Streit um Lenny

Ted Ts'o will schlichten

Ted Ts'o will schlichten

Britta Wülfing
29.12.2008 Der frisch gekürte technische Leiter der Linux Foundation und Kernel-Entwickler Ted Ts'o greift in den aktuellen Streit um die nächste Debian-Version 5.0 ein.

Der Streit um freie und proprietäre Bestandteile in Debian GNU/Linux schwelt seit langem und führt bei bevorstehenden Neuauflagen des Betriebssystems wiederholt zu Diskussionen. So gipfelte die kürzlich anberaumte Abstimmung über Debian Lenny, den Sozialvertrag und die Release-Politik nun im Rücktritt des langjährigen Projektsekretärs Manoj Srivastava. Ted Ts'o, der prominente Linux-Entwickler und Technikchef der Linux Foundation, kommentiert die Debatte in einem Blogeintrag und nutzt ein Zitat aus einem Buch von Gordon Dickson zur Veranschaulichung, in dem es um Philosophen geht und deren militante Anhänger, die ihre Ideen kompromisslos vertreten. Ts'o schreibt:

"Der Konflikt zwischen Idealismus und Pragmatismus ist relativ alt in der Bewegung für Freie und Open Source Software."

Er nennt Richard Stallman als Beispiel für jemanden, der nie Kompromisse geschlossen habe für seine Vision der Freiheit von Software.

Besonders sauer aufstoßen mag es manchem Debian-Entwickler, wenn Ts'o ausgerechnet das Debian-Derivat Ubuntu als Positivbeispiel heranzieht: Obwohl er nicht in allen Dingen einer Meinung mit Shuttleworth sei und auch nicht immer mit der Art einverstanden, wie Shuttleworth Canonical und die Linux-Variante Ubuntu führe, gebühre ihm Beifall für die Regeln, die er für seine Linux-Variante einführte: den Ubuntu Code of Conduct.

Ts'o empfiehlt den Debian-Entwicklern, sich ein wenig mehr am Ubuntu-Regelwerk zu orientieren: Er glaubt, damit könnten sie effizienter und das Projekt erfolgreicher sein. „Dies erfordert jedoch möglicherweise, dass sich die Bedeutung von philosophischen Konstrukten wie Freie Rede und Freie Software verringert,“ so der Linux-Entwickler. „Stattdessen könnte man pragmatischer und rücksichtsvoller miteinander umgehen.“

Die Wortwahl des Debian-Sozialvertrags ist nach Meinung Ts'os ein Teil des Problems. Er zitiert den ersten Paragraph, in dem es heißt: „Debian wird zu 100 Prozent frei bleiben. (...) Wir werden das System niemals so aufbauen, dass es eine nicht-freie Komponente verlangt.“ Ts'o bemängelt, dass Ausdrücke wie „100 Prozent“ und „niemals“ keinen Platz für Kompromisse ließen. Er weist auf eine Eigenheit der Berufsgruppe hin, die diesen Vertrag nutzt: „Zusätzlich wird der Debian-Sozialvertrag von Programmierern interpretiert, die dazu neigen, solche Imperative als Zwang zu betrachten, der niemals verletzt werden darf, unter keinen Umständen.“

Der Kernel-Entwickler findet jahreszeitlich passende Beispiele dafür, dass auch strikte Regeln Ausnahmen kennen: Die biblischen Gebote „Du sollst nicht töten“ und „Du sollst nicht stehlen“, die durch die Lebensumstände beispielsweise in Kriegen oder Hungersnöten relativiert würden. Er folgert: „Wenn also selbst zum sechsten und achten Gebot Ausnahmen möglich sind, wie kann es dann sein, dass einige Debian-Entwickler den ersten Paragraph des Debian-Sozialvertrags nach dem Motto 'macht keine Gefangenen, keine Ausnahmen' verfolgen?“ Er verweist auf den vierten Absatz des Debian-Sozialvertrags, der den Bedürfnissen der Anwender und der Community Priorität einräumt, und pocht darauf, dass die Realität zeige, dass Ausnahmen möglich sein müssten.

Seine eigene Einstellung dazu beschreibt Ts'o so: „Ich glaube, dass „zu 100 Prozent freie Software“ ein wunderbar erstrebenswertes Ziel ist“ − aber es müsse auch Überlegungen darüber hinaus geben. Mit Bezug auf die Heftigkeit und den Ton der Debatte findet er ein weiteres biblisches Beispiel im Gebot der Nächstenliebe. Ts'o: „Selbst für die, die Christentum nicht als ihre religiöse Tradition betrachten, haben die meisten ethischen und moralischen Regelwerke eine Variation der Goldenen Regel: 'Was du nicht willst was man dir tu, das füg auch keinem andern zu'.“ Er warnt davor, Freie Software als Ersatzreligion mit absolutistischem Anspruch zu vertreten und schildert seinen eigenen Standpunkt: „Letztlich halte ich Menschen für wichtiger als Computer, Hardware oder Software.“

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Kommentare
Alternatve zu Debian
Torsten (unangemeldet), Donnerstag, 01. Januar 2009 19:31:34
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Es gibt zu Debian auch eine Alternative und zwar "gNewSense". Bei gNewSense gibt es nur 100% freie Software, alle properitären Anwendungen wurden entfernt. Diese Distribution wird von Richard Stallman (den ich persönlich gut kenne), sowie von der FSF unterstützt.
Ich nutze gNewSense jetzt schon seit fast 2 Monaten und bin recht zufrieden.

Wer mehr wissen will, gehe einfach mal auf http://www.gnewsense.org



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So klasse Debian auch ist...
Peter (unangemeldet), Montag, 29. Dezember 2008 19:22:08
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Also, so klasse und gut Debian auch ist, aber der ganze Streit um Debian 5 ist eines der Gründe, warum ich zu Ubuntu zurückgekehrt bin. Bei Debian kommen die ja leider kaum noch in die Pötte. So kann man eine sehr gute Linux-Distribution total versaubeuteln, bzw. totmachen.


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Re: So klasse Debian auch ist...
August Meier (unangemeldet), Montag, 29. Dezember 2008 22:23:22
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Ohne Debian gibt es kein ..buntu - wenn also Debian "nicht in die Pötte kommt", kommt ..buntu auch nicht vom Fleck.

Grüsse

August Meier


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Re: So klasse Debian auch ist...
Thomas (unangemeldet), Dienstag, 30. Dezember 2008 22:23:35
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das glaube ich weniger. Bei Ubuntu tut sich was, wogegen sich bei Debian kaum noch etwas bewegt. Bei Debian wird endlos herumdebattiert, das stimmt, aber das ist leider auch schon alles.




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Re: So klasse Debian auch ist...
Schnellinger (unangemeldet), Dienstag, 30. Dezember 2008 01:26:16
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Was glaubste denn wo dein Ubuntu herkommt und wer den Großteil der Pakete dafür entwickelt, Shuttleworth oder der Weihnachtsmann?
Das sind immer noch die Debian-Entwickler ohne die es geanu null Ubuntu gäbe.
Für einen OS-Dicksize-War sollte man mit Fakten arbeiten, nicht mit FUD.


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