganz besonders angesagt zu sein. Vielleicht bin ich aber auch durch die Auswahl der Sommer-Spezial-Kandidaten etwas überanstrengt, aber irgendwie scheint sich alles um das Thema "Wer soll was wählen dürfen/müssen/können" zu drehen. Die KDE-Leute möchten, dass OpenSuse KDE zum Standarddesktop ernennt, um den Nutzern die Auswahl des Desktops abzunehmen und die Gnome-Leute möchten weniger Symbole auf dem Desktop, um die Auswahl zu erleichtern und ein hübscheres Design zu bekommen. Auch hier dreht sich die Diskussion oft nicht um die Symbole sondern um das Thema: Kann der Nutzer nicht wählen, ob er Symbole will oder nicht?

Als langjähriger Linux-Fan mit viel Erfahrung im Enduser-Support kann ich eines bestätigen: Linux ist das schlechteste Betriebssystem, was die Zahl an Auswahlmöglichkeiten betrifft. Damit meine ich natürlich nicht, dass der Nutzer unter Linux keine Auswahl hätte -- im Gegenteil, Linux bietet viel zu viele Auswahlmöglichkeiten an. Ich denke da zum Beispiel an das Drucker-Setup in YaST (schon mal versucht, von Hand einen Drucker einzurichten und den passenden Treiber zu wählen?), den Mailversand in KMail (wozu in aller Welt braucht ein Nutzer Sendmail?) oder das ewige Herumbasteln an den Audio-Services: Gstreamer, Pulseaudio, Phonon,Alsa, Jack, OSS -- wer blickt da noch durch?

Mein Lieblingsbeispiel ist das Konqueror-Kontextmenü von Ark, selbst unter KDE 4 noch eine Katastrophe mit drei verschiedenen Auspackmöglichkeiten und ebenso vielen Pack-Optionen:

  • Archiv hier auspacken, Unterordner selbständig ermitteln
  • Archiv auspacken nach
  • Archiv hierher auspacken

Wer um Himmels willen, braucht all diese Kontextmenü-Eintäge, wo ein schlichtes Archiv entpacken die Aufgabe für 90 Prozent aller Nutzer vermutlich erledigen würde. Die Situation hat sich in den letzten Jahren zwar stark verbessert (man denke zum Beispiel an die automatische Partitionierung bei der Installation), aber Linux fordert vom Nutzer immer noch oft zu viel Interaktion.

Drei Auswahlmöglichkeiten sind zu viel, die Einträge unter Komprimieren bei einer ZIP-Datei ebenfalls überflüssig.

Aus Erfahrung verbirgt sich in den meisten Fällen hinter einem Auswahldialog ein schlampiger oder fauler Programmierer. Gebe ich zum Beispiel im Mailprogramm als Server pop3.provider.de an, dann sollte ich eigentlich auf die Abfrage POP3 oder IMAP verzichten können, da ein intelligentes Programm aus der Angabe des Servernamens und einer kurzen Abfrage des Servers das passende Protokoll ermitteln kann. So muss ich dem Nutzer die Frage nur dann stellen, wenn die automatische Abfrage nicht gelingt. Auf den ersten Blick sehen die meisten Programmierer diese Notwendigkeit nicht ein; schließlich funktioniert das Programm ja mit einer Checkbox POP3/IMAP hervorragend und die automatische Ermittlung erfordert viel zusätzliche Arbeit ohne (aus Sicht des Programmierers) zusätzlichen Nutzen. In der Praxis stellen aber genau solche Details die Nutzer oft vor Probleme beim Umstieg

Auswahl ist nicht gleich die Wahl haben

Linux ist offen, frei usw. das soll auch so bleiben und als KDE-Nutzer weiß ich die Möglichkeit von 100 Optionen in den Konqueror-Einstellungen zu schätzen. Ich habe kein Problem damit, dass es für Linux mindestens 20 verschiedene Fenstermanger und Mailprogramme gibt. Es besteht aber ein riesiger Unterschied zwischen

  • jemandem die Wahl lassen
  • jemanden vor die Wahl stellen

Während Linux beim ersten Punkt klar besser abschneidet als Windows oder Mac OS, sollten sich die Distributoren und Programmierer beim zweiten Punkt ab und zu bei der Konkurrenz umschauen und nach Möglichkeit auf Auswahldialoge verzichten und stattdessen funktionierende Standardwerte wählen. Next, Next, Finish hat viel zum Erfolg von Windows beigetragen, das ist kein Zufall.


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Infos zum Autor

Marcel Hilzinger

Marcel Hilzinger

Marcel Hilzinger arbeitet als Redakteur für die Zeitschriften LinuxUser und EasyLinux. Am liebsten schreibt er Artikel zu netten Gadgets oder Multimedia-Software. In seiner Freizeit spielt er gerne Kicker.

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