Torvalds vs. GNOME: Interface-Nazis und Feature-Nutten

Torvalds vs. GNOME: Interface-Nazis und Feature-Nutten

Jörg Luther
14.12.2005

Einen regelrechten Flame War hat Linus Torvalds auf der GNOME-Usability-Mailing-Liste [1] entfesselt. Dabei wirft er den GNOME-Entwicklern vor, die Benutzer als unmündige Idioten zu betrachten, denen man in selbstherrlicher Manier wichtige Konfigurationsmöglichkeiten vorenthalte. "Anscheinend wird GNOME von Interface-Nazis entwickelt", tobt Linus in seinem Posting [2], und bezieht klar Stellung [3]: "Ich persönlich ermutige die Leute, zu KDE zu wechseln. Ratet anderen auch, KDE zu nutzen."

Auslöser des ebenso überraschenden wie heftigen Zornesausbruchs war ein scheinbar harmloses Posting [4] von Till Kamppeter, dem Projektleiter und Maintainer von linuxprinting.org [5] und Foomatic [6]. Er hatte sich Anfang Dezember auf dem OSDL Desktop Architects Meeting danach erkundigt, warum GNOMEs Drucker-Dialog die in der PPD-Datei gespeicherten Fähigkeiten des Druckers nicht völlständig auswerte und als Optionen anbiete. Auch die Vorverarbeitungs- und Scheduling-Fähigkeiten von CUPS fänden sich zwar als Optionen im entsprechenden KDE-Dialog wieder, nicht aber bei GNOME. Das sei volle Absicht, lautete die Erklärung seitens der GNOME-Entwickler: Solche Optionen würden lediglich das Interface unnötig aufblähen und die Anwender verwirren, hätte das GNOME-Usability-Team beschlossen. Das habe man ihm zumindest mitgeteilt, schrieb Kamppeter.

Diese vermeintliche Bevormundung der Anwender muss es wohl gewesen sein, die Linus' Hutschnur zum Platzen brachte. Dabei geriet er derart in Rage, dass er sogar sachlich falsche Behauptungen aufstellte – etwa, dass man in den GNOME-Datei-Dialogen nur Icons klicken, jedoch keine Dateinamen direkt angeben könne. "Deswegen benutze ich GNOME nicht: Jeden anderen Window-Manager, den ich kenne, kann man machtvoll erweitern, etwa indem man Aktionen auf verschiedene Maustasten legt. Und bei welchem geht das nicht, weil es angeblich die armen Benutzer verwirrt? Ratet doch mal – Tipp: Es ist jedenfalls weder der schlankste noch der schnellste." nörgelte Torvalds.

Wie das bei den meisten Flame Wars der Fall ist, hat sich übrigens auch dieser offensichtlich aus einem Missverständnis heraus entwickelt: Wie etliche Folge-Postings [7] der von dem rüden Schlagabtausch verblüfften GNOME-Entwickler zeigen, resultiert das Fehlen der von Kamppeter vermissten Druck-Optionen aus mangelnder Manpower für die Implementierung. Was die angebliche Bevormundung der Benutzer angehe – da habe Kamppeter wohl eine Auskunft in den falschen Hals bekommen.

Einer der wenigen sachlichen Beiträge [8] zu der Affäre kam von Nat Friedman, dem Ximian-Mitgründer und derzeitigen Vize von Novells Linux-Produktentwicklung: Es könne ja sein, dass es sich bei einigen GNOME-Entwicklern um Kontrollfreaks und Antifeature-Nazis handle, und wahrscheinlich seien auch einige KDE-Entwickler auf Ankreuz-Felder fixierte Feature-Nutten. Auf jeden Fall müsse man über das Problem in vernünftiger Art diskutieren, anstatt sich lediglich Verbalinjurien an den Kopf zu werfen.

"Usability ist wichtig, und dass Linus seine Maustasten auf was-auch-immer binden kann, wahrscheinlich auch. Aber das ist es doch nicht, was Linux vom Erfolg auf dem Desktop-Markt abhält." argumentiert Friedman. "Was fehlt also? Anwendungen, Hardware-Unterstützung. Entwickler-Zeit ebenso. Liegt's etwa am Druck-Dialog? Ich weiß ja nicht ..."

Related content

Kommentare
Re: Torvalds vs. GNOME: Interface-Nazis und Feature-Nutten
Benjamin Quest, Sonntag, 18. Dezember 2005 14:38:21
Ein/Ausklappen

Sturm im Wasserglas? Ich habe den Thread mit Amüsement gelesen und bin eigentlich eher verwundert, wieso das so breit ausgewalzt wird. Linus äußert sich wie ein ganz normaler User, als mehr sollte man das nicht werten. Man kann die Ansicht teilen oder es lassen. Und jeder der sagt: "Linus, an seiner exponierten Position sollte besser darauf achten, was er sagt" hat eben nicht begriffen, daß sich Linus nicht als irgendwas besonderes begreift und demzufolge auch einfach mal die Hutschnur Hutschnur sein läßt. Wenn sich dann am Ende alles als drei Viertel eines Misverständnisses herausstellt, dann kann ich nur sagen: Willkommen in der Realität.

Ich persönlich bin mit GNOME nie wirklich warm geworden, einerseits mochte und mag ich, daß es sehr aufgeräumt ist, andererseits vermisse ich viele viele Einstellmöglichkeiten. Auf GConf-Wühlerei habe ich ganz ehrlich gesagt keinen Bock. Wenn die Funktionen da sind, aber nicht einfach zu erreichen sind, dann hat das mit Usability genausowenig zu tun, wie mit dem Versuch eine schlankes Interface zu erschaffen: der Code bleibt "fett" und die Funktion für die meisten User versteckt. Dann besser das Ganze sauber herunterprogrammieren.

Eine Benutzerschnittstelle sollte dem User mitteilen, was er machen kann. Usability ist nun die Kunst die vorhandenen Funktionen so zu organisieren, daß sie logisch angeordnet sind. Funktionen einfach nicht anzuordnen ist Unusability.

Mit Gnome hatte ich immer das Gefühl, daß irgendjemand möchte, daß ich es in einer bestimmten Art und Weise benutze, wenn mir das zuwiderläuft, dann habe ich Pech. KDE könnte in einigen Bereichen ein wenig besser aufgeräumt sein, allerdings habe ich hier ein Oberfläche mit der ich arbeiten kann und eben alles so einstellen kann, wie ich es will.

Jedem das seine, ich, als bekennende "feature-slut", probiere als nächstes jedenfalls auch die kommende stabile Version von Enlightenment, E17, aus ...

Benjamin


Bewertung: 196 Punkte bei 36 Stimmen.
Den Beitrag bewerten: Gut / Schlecht
Re: Torvalds vs. GNOME: Interface-Nazis und Feature-Nutten
Harald Milz, Sonntag, 18. Dezember 2005 13:00:42
Ein/Ausklappen

Ich kenne Linus nun seit gut 12 Jahren und habe ihn noch nie so erlebt. Wenn er sich so ausdrückt, dann geht ihm wirklich was auf die Nerven (wahlweise andere wichtige Körperteile), oder es liegt ihm extrem viel dran. Sich pointiert ausdrücken ist sicherlich keine seiner Schwächen, auch wenn er sich immer darum gedrückt hat, einen Zeitschriftenartikel zu schreiben (v.a. in der Anfangszeit), aber das ist schon extrem für ihn.

Andererseits muss ich Christian recht geben - man sollte das nicht überbewerten, zumal Miguel's Schnauze nun wirklich auch nicht von Pappe ist.


Bewertung: 238 Punkte bei 33 Stimmen.
Den Beitrag bewerten: Gut / Schlecht
-
Re: Torvalds vs. GNOME: Interface-Nazis und Feature-Nutten
Harald Milz, Sonntag, 18. Dezember 2005 13:01:37
Ein/Ausklappen

Oh Gott. Ein Genitiv-Apostroph. Und das mir. Asche auf mein Haupt.


Bewertung: 214 Punkte bei 29 Stimmen.
Den Beitrag bewerten: Gut / Schlecht
Re: Torvalds vs. GNOME: Interface-Nazis und Feature-Nutten
Christian Stamitz, Mittwoch, 14. Dezember 2005 22:45:33
Ein/Ausklappen

Lest doch mal den Originalbeitrag Euch durch. Das wird hier zu einer Geschichte aufgeblasen. Wenn man jeden Forumskommentar von hier mit dieser Wichtigkeit wiedergeben würde...

Das war eine knappe pointierte Meinung, die viele Leute teilen und schon anderswo geäußert haben. Hier wiedergegeben klingt das aber wie eine pöbelnde Anmache mit dem Wunsch zum Flamewar.

Fakt ist doch:
- Gnome-Akteure haben häufiger unfair in Richtung KDE gegrätscht. Allen voran Miguel und Nat.
- GTK integriert sich absichtlich schlecht in den KDE Desktop, den die Gnome-Leute gerne mit QT verheiratet sehen wollen, während sie alles andere assimilieren. An den Hausaufgaben auf KDE Seite liegt es nicht. Warum GTK zum Beispiel keinen alternativen Filedialog bereitstellt, der dem KDE ( QT!) Dateidialog sich annähert, ist nicht zu erklären. Ich habe ja nichts dagegen wenn Gnome Programme die Gnome-Interfacestandards adaptieren. Aber unter KDE ausgeführt können sie sich GTK-Programme doch wohl an KDE annähern statt künstlich Alien zu spielen.
- not invented here-Syndrom und Neigung die eigenen Sachen zum Standard zu erklären
- Orientierungslosigkeit, kein stringentes Gesamtprojekt, Sammelsurium von zum Teil unausgereiftem Kram
- Benutzer wechseln recht unideologisch zwischen den Desktopumgebungen und Programmen aus beiden Flavours des Linux-Desktops. Weder muss Gnome langweilig grau sein noch KDE verspielt blau. Beide Projekte haben ihren eigenen Stil und ihre eigenen Vor- und Nachteile. Unnötige Doppelarbeit kann man aber vermeiden.
- Zusammenarbeit etwa bei Registry, gemeinsamer Themebridge usw. ist dringend geboten für den Erfolg von Desktop-Linux.
- Die Vorwände gegen QT sind zumeist unbegründet. QT ist ein sauberes klasse Paket, das man sich zum Vorbild nehmen sollte. Überladen ist die Linux-Plattform wegen librarities so oder so. Es kommt darauf an die Sauberkeit von QT in den Rest zu tragen und bestimmte alte Zöpfe abzuschneiden. Also auch Code-Usability, was viele Fehlerquellen vermeidet. Und von dirty hacks und Codemonstern abzusehen.


Bewertung: 224 Punkte bei 44 Stimmen.
Den Beitrag bewerten: Gut / Schlecht
-
Re: Torvalds vs. GNOME: Interface-Nazis und Feature-Nutten
Max Jonas Werner, Sonntag, 18. Dezember 2005 14:07:31
Ein/Ausklappen

Hi Christian, in ein paar Punkten hast du auf jeden Fall Recht. Vor allem Miguel und Nat haben oft noch härter gegen KDE gewettert, als Linus das nun gegen Gnome tut. Aber von Linus ist man das einfach nicht gewöhnt, das hat dann richtig geschockt. Orientierungslosigkeit, kein stringentes Gesamtprojekt, Sammelsurium von zum Teil unausgereiftem Kram Das trifft IMHO eher auf KDE zu als auf Gnome. Denn dort werden immer mehr Programme aufgenommen, ich bin z.B. von KDE auf Gnome gewechselt, weil mir KDE einfach viel zu überladen war. Und Abstürze hatte ich bei KDE öfters als jetzt mit Gnome. Was meinst du mit "stringentes Gesamtprojekt"? Die Vorwände gegen QT sind zumeist unbegründet. Der wichtigste Vorwand (Qt ist nicht frei) hat sich ja schon vor einiger Zeit in Luft aufgelöst, jedenfalls, was die Lizenz angeht. Für Programmierer ist Qt bestimmt um einiges komfortabler. Aber Qt 3 ist halt ein riesiger Klotz von Bibliothek; das wirkt sich auch auf die Performance aus. Aber mit Qt 4 wird alles besser™. ;) In Zukunft müssen sich Gnome und KDE auf jeden Fall einander annähern, und das tun sie ja auch, siehe Projekt Portland.

Gruß, Max


Bewertung: 229 Punkte bei 31 Stimmen.
Den Beitrag bewerten: Gut / Schlecht