Aus Linux-Sicht ist OpenOffice eigentlich ein totes Projekt, LibreOffice heißt die Zukunft. Doch so einfach, wie es sich mancher Open-Source-Aktivist wünscht, ist die Angelegenheit leider nicht. Zwar stehen sämtliche Linux-Distributionen hinter LibreOffice und auch die meisten ehemaligen OpenOffice-Entwickler haben sich der Document Foundation angeschlossen, für ein wirklich erfolgreiches freies Office spielen aber auch andere Faktoren eine Rolle. Dazu gehört auch der finanzielle Support des Projekts und natürlich die Qualität der Software.
Doch fassen wir erst einmal zusammen, was überhaupt geschah: Oracle kauft Sun und übernimmt bei seiner Einkaufstour damit so nebenbei auch die wichtigste Alternative zu Microsofts Office. Da die Entwicklung von OpenOffice bereits bei Sun mehrheitlich hinter geschlossenen Türen und in Konkurrenz zu einigen freien Entwicklern verlief, erhofften sich nun einige Mitglieder der OpenOffice-Community eine leichte Verbesserung der Lage. Doch Oracle hatte keinen richtigen Plan für OpenOffice und vielleicht hat man sich in den USA das Geldverdienen mit einer Office-Suite auch etwas zu einfach vorgestellt.
Bei der 10-Jahresfeier in Budapest äußerten sich erstmals Stimmen, die Oracle dazu aufforderten, die Entwicklung zu öffnen und das Projekt in ein echtes Community-Projekt zu verwandeln. Da Oracle hingegen keinerlei Absichten in diese Richtung zeigte, entschlossen sich zahlreiche Entwickler und Projektmitglieder mit der Document Foundation der freien Office-Suite ein neues Heim zu geben und in Zukunft an LibreOffice anstatt OpenOffice zu arbeiten. Der Versuch, von Oracle die Namensrechte an OpenOffice.org zu erhalten, scheiterte. So kam es zum Fork.
1:0 für die Document-Foundation
Oracle veröffentlichte danach zwar noch wie geplant OpenOffice 3.3 in einer kommerziellen Variante, es musste den Amerikanern aber bald klar geworden sein, dass die Handvoll verbliebener Entwickler, die zum größten Teil noch von Star Division stammten, für die Zukunft eines erfolgreichen Office-Produktes nicht genügen würden. So kam im April, kurz nach dem Erscheinen der ersten Beta-Version von OpenOffice 3.4 bereits die Pressemeldung, dass Oracle den kommerziellen Support für das Produkt einstellt.
Um langfristig mit der OpenOffice-Version der Document Foundation mithalten zu können, hätte Oracle somit Entwickler anheuern und Geld investieren müssen. Doch das wollte Oracle nicht.
1:1 für Oracle
Oracle musste also etwas tun, damit OpenOffice als Projekt nicht stirbt und damit ein schlechtes Licht auf Oracle wirft. Das Projekt einzustellen, wäre einem Sieg der Document Foundation gleichgekommen und hätte Oracle einen Gesichtsverlust beschert. Der einzige Ausweg war, OpenOffice und damit die Verantwortung abzuschieben. Mit der Apache-Foundation hat Oracle nun eine Lösung gefunden, die vor einem Jahr noch von allen Beteiligten bejubelt worden wäre. Doch da der Fork LibreOffice breits Tatsache ist, trägt dieser Schritt nun nur noch weiter dazu bei, dass die Community vorerst zwei OpenOffice-Versionen pflegen muss.
Ein Projekt, bitte!!
Wie es nun weitergeht, hängt in erster Linie von der Document Foundation ab. Sobald OpenOffice ein vollwertiges Apache-Projekt ist, gibt es eigentlich keinen Grund mehr, sich nicht an der Entwicklung von OpenOffice zu beteiligen. Klar wird IBM mit dem Lotus Symphony-Team aus China einen relativ großen Teil der Entwickler stellen, aber wie bei allen Apache-Projekten wird auch das OpenOffice-Projekt auf dem Prinzip "Leitung durch Verdienst" beruhen, es kann also jeder seinen Teil beitragen.
