War Open Office in Freiburg nur Sündenbock?

Timothy Simms, Fraktionsvorsitzender der Freiburger Grünen im Interview

Timothy Simms, Fraktionsvorsitzender der Freiburger Grünen im Interview

Markus Feilner
21.11.2012
Am gestrigen Dienstag hat der Gemeinderat Freiburg entschieden, nicht auf ODF und freie, offene Formate und Software zu setzen, sondern sogar seinen eigenen Beschluss aus 2007 revidiert. Der Soziologe Timothy Simms, stellvertretender Vorsitzender der Stadtratsfraktion Junges Freiburg/Die Grünen stellt sich den Fragen des Linux-Magazins.

Linux-Magazin: Herr Simms, 2007 sah alles so gut aus: Freiburg war ein Vorreiter in Sachen Open Source, Offenheit und Transparenz. Damals gab es einen Gemeinderatsbeschluss, der ODF als Standardformat und die Migration weg von proprietärer Software vorsah, vor allem im Office-Bereich. Jetzt, fünf Jahre später (das Linux-Magazin berichtete: [1], [2], [3] und [4]) hat der Gemeinderat diesen Entschluss kassiert und die Re-Migration auf Microsoft Office beschlossen. Wie konnte das passieren? Wie lief die Abstimmung?

Timothy Simms, stellvertretender Vorsitzender der Grünen im Freiburger Gemeinderat. (Quelle: Die Grünen Freiburg)

Timothy Simms: Freiburg - das war uns vorher gar nicht so bewusst - hat nie richtig zu Open Office gewechselt, vielmehr wurde in der Regel parallel mit dem veralteten MS Office 2000 gearbeitet. Dazu kam eine allgemeine Unzufriedenheit seitens der Fachverwaltungen gegenüber der IT. Dann ist OpenOffice ein Stück weit zu einem Symbol geworden für alles, was zwischen IT und Verwaltung nicht funktionierte.

"Nur ein Symbol für alles, was nicht funktionierte"

Im Zuge einer breit angelegten Organisationsuntersuchung der IT ging es daher auch um die Frage des angemessenen Office-Pakets. Unsere Fraktion Junges Freiburg/Die Grünen hat interveniert, damit das Thema in die Öffentlichkeit kommt und politisch entschieden wird - leider haben wir keine Mehrheit organisieren können.

In der Abstimmung gestern gab es zwei Enthaltungen, aber die Befürworter des Ausstiegs konnten sich mit 25 Stimmen gegen freie Software durchsetzen (dafür votierten 20 Stimmen).

"Man legte dar, ohne MS Office nicht arbeitsfähig zu sein"

Linux-Magazin: Warum haben so viele Gemeinderäte gegen freie Standards gestimmt?

Timothy Simms: Die Frage müssen wohl jetzt die 25 selbst beantworten. Die Gemeinderäte und -innen sind ja im Ehrenamt tätig. Viele sind älteren Semesters und kennen sich mit IT-Themen nicht sonderlich gut aus. Die wichtigen strategischen Aspekte von Open Source Software sind deshalb für viele von ihnen kaum nachvollziehbar. Software sehen sie als reines Arbeitsinstrument. Insofern haben viele der Verwaltung zugestimmt, die glaubwürdig und geschlossen (vom Personalrat bis zu den Dezernentinnen) dargelegt hat, dass sie ohne Microsoft Office aktuell nicht arbeitsfähig ist.

Linux-Magazin: Welcher Druck wurde von außen auf die Entscheider in der Abstimmung ausgeübt?

Timothy Simms: Die OSBA hat sehr konstruktiv und detailliert die GemeinderätInnen über die Schwachpunkte des Gutachtens und andere wichtige Aspekte der Entscheidung informiert - nicht nur schriftlich, sondern auch mündlich. Auch einzelne BürgerInnen haben sich mit pro-OpenOffice-Argumenten an die Ratsfraktionen gewandt.

"Eindeutige Ablehnung von Open Office bei Mitarbeitern der Verwaltung"

Die Verwaltung aber hat natürlich bei allen Gelegenheiten deutlich gemacht, dass man jedoch dringend Microsoft Office benötige. Ich habe leider kein einziges Gespräch in letzter Zeit mit einem Verwaltungsmitarbeiter oder einer Mitarbeiterin gehabt, bei der das Thema Software nicht mit einer eindeutigen Ablehnung von OpenOffice verbunden war. Seitens Microsoft sind mir keine Einflussnahmen bekannt.

Linux-Magazin: Ist das Gutachten denn neutral entstanden und glaubwürdig?

Timothy Simms: Das Gutachten ist klar angreifbar, sowohl was einzelne Bewertungen und auch Tatsachenbehauptungen anbelangt. Es hat aber in der politischen Diskussion nicht die Hauptrolle gespielt und es lag sicherlich nicht am Gutachten, dass die Mehrheit so war, wie sie ist.

"Ein Modell dafür, wie man eine Migratíon nicht angehen sollte"

Den Gutachter selbst halte ich für glaubwürdig, ich habe ihn in den internen Vorberatungen, die der Ratsentscheidung vorangingen, als sehr fair erlebt. Die Office-Frage ist nur eine Frage innerhalb einer größeren Organisationsuntersuchung des IT-Bereichs, und auf diese Gesamtaussage bezogen, hat der Gutachter sehr gute Arbeit geleistet.

Linux-Magazin: Wie geht es weiter in Freiburg?

Timothy Simms: Man kann aus der mißglückten Office-Umstellung in Freiburg lernen, wie man eine Migration besser nicht angeht und dass man als an OSS-Einsatz interessierte Ratsfraktion immer am Ball bleiben muss und auch vermeintliche Erfolgsmeldungen kritisch hinterfragen sollte.

"Einheitliche Strategie ist gefragt!"

In Freiburg geht es jetzt darum, den IT-Bereich gut aufzustellen, verloren gegangenes Vertrauen zwischen IT und Fachverwaltungen wiederaufzubauen, so daß man das Thema Migration in einigen Jahren unter strukturell besseren Bedingungen ernsthaft angehen kann.

Linux-Magazin: Wie passt die Entscheidung ins "grüne Ländle"?

Timothy Simms: Das Land selbst braucht endlich eine einheitliche IT-Strategie und sollte den Kommunen helfen und Anreize schaffen, offene Standards und Open Source Software einzusetzen.

Update: Die Pressestelle der Stadt Freiburg hat inzwischen eine Pressemitteilung zur Abkehr von Open Office veröffentlicht.

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Kommentare
Wenn schon, denn schon!
Joerg Schiermeier, Mittwoch, 21. November 2012 20:02:09
Ein/Ausklappen

Mal sehen:
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joerg [3]:~$ w3m -dump_head freiburg.de
Received cookie: JSESSIONID=8EAF36AFE8BF76E94829A6A49CE6810A
HTTP/1.1 200 OK
Date: Wed, 21 Nov 2012 18:57:13 GMT
Server: Apache/2.2.21 (Linux/SUSE)
X-Powered-By: Servlet/3.0; JBossAS-6
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Also meine Damen und Herren vom Rat - so geht es doch nicht. Auf der einen Seite beschließen, dass man keine OSS mehr einsetzen will, und dann das!
Da wird die freundliche Webseite der Stadt Freiburg doch vom Apache-Server serviert! Undenkbar!!

Bitte nehmen Sie sofort Ihren Webserver vom Netz! Das geht doch mal gar nicht - Apache auf SUSE!
Also auch noch mit einem Betriebssystem, was mal Stuttgart (!!) seine Wiege hatte.

NeeNeeNeeNee!!



Bewertung: 282 Punkte bei 43 Stimmen.
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Wenn schon, denn schon!
Joerg Schiermeier, Mittwoch, 21. November 2012 20:02:09
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Received cookie: JSESSIONID=8EAF36AFE8BF76E94829A6A49CE6810A
HTTP/1.1 200 OK
Date: Wed, 21 Nov 2012 18:57:13 GMT
Server: Apache/2.2.21 (Linux/SUSE)
X-Powered-By: Servlet/3.0; JBossAS-6
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Also meine Damen und Herren vom Rat - so geht es doch nicht. Auf der einen Seite beschließen, dass man keine OSS mehr einsetzen will, und dann das!
Da wird die freundliche Webseite der Stadt Freiburg doch vom Apache-Server serviert! Undenkbar!!

Bitte nehmen Sie sofort Ihren Webserver vom Netz! Das geht doch mal gar nicht - Apache auf SUSE!
Also auch noch mit einem Betriebssystem, was mal Stuttgart (!!) seine Wiege hatte.

NeeNeeNeeNee!!



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