Im Idealfall ergibt sich durch diesen Schritt von Oracle eine Wiedervereinigung von LibreOffice und OpenOffice. Dazu ist es allerdings nötig, dass sämtliche Beteiligten sich über ihren Stolz hinwegsetzen und an einen Tisch kommen. Das wird den LibreOffice-Entwicklern nicht leicht fallen, hat man doch erst jetzt das nötige Kapital zur Gründung einer Stiftung und dem Unterhalt des Serverparks durch Spenden erreicht. Wer sich seine Freiheit so erkämpft hat, tut sich nicht leicht, sich nun einem anderen Projekt unterzuordnen, egal wie frei dieses andere, neue Projekt geführt wird. Ein Ausweg bestünde zum Beispiel darin, dass sich die Document Foundation in Zukunft nicht mehr auf die Entwicklung von LibreOffice konzentriert, sondern in erster Linie um die Akzeptanz des Open-Document-Formats kümmert.
Im (für den Nutzer) schlechtesten Fall bleibt es beim Fork, wodurch langfristig wertvolle Entwicklerarbeit verpufft. Profitieren davon tut einzig und allein Microsoft.
[Update] 03. Juni
Auch wenn es aus obigem Kommentar so erscheinen mag, als würde ich den Schwarzen Peter nun der Document Foundation zuschieben: Das stimmt natürlich nicht: Der Fork war gut und richtig! Aber jetzt sollten sich alle Beteiligten darum kümmern, möglichst schnell zu einer Wiedervereinigung zu gelangen und wie von mir befürchtet scheint sich nun durch die Kommentare zu bestätigen, dass die Document Foundation bei Ihrer Haltung bleibt: wir sind offen, kommt zu uns. Für eine erfolgreiche Wiedervereinigung müssen aber beide Seiten einen Schritt aufeinander zu machen.
Oracle ist mit der Übergabe des Projekts an die Apache-Foundation fein raus. D.h. für Oracle ist das Thema damit abgeschlossen und wenn OpenOffice "im Inkubator köchelt bis es schwarz wird", dann ist das Oracle von nun an egal.
IBM das neue Oracle?
IBM hat mit Lotus Symphony bereits einen eigenen OpenOffice-Fork gestartet und scheint diesen nun mit dem OpenOffice-Projekt vereinen zu wollen. Falls es Chancen gibt, dass IBM sich der Document Foundation anschließt, dann sieht alles natürlich ganz anders aus. Aber aktuell deuten die massiven Blog-Einträge von IBM und die Pressemeldung dahin, dass man bei IBM am Namen OpenOffice interessiert ist, nicht an LibreOffice. Insofern ist IBM das neue Oracle und sollte deshalb der erste und wichtigste Ansprechpartner sein, um wieder zu einer gemeinsamen Codebasis zu kommen.
Warum nicht zwei Projekte?
Warum es nötig ist, zu einem Projekt zurückzufinden, möchte ich anhand dieser Google-Trends-Grafik erklären. Sie zeigt sehr schön, dass mit dem LibreOffice Fork bzw. der Übernahme durch Oracle das Interesse an der Domain openoffice.org nachgelassen hat. Im gleichen Zeitraum stieg aber das Interesse an libreoffice.org nicht, zumindest nicht in dem Maße, in dem das Interesse an openoffice.org schwindet.
Ein ähnliches Bild zeigt Google-Trends übringens auch bei Mandriva-Fork Mageia. Auch hier sehe ich ein, warum der Fork entstand und sympathisiere mit Mageia, aber durch den Fork wird die Nutzerzahl von Mandriva und Mageia zusammen weniger groß sein, als vor dem Fork. Mageia existiert für Google praktisch nicht, es gibt so wenige Suchanfragen zum Thema. Während allerdings bei Mandriva und Mageia lediglich eine Distribution mehr entstand, geht es bei OpenOffice und LibreOffice um die wichtigste freie Office-Suite überhaupt.
Trotzdem droht auch OpenOffice und LibreOffice die gleiche Gefahr, wenn an zwei Office-Suiten weitergearbeitet wird. Mir ist es egal, wer sich wem anschließt (aus Nutzer-Sicht), Hauptsache es gibt wieder eine Version, nicht zwei.
Wichtige Anmerkung: Das alles hat mit der Qualität der Software gar nichts zu tun, es geht alleine um die Marketing-Ressourcen und die Popularität des Namens. Sprich: selbst wenn LibreOffice mit der Zeit deutlich besser als OpenOffice sein sollte, werden sich in den kommenden 12 Monaten dennoch deutlich mehr Nutzer OpenOffice herunterladen. Aus dem einfachen Grund, dass sie LibreOffice gar nicht kennen.